Montag, 20. Mai 2013

06. August 2011 07:00 Uhr

Landgericht Augsburg

Der arme Herr Professor

Wie ein früherer Augsburger Chefarzt die Justiz narren wollte und nur in letzter Minute dem Gefängnis entging.

Alexander Kaya

Augsburg Diese Geschichte könnte ein Lehrstück dafür sein, dass manche Menschen meinen, sie verdienten bei Gericht eine Sonderbehandlung. Sie könnte aber auch ein Lehrstück dafür sein, dass sich die Justiz von solchen Menschen nicht auf der Nase herumtanzen lässt.

Diese Geschichte begann am 26. Februar 2007 und endete vergangene Woche. Erst jetzt war ein früherer Chefarzt des Augsburger Klinikums bereit, seine Strafe wegen uneidlicher Falschaussage endgültig zu akzeptieren und die vom Landgericht Augsburg verhängte Geldauflage vollständig zu bezahlen. Und dies nur, weil er praktisch schon mit einem Bein im Gefängnis stand.

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Diese Geschichte begann in der Zeit, als der Politikersohn Max Strauß zum zweiten Mal in Augsburg vor Gericht stand – und schließlich vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen wurde. Der 71-jährige Professor hatte in dem Prozess einen denkwürdigen Auftritt als Zeuge. Der Ex-Chefarzt hatte der Augsburger Reinigungstechnik-Firma Böwe Ende der 1980er Jahre einen Kontakt zum Politikersohn verschafft. Strauß sollte als „Türöffner“ dazu beitragen, dass die wirtschaftlich angeschlagene Firma Subventionen aus dem bayerischen Umweltministerium erhält. Der Dermatologe hatte dem damaligen Böwe-Chef, der ebenfalls wegen Falschaussage rechtskräftig verurteilt ist, bei einem Rotarier-Treffen angeboten, er könne einen Kontakt zu seinem Freund Max Strauß knüpfen.

Es gab ein Gespräch im Ministerium und im Sommer 1990 floss rund eine Million Mark an Fördergeldern. Für den Erfolg des Subventionsantrags zahlte Böwe eine Provision von insgesamt 190000 Mark. Die ging, in neun Tranchen, auf das anonyme Schweizer Nummernkonto CQUE 315.013. 60 C. Bis heute ist ungeklärt, wer das Geld erhalten hat. Fakt ist: Das Konto gehörte dem Professor aus Augsburg.

Der Mediziner log als Zeuge im Prozess gegen Max Strauß

 

Der frühere Chefarzt tischte als Zeuge dem Gericht eine höchst merkwürdige Geschichte auf: Er bestritt, dass er etwas von Provisionen wusste und dass er Max Strauß als Lobbyist vermittelt habe. Und dann erzählte er noch die Story vom großen Unbekannten: Im Auftrag der Firma Böwe habe er die 190000 Mark in bar abgehoben und an einem vereinbarten Treffpunkt einem ihm völlig unbekannten Mann übergeben. Einfach so, ohne Quittung. Dies alles verwies die Staatsanwaltschaft ins Land der Märchen und nahm Ermittlungen gegen den angesehenen Mediziner auf. Die führten schließlich zu einer Anklage, zu einem Prozess und im Oktober 2008 zu einer Verurteilung wegen uneidlicher Falschaussage. Das Strafmaß: ein Jahr Freiheitsstrafe zur Bewährung und 150000 Euro Geldauflage. Der Verurteilte lamentierte noch, er „verzweifle an unserem Rechtsstaat“ und zahlte zunächst einen Teil der Geldauflage. Dann aber legte er Rechtsmittel ein und versuchte die Höhe der Geldstrafe zu reduzieren. Als er sowohl beim Oberlandesgericht München als auch beim Bundesgerichtshof scheiterte, reduzierte er nach Informationen unserer Zeitung eigenmächtig die Zahlungen auf Raten von 50 Euro monatlich.

Das wiederum brachte die Staatsanwaltschaft auf die Palme. Sie beantragte, die Bewährung zu widerrufen. Der Professor, der in der Toskana wohnt und keinen Wohnsitz mehr in Deutschland hat, hätte die Freiheitsstrafe absitzen müssen. Doch dann, in letzter Minute, die Kehrtwende: Der Verurteilte kam mit einem neuen Anwalt zur Anhörung nach Augsburg und erklärte sich bereit, zu zahlen.

Nun hat er knapp 100000 Euro überwiesen. Der Vorsitzende der 3. Strafkammer, Karl-Heinz Haeusler, bestätigte dies auf Anfrage und erklärte, der Zahlungseingang sei mit einem Überweisungsbeleg nachgewiesen worden. Die Staatsanwaltschaft zog nun ihren Antrag auf Widerruf der Bewährung zurück. Richter Haeusler kommentierte das Verfahren mit den Worten: „Die Justiz lässt sich nicht vorführen.“

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Unsere Autoren von A bis Z
Holger Sabinsky-Wolf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt