Montag, 26. September 2016

18. Juni 2009 18:25 Uhr

Rollenspiel-Sucht

Eltern verlieren ihren Sohn ans Internet

Plötzlich ist der Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen. Für Christoph Hirte und seine Frau ist es wie ein Schock, als sie erfahren, was aus ihm geworden ist. Von Sylvia Rustler Von Sylvia Rustler

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Von Sylvia Rustler

München Alles fängt schleichend an. Der Sohn ist zum Studium weggezogen und meldet sich immer seltener - bis der Kontakt ganz abbricht. Jetzt kommt es für die Eltern Schlag auf Schlag: Ihr Kind hat das Studium auf Eis gelegt und seine Wohnung verwahrlosen lassen. Der ehemals gute Schüler ist onlinespielsüchtig.

Kontakt zur Außenwelt hat er nur noch, wenn er sich das Allernötigste einkauft. Auf das Internet verzichten? "Da verliere ich ja alle meine Freunde", sagt der Sohn. "Die kann ich nicht im Stich lassen." Echte Freunde meint er damit nicht. Der Spieler meint seine virtuellen Freunde. Erfundene Figuren in einer fiktiven Welt - in einem Rollenspiel.

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Christoph Hirte, der Vater des Spielsüchtigen, erzählt die Geschichte seines Kindes, das mittlerweile Sozialhilfeempfänger ist, mit trauriger Stimme. "Wir haben unseren Sohn ans Internet verloren", sagt er am Dienstag im Bayerischen Landtag. Die FDP hat ihn und Medienexperten zur Diskussion über das Thema "Schöne neue Medienwelt - Fehlt unseren Jugendlichen der Kompass?" eingeladen. Nach Angaben des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, das FDP-Sprecherin Julika Sandt zitiert, sind drei Prozent der Neuntklässler abhängig von Computerspielen. Auch im Raum München nimmt die Sucht laut Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder immer mehr zu.

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Kann man im Internet echte Freunde haben?



Das Gefährliche an Online-Rollenspielen, an denen viele Menschen gleichzeitig im Internet teilnehmen, ist: Die Spiele sind aufgebaut wie die Realität - sie laufen rund um die Uhr, jeder nimmt eine Rolle ein und löst mit anderen gemeinsam Aufgaben. Das kann bei Jugendlichen das Gefühl auslösen, etwas zu verpassen, wenn sie nicht im Internet sind.

Neben Computersucht hält Pornographie zunehmend Einzug in die Kinderzimmer. Nach den Worten von Sexualpädagoge Michael Niggel ist das, was die heutige Kindergeneration an Pornographie gesehen hat überhaupt nicht mehr vergleichbar mit den Erfahrungen früherer Generationen. Viele Heranwachsende schauten sich auf russischen Internetseiten harte und gewalttätige Pornos an.

Vorsicht bei Netzwerken

"Wir sind weit weg vom Ziel eines kindgerechten Internets", sagt Verena Weigand von der Bayerischen Landesanstalt für neue Medien. Gebessert haben sich ihr zufolge aber Freundschaftsnetzwerke. Also Plattformen, auf denen Jugendliche Fotos von sich im Bikini oder mit Bierflasche veröffentlichen und so Probleme, etwa bei Bewerbungen, riskieren. Bei den Netzwerken Lokalisten oder SchülerVZ zum Beispiel dürfen Nutzer laut Kinderschützerin Simone Hensel mittlerweile nicht mehr jedes Foto hochladen. Trotzdem sollten Jugendliche vorsichtig sein, denn die Netzwerke können, so Medienpädagoge Günther Anfang, unter anderem zum "Cybermobbing", zur Bloßstellung im Internet, missbraucht werden.

Für Christoph Hirte und seinen Sohn kommen Warnungen zu spät. Mit seinem Verein "Aktiv gegen Mediensucht" will er andere Eltern vor den Gefahren bewahren. Denn er weiß: "Elternschelte wird gerne gemacht. Aber woher sollen Eltern denn wissen, was auf sie zukommt."

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