Donnerstag, 27. Juli 2017

20. Juni 2008 18:20 Uhr

Bizarrer Streit in Augsburg

Ein alter Turm als Stolperfalle

Mit der Ruhe ist es vorbei. Lange schlummerte der Fünffingerlesturm in Augsburg weitgehend unbeachtet vor sich hin. Bis sich die Alt-Augsburg-Gesellschaft, die sich um die Erhaltung der Kulturdenkmale kümmert, des Gemäuers annahm. Das Aufwecken des Turmes aus seinem Dornröschenschlaf ist gelungen. Aber anders, als es sich die Gesellschaft und ihre Förderer vorgestellt haben. Von Christoph Frey

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Seit Monaten gibt der Fünffingerlesturm Anlass zum Streit.

Augsburg. Mit der Ruhe ist es vorbei. Lange schlummerte der Fünffingerlesturm in Augsburg weitgehend unbeachtet vor sich hin. Bis sich die Alt-Augsburg-Gesellschaft, die sich die Erhaltung der Kulturdenkmale der geschichtsträchtigen Stadt auf die Fahnen geschrieben hat, des Gemäuers annahm. Der Turm, einst Unterstand für die städtische Wache, zum Schluss ein Lager, sollte aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Das ist gelungen. Aber anders, als es sich die Gesellschaft und ihre Förderer vorgestellt haben.

Seit Monaten schon tobt wegen des Turms ein Streit, weil er mit Hilfe einer modernen Außentreppe für Veranstaltungen erschlossen werden soll. Gegen die Konstruktion aus Beton und Stahl läuft eine Bürgerinitiative Sturm, das Bauwerk wurde zur regelrechten Stolperfalle für Kommunalpolitiker.

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Augsburgs abgewählten SPD-Oberbürgermeister Paul Wengert, der das Vorhaben vorbehaltlos unterstützte, hat der Treppenstreit etliche Stimmen gekostet. Die späteren Wahlsieger von der CSU hatten anfangs ebenfalls nichts gegen die Treppe, erkannten dann aber die politische Sprengkraft. 11 000 Unterschriften sammelten die Gegner für ein Bürgerbegehren, das der Stadtrat allerdings als rechtlich unzulässig abgelehnt hat. Dagegen läuft nun eine Klage. Doch nicht nur deshalb wird auch der neue Chef im Augsburger Rathaus mit Turm und Treppe nicht froh. Kurt Gribl (CSU) hatte die Befriedung der bizarr anmutenden Auseinandersetzung zu einer der wichtigsten Ziele zu Beginn seiner Amtszeit erklärt. Das ist gründlich missglückt.

Zunächst war Gribl der Beifall der Treppengegner gewiss, als die Verwaltung einen Baustopp verhängte, weil die Ausführung der Konstruktion gegen den Inhalt der Baugenehmigung verstoße. Mit einem Kompromissvorschlag aber biss der Oberbürgermeister bei den Gegnern auf Granit. Einem dreijährigen Probebetrieb der Treppe wollten sie nicht zustimmen.

Jetzt befürchtet Gribl einen ganzen Rattenschwanz von Gerichtsverfahren, in denen es um die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens, Baugenehmigungen und Schadensersatzansprüche geht. Das könnte sich über Jahre hinziehen.

Jetzt steht die Treppe halbfertig neben dem Turm - eine moderne Bauruine, auch gestern wieder bestaunt von auswärtigen Besuchern. Was die Augsburger bewegt, mit derartigem Nachdruck über das Aussehen eines alten Gemäuers am Rande der Altstadt zu streiten, darüber rätseln längst schon überregionale Medien. Eine Zeitung befand, hier müsse es sich wohl um einen "Treppenwitz" handeln.

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Schlagworte

Augsburg | Kurt Gribl | CSU | SPD | Paul Wengert


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