Gefühlte zwanzig Mal wogt die La-Ola-Welle durch die ausverkaufte Olympiahalle. Aber die Altrocker von Kiss lassen sich noch immer nicht blicken. Dann endlich ist's so weit: Der Vorhang hebt sich, die vier Musiker schweben von oben auf die grell bestrahlte Bühne.

Es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Kostüme, Make-up und - nicht zu vergessen - ihr Markenzeichen, die legendären Plateau-Boots: Alles ist wie immer. Tausende von Watt laut dröhnen die ersten Gitarrenriffs aus den Lautsprechern. Und Paul Stanley, Gene Simmons & Co ziehen ein Programm ab, das sie auch schon vor 35 Jahre gespielt haben könnten. Das zweite von neun Konzerten in Deutschland ist ein Zungenkuss des ungeschminkten, einfachen und lauten Rock 'n' Roll.
Erstmals seit 1999 sind die wilden Burschen nach einer längeren musikalischen Durststrecke wieder in Europa unterwegs. Gene Simmons lässt die Zunge spielen. Sänger Paul Stanley wackelt mit den mittlerweile etwas speckigen Hüften. Und angesichts der geschminkten Gesichter fällt natürlich nicht auf, dass Leadgitarrist Ace Frehley von Tommy Thayer ersetzt ist und Original-Schlagzeuger Peter Criss seit langer Zeit durch Eric Singer.
Die Rockgemeinde ist hellauf begeistert, wogt in Nostalgie - und genau das haben die Altrocker (mittlerweile zwischen 47 und 58 Jahre alt) gewollt: "Wir erfinden Kiss nicht neu, wir feiern Kiss", so Co-Bandgründer Paul Stanley.
"Love Gun", "Lick It Up", "I Love It Loud", "I Was Made For Loving You", "God Gave Rock 'n' Roll To You" . Wer kennt sie nicht, die Kracher, die Kiss einst zu einer der angesagtesten Bands des Planeten machten. Sie kommen frisch und voller Energie daher.
Nur eins sollte man nicht tun - mit einer schwangeren Frau ein Kiss-Konzert besuchen. Irgendwie beschleicht einen hinterher das Gefühl, der Nachwuchs im Bauch könnte das alles nicht verkraften, und der Familie wird bald ein feuerspeiender Gene Simmons beschert.
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