Freitag, 23. Juni 2017

19. Juni 2017 18:22 Uhr

Region

Die unglaubliche Geschichte dieses Bildes

Einen solchen Zufall kann es nicht geben – oder doch? Renate Kinzer aus Kempten suchte schon lange Aufnahmen ihrer früh gestorbenen Mutter. Dann findet sie eines in der Zeitung.

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Zwei hübsche junge Frauen unterhalten sich. Sie tragen schicke Kleider, die Ärmel sind kurz. Es muss Sommer sein, aber das ist auf dem Foto nicht vermerkt. Im Hintergrund macht ein Bettengeschäft Werbung. Auf der Straße drehen alle anderen der Kamera den Rücken zu. Es geht um die Frauen im Vordergrund. Sie plaudern miteinander, vielleicht überlegen sie, wo sie am Abend tanzen. Ein schönes Bild, bis der Blick die Hakenkreuzfahne im Hintergrund entdeckt – es ist ein Foto aus den 1930er Jahren.

Sie kommt von diesem Bild nicht mehr los

Aufmerksame Leser dieser Zeitung könnten sich an das Bild erinnern. Es war schon einmal gedruckt. Warum bringen wir es jetzt wieder? Als wir über die Ausstellung „Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich“ im Augsburger Textilmuseum berichtet haben, war uns über die Geschichte der Aufnahme nichts bekannt. Heute wissen wir, dass die Frauen auf dem Foto Hildegard Kunze und Ilse Unbehagen heißen, dass sie nicht nur verwandt miteinander waren, nämlich Cousinen, sondern dass sie auch eng befreundet gewesen sind. In Jena spielt sich diese Straßenszene ab. 1934 oder 1935, vielleicht auch 1936; allerdings bekam Hildegard Kunze 1936 ein Kind und schwanger schaut sie, die linke der beiden Frauen, auf dem Foto nicht aus. Wir wissen mittlerweile auch, dass Ilse Unbehagen, die rechte Frau auf dem Foto, nicht alt wurde. Sie starb 1951 – mit 44 Jahren. Die genaue Todesursache ist nicht bekannt. Eines ihrer vier Kinder lebt heute im Allgäu.

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Als Renate Kinzer am 13. Mai in Kempten unsere Zeitung aufschlägt, kommt sie von diesem Bild nicht los. Der Artikel erzählt, welche Modeideale es in den 1930er und 1940er Jahren im Deutschen Reich gab. Auf dem Foto sind jene zwei hübschen und elegant gekleideten Frauen abgebildet. Aber dort steht nicht, wo das Foto aufgenommen wurde und wer die Frauen sind. Die rechte kommt ihr bekannt vor. Das Profil, diese Welle im Haar. Und ihrem Mann Eberhard Kinzer geht es genauso. Mit diesem Foto ist etwas. Es zieht sie förmlich an. Aber kann es einen solchen Zufall wirklich geben? Renate Kinzer glaubt, dass das auf dem Bild ihre Mutter ist. Und jetzt steht sie vor einem Rätsel, für dessen Lösung eine Telefonkette in Gang gesetzt wird, die hunderte Kilometer umfasst. Einem Rätsel, das sie letztlich wieder mit einem Menschen zusammenbringt, mit dem sie Jahrzehnte keinen Kontakt hatte.

Wirklich hundertprozentig sicher ist sich Kinzer anfangs nicht. Von ihrer Mutter hat sie nur sehr wenige Fotos. Und es kommt hinzu, dass die eigenen Erinnerungen so weit zurückliegen, weil ihre Mutter Ilse Lippross, geborene Unbehagen, so früh starb. Da war Renate Kinzer sechs Jahre alt. Das meiste von dem, was Kinzer über ihre Mutter weiß, hat sie aus zweiter Hand erfahren. Etwa von ihrem Vater Otto Lippross, der 1952 damit begann, eine Familienchronik zu begründen. Er war es, der am Anfang seine Frau, „das U-Chen“, zum ersten Jahr nach ihrem Tod zu Wort kommen ließ. Der Vater berichtet, dass Ilse Unbehagen 1907 in Maceio in Brasilien geboren wurde. Es waren exotische und behütete Verhältnisse, die Familie lebte im Wohlstand, bis Ilses Vater an Gelbfieber starb. Ilse Unbehagen war da sechs Jahre alt – genauso alt wie Renate Kinzer, als sie ihre Mutter verlor. Die Familie musste zurück nach Deutschland, die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg vernichtete das Vermögen vollends.

Renate Kinzers Mutter starb früh

Wenn man mit Renate Kinzer über ihre Mutter Ilse Unbehagen spricht, spürt man förmlich, wie gerne sie sich einmal richtig mit ihr unterhalten hätte. „Sie war eine besondere Frau, ein besonderer Mensch“, sagt sie heute. Während Kinzer freiwillig auf ihre eigene Karriere als Ärztin verzichtet und sich um die drei Kinder und die Praxis ihres Manns gekümmert hat, musste es ihre Mutter unfreiwillig machen. Denn das Geld war damals knapp. Ilse Unbehagens Mutter gab Klavierunterricht, um ihre Töchter durchzubringen. Ilse Unbehagen musste die Schule früher verlassen und einen Beruf ergreifen, um ihre Mutter und später das Studium ihrer Schwester Mally zu finanzieren.

„Das waren andere Zeiten“, sagt Kinzer, ihre Mutter habe früh Verantwortung übernommen, habe ihre Karriere zugunsten der Schwester aufgegeben. Als sie später in Jena Mitarbeiterin des berühmten Internisten Ludwig Heilmeyer war, lernte sie 1936 ihren künftigen Mann Otto Lippross kennen. Und nun taucht dieses Foto auf, das aus jenen Jahren stammt und auf dem zu sehen ist, in welch hübsche Frau sich ihr Vater verliebt hat.

So wenige Aufnahmen haben den Krieg überdauert. Sie hat nur eine Handvoll Fotos von ihrer Mutter, erzählt Kinzer. Die Familie zog von Jena nach Dresden, dort bekam Ilse Unbehagen jeweils im Abstand von nur einem Jahr vier Kinder. Sie, Renate, ist die jüngste, 1944 geboren.

Dresden war die Stadt, die Ilse Unbehagen, die mittlerweile Lippross hieß, geliebt hat. Umso schlimmer traf sie der Bombenangriff im Februar 1945. „Ich glaube, dass sich meine Mutter von diesem Ereignis nie mehr erholt hat“, sagt die Tochter. Mit vier Kindern – ihr Mann war als Arzt an der Front – lief sie durch die brennende Stadt. Das historische Juwel hatte sich in einen Vorhof der Hölle verwandelt, überall brennende Häuser, brennende Menschen, Weltuntergang. Irgendwie schaffte es die Mutter, ihre vier Kinder unversehrt aus der Stadt zu bringen. Was Wochen später mit ihr geschah, als die Rote Armee einmarschierte, darüber hat Ilse Unbehagen nie ein Wort verloren.

Nun beginnt sich der Kreis zu schließen

Eines der Fotos, die Kinzer von ihrer Mutter hat, zeigt diese mit den vier Kindern im zerstörten Dresden. Aber jetzt, nachdem sie dieses Bild in der Zeitung gesehen hat, sucht sie ein anderes. Darauf hält ihre Mutter Kinzers Bruder Otto-Gerd als Baby auf dem Arm. Und ja, die Kette dort ist die gleiche. Jetzt ist sie sicher, das muss Ilse Unbehagen in den 1930er Jahren sein. Das lässt Renate Kinzer keine Ruhe mehr. Sie telefoniert, erst mit der Allgäuer Zeitung in Kempten, danach mit Robert Allmann, dem Pressesprecher des Textil- und Industriemuseums in Augsburg. Dieser weiß auch nicht mehr über das Bild, aber er weiß, wer diese Aufnahme in den Umlauf gebracht hat.

Die Spur führt nach Nordrhein-Westfalen. Allmann nimmt dort Kontakt mit dem LVR-Industriemuseum auf, das in Oberhausen und sechs weiteren Orten Museen unterhält und diese Ausstellung über die Mode im Dritten Reich konzipiert hat. Von dort hat das Augsburger Textil- und Industriemuseum nicht nur die Idee und viele Exponate übernommen, sondern auch das Pressematerial zur Schau, aus dem wir uns für unsere Berichterstattung bedient haben. Dort wird Allmann schnell an die Textilrestauratorin Caroline Lerch verwiesen. Das Foto stammt aus dem Familienalbum ihrer Mutter. Sie kann Allmann erst nur sagen, dass die linke Frau auf dem Bild ihre Großmutter Hildegard Kunze ist. Aber damit beginnt sich der Kreis zu schließen. Während Renate Kinzer in Kempten auf die Lösung des Rätsels wartet, während Allmann in Augsburg jetzt auch gespannt ist, was es mit diesem Bild auf sich hat, nimmt Lerch von Oberhausen aus Kontakt mit ihrer Mutter Beate Strater in Münster auf. Die weiß es sofort. „Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben über begleitet“, sagt Strater. Links, das ist ihre Mutter Hildegard Kunze, rechts das ist deren Cousine und enge Freundin Ilse Unbehagen. In Jena sei das Bild aufgenommen worden, wahrscheinlich 1934 oder 1935, spätestens 1936.

Man muss sich nur einmal vorstellen, welchen unwahrscheinlichen Weg dieses Foto gegangen ist, um zu Renate Kinzer zu kommen. Caroline Lerch hat es eingespeist in den Pool möglicher Aufnahmen aus den 1930er und 1940er Jahren für die Ausstellung. Ausgewählt haben es dort die Kuratoren. Das Bild hat die Mode der Zeit so gut getroffen, dass es zu den wenigen Fotos aus der Zeit gehörte, die auch als Pressematerial weiterverwendet worden sind. Aus diesem Pool, den auch das Textil- und Industriemuseum Augsburg verwendet hat, rund 25 Fotos, haben wir uns für unsere Berichterstattung bedient. An jeder einzelnen Stelle hätte eine andere Entscheidung den Fund unmöglich gemacht. Es gibt Zufälle, ja, aber in diesem Fall muss man fast an eine schicksalhafte Fügung glauben, dass dieses Bild von Ilse Unbehagen endlich den Weg zu Renate Kinzer findet.

Und vielleicht findet Kinzer ja bald noch mehr Fotos. Die beiden Großcousinen haben schon ein langes Telefongespräch miteinander geführt. Sie haben sich viele Jahre nicht mehr gesehen und im Grund aus den Augen verloren. Das Bild hat sie wieder zueinander geführt. Eine Stunde haben sie miteinander gesprochen, sie sind jetzt per Du, können diese unwahrscheinliche Geschichte mit dem Foto selbst kaum glauben, haben sich schon für ein Treffen verabredet und wollen dann in Münster gemeinsam das Familienalbum durchblättern und nach weiteren Aufnahmen suchen.

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Ein Artikel von
Richard Mayr

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal

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