Dienstag, 26. September 2017

06. Dezember 2013 07:00 Uhr

Quadro Nuevo-Musiker

Ein Moment zerstörte sein Leben

Robert Wolf spielte mit „Quadro Nuevo“ weltweit Konzerte. Bis ein Moment alles veränderte. Nun ist er querschnittsgelähmt. Aber es gibt einen Menschen, der ihn am Leben hält.

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Robert Wolf ist ein großartiger Musiker. Er hat mit Weltstars wie Paco de Lucia gespielt, mit seiner Combo „Quadro Nuevo“ kreiert er berührende Klänge voller Lebenslust – Weltmusik, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet wird. Frauen bewundern ihn, den Star. Der 51-Jährige ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere und am 30. November 2008 unterwegs zu einem Konzert in Augsburg.

Es gibt Momente im Leben, da hört die Welt auf, sich zu drehen. Und wenn sie sich wieder dreht, wird nichts mehr so sein wie zuvor. Klingt etwas abgedroschen, der Spruch. Bei Robert Wolf trifft er zu. Ein tragischer Moment hat dem Musiker fast alles geraubt, was sein Leben davor ausmachte. Ein Moment, für den er nichts kann.

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Er kann nie wieder Musik machen

An diesem frühwinterblauen Montag sitzt der Mann in seinem Rollstuhl. Er kann nur den rechten Arm bewegen. Sein früheres Leben ist sozusagen wie auf Knopfdruck gelöscht. Lieder spielen, das weiß er, wird er nie mehr können.

Wenn er auf seine Konzertgitarre sieht, die in diesem Moment vor ihm auf dem Tisch liegt, ist ihm zum Weinen zumute. Man sieht es ihm an. Allein, er weint nicht. Wahrscheinlich kann er es nicht mehr – nach fünf Jahren im Rollstuhl, halsabwärts gelähmt, werden Tränenkanäle zur Wüste. Und wäre da nicht die Liebe von Angelika, seiner 32-jährigen Lebensgefährtin, wer weiß, ob die negativen Gedanken ihn nicht schon zugrunde gerichtet hätten.

"Kilometer 44,4 - 16.04 Uhr"

Der 30. November 2008 ist Robert Wolfs Schicksalstag. Er ist auf der Autobahn A 8 unterwegs. Die Daten, wo und wann der Unfall sich ereignet hat, repetiert er so schnell wie ein Computer: „Kilometer 44,4 – 16.04 Uhr“, rattert es aus seinem Mund. Die Stelle befindet sich vor dem Derchinger Berg, der runter in die Lechebene führt. „Das vergisst man nicht, niemals“, sagt Wolf.

Der Unfallverursacher hat sich sich bis heute nicht entschuldigt

Damals wird die Autobahn zwischen Augsburg und München gerade sechsspurig ausgebaut. Eine Seite ist bereits dreispurig fertig, die gegenüberliegende noch Baustelle. Den anderen sieht er kommen. Viel zu schnell sei der in eine Tempo-60-Zone gerast.

Dann überschlagen sich die Dinge. Das Auto des anderen gerät außer Kontrolle, durchbricht die provisorischen Leitplanken. Das Fahrzeug prallt auf einen Mercedes. Das Ehepaar darin, beide 48 Jahre, kommt ums Leben. Dann fliegt das Auto in Wolfs Bandbus. Als der Musiker wieder aufwacht, liegt er auf der Straße. Wie er da hinkam, weiß er bis heute nicht. „Ist der fünfte Halswirbel erst bei der Rettungsaktion gebrochen?“ Die Frage hat ihn lange beschäftigt. Jetzt ist ihm klar: Grübeln ist sinnlos. Die Antwort wird er nicht finden.

Der Unfallverursacher will sogar gegen seine Strafe klagen

Der Unfallverursacher, wie sich herausstellt ein 71-jähriger Mann, kommt praktisch ohne Verletzungen davon. Er hat sich nie bei Robert Wolf gemeldet. Keine Entschuldigung, keine Erklärung, nichts. Aus dem Staub gemacht hat er sich. Sein Opfer ist heute trotzdem nicht mehr enttäuscht darüber. „Aufregen bringt nichts“, sagt Wolf. Der andere will zunächst sogar gegen die milde Strafe von drei Punkten in Flensburg und einer Geldstrafe von 6000 Euro klagen. Kurz vor dem Prozess zieht er seinen Einspruch zurück. Wolf versucht ein Lächeln, als er es erzählt.

Sieben Monate dauert es, bis er wieder nach Hause darf, ins oberbayerische Amerang bei Wasserburg am Inn. Die Ärzte stellen keine gute Prognose. Es wäre ein Wunder, würde der Gitarrist wieder laufen lernen. „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlechter wird“, beurteilt Wolf heute seine Lage realistisch, fügt aber hinzu: „Ich habe meine Situation innerlich noch nicht realisiert.“ Der Mann verdrängt die Ausweglosigkeit, will sie seelisch nicht akzeptieren. Obwohl er genau weiß, wie es um ihn steht.

Robert Wolf ist sichtlich gealtert

In den vergangenen fünf Jahren ist Robert Wolf sichtlich gealtert. Haare und Bart eisgrau, Tränensäcke unter den Augen. In einer ärmellosen Daunensteppjacke und mit Schal um den Hals sitzt er ein wenig aufgeregt im Rollstuhl seines gemütlich eingerichteten Wohnzimmers. Auf dem naturbelassenen Holztisch seines behindertengerecht umgebauten Hauses stehen Kaffee, Lebkuchen, Kekse und Kuchen.

"Wenigstens rauchen kann ich noch"

Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ traut man sich nicht zu stellen. Sie rutscht einem trotzdem raus. Wolf antwortet überraschend: „Langweilig wird mir nicht. Viele Freunde schauen regelmäßig vorbei. Ich schlafe viel, zwölf Stunden täglich, und höre noch immer gerne Musik.“ Die Gefühle dabei seien aber voller Widersprüche. Wehmut tauche oft auf. Das vermittelt er auch in diesem Moment. Robert Wolf versucht, seine Psyche mit Medikamenten halbwegs stabil zu halten. Er raucht. Das verschaffe ihm so etwas wie Glück, sagt er. Es klingt fast zynisch, wenn er trocken feststellt: „Wenigstens rauchen kann ich noch selbst, eine letzte Reminiszenz an mein früheres Leben.“

Das bestand seit 1996 vornehmlich aus „Quadro Nuevo“. Die Liste der Auszeichnungen für die Gruppe ist lang: Allein 13 „German Jazz Awards“ finden sich darauf, auch erste Plätze in den World Music Charts. Sogar zwei „Echos“ gab es: 2010 und 2011. Da war Robert Wolf schon nicht mehr dabei.

Die Bande zu "Quadro Nuevo" haben sich gelockert

„Quadro Nuevo“ hat damals schnell Ersatz für Robert Wolf gefunden. Das Quartett ist weiter gut im Geschäft. Zweimal im Jahr kommen ihn die Musiker besuchen. Man spürt, es enttäuscht den früheren Gitarristen, dass die Bande so locker geworden sind. Es ist zudem eine Lehre für alle, die glauben, sie seien unersetzlich. Auch große Lücken füllen sich meist wie von selbst.

Noch erheblich mehr als die alte Band belastet ihn der sich zäh hinziehende Scheidungsstreit mit seiner dritten Ehefrau. Dass er sie drei Jahre vor seinem Unfall für seine neue Lebensgefährtin Angelika verlassen hat, konnte diese ihm offenbar bis heute nicht verzeihen. Dass sie Managerin von „Quadro Nuevo“ ist, verschärft die Situation.

Seine Ex-Frau will Geld von ihm

Die Frau beansprucht die Hälfte der Zahlungen aus der Unfallversicherung. Dafür kämpft sie sogar vor Gericht. „Ich brauche das Geld aber“, sagt wiederum Robert Wolf und schaut betreten zu Boden. Es fällt ihm schwer, über dieses Dilemma zu sprechen. Zumal er den Ärger nicht wie andere Menschen etwa durch Sport abbauen kann. Bei Wolf verursacht das Krämpfe und Spasmen.

Der 56-Jährige hatte in den vergangenen Jahren viel Zeit, über sein Leben nachzudenken. Die wichtigste Erkenntnis ist: Es gibt manch Schönes, das er früher in der Hektik des Alltags am Wegesrand übersehen hat; scheinbar Unwesentliches, das aber die Seele berühren kann – ein Sonnenuntergang beispielsweise oder der Gesang der Vögel im Garten. Das gibt ihm Kraft.

Das und Angelika Eisner, die ihn nicht nur an diesem Nachmittag umsorgt. Seit acht Jahren ist er mit der bildhübschen jungen Frau zusammen. Nach drei gescheiterten Ehen kann man die Oberbayerin ohne Übertreibung als den Lichtblick in seinem Leben bezeichnen.

Am 11. Januar beginnt die gemeinsame Zukunft

Die Geschichte dieser Liebe könnte kein Drehbuchautor besser schreiben. Da hat einer alles verloren – nur das Wichtigste nicht, die Liebe. Sie, die Schwester des Saxofonisten von „Quadro Nuevo“, hielt zum Star – auch in schlechten Zeiten. Fragt man Robert Wolf, was ihm Lebensmut gibt, antwortet er: Angelika! Er schaut sie dabei an, sie lacht zurück. Sie, die Dynamische, die Frau voller Lebensenergie, ist so etwas wie eine stete Stromquelle für seinen leeren Akku. Aber auch er hat ihr wohl etwas zu bieten, was sie sucht. Fragen danach verbietet die Diskretion.

Robert Wolf und Angelika Eisner haben ihr künftiges Leben geplant. Ihr gemeinsames Leben. Am 11. Januar wollen sie in Amerang heiraten. Eine kleine Parallele zu früher: Es war auch ein Januar, vor 18 Jahren, als sich zum ersten Mal vier junge Musiker auf einem Parkplatz in der Nähe von Salzburg trafen und „Quadro Nuevo" gründeten.

Wolf will für den Gemeinderat kandidieren

Die Hochzeit nun könnte für Robert Wolf wie der Startschuss in das Leben danach werden. Der querschnittsgelähmte Mann hat wieder Pläne. Er will die Leere in seiner Welt der verlorenen Töne mit neuen Inhalten füllen. Dazu gehört eine Kandidatur für den Gemeinderat. Wolf tritt für die SPD an. „Wir wollen endlich die Mehrheit der CSU brechen“, sagt er. Auch eine Reise in die Toskana steht an.

Robert Wolf will nicht aufgeben. Er hat es Angelika versprochen.

Das Gespräch ist zu Ende. Robert Wolf bittet, eine Zigarette rauchen zu dürfen. Angelika schiebt ihn im Rollstuhl auf die überdachte Terrasse. Die beiden verbringen viele Stunden des Tages hier draußen. Gleich hinter ihrem Garten beginnt der Wald. Es ist kalt und still. Robert Wolf steckt sich eine „American Spirit“ in einen selbst gebastelten Zigarettenhalter und zieht hingebungsvoll. Er bläst den Rauch geräuschlos in die klare Winterluft. Die Wölkchen tänzeln nicht übermütig, sondern verziehen sich sekundenschnell. Es dämmert.

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Ein Artikel von
Josef Karg

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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