Mittwoch, 13. Dezember 2017

10. Oktober 2017 14:01 Uhr

A8 bei Burgau

Gaffer filmt sterbenden Motorradfahrer: Doch warum nur?

Ein Mann liegt im Straßengraben, daneben steht jemand und filmt seinen Todeskampf - passiert auf der A8 bei Burgau. Wie nur lassen sich Gaffer abhalten? Und helfen härtere Strafen?

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Ein Großaufgebot an Rettungskräften ist auf der A8 im Einsatz gewesen.
Foto: Christian Kirstges

Grauer Himmel über grauem Asphalt. Ein trister Septembermorgen. Dienstag. Kurz nach neun. Der Verkehr rauscht und brummt und röhrt. Wie eine metallene Lawine wälzen sich die unzähligen Fahrzeuge über die Autobahn. Drei Motorräder sind auf der linken der drei Spuren unterwegs, überholen Autos und Lastwagen. Die Männer aus der Nähe von Göppingen sind auf dem Weg nach Österreich. Dort werden sie nie ankommen.

Es geschieht binnen Sekunden. Auf trockener Straße. Bei normaler Geschwindigkeit. Der erste der drei Biker lenkt nach rechts, er will zurück auf die mittlere Spur. Der Mann gerät ins Schlingern, sein Motorrad wird nach rechts geschleudert. Er stürzt, prallt gegen die Leitplanke. Und stirbt wenig später an der Unfallstelle.

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Es sind tragische Bilder, die Sanitäter, Ärzte und Polizisten an jenem 5. September auf der A8 nahe Burgau verkraften müssen. Und es sind Bilder, die offenbar auch eine perfide Anziehungskraft haben. Denn während Ersthelfer im Straßenstaub neben der Leitplanke knien, darauf warten, dass der Notarzt kommt, versuchen, dem Schwerverletzten zu helfen und seine Begleiter zu beruhigen, steht da ein Mann. Nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem ein Mensch gerade um sein Leben kämpft. In seiner Hand hält der Gaffer sein Smartphone, filmt das grauenhafte Szenario.

Polizei nicht verständigt, keine Decke geholt, keinen Platz für den Notarzt gemacht

Werner Schedel, Leiter der Günzburger Autobahnpolizei, war an jenem Tag im Dienst. Als der Notruf über Funk kam, setzte er sich sofort ins Auto und fuhr los. Schedel, ein freundlicher Mann mit grauen Haaren und einer schwarzen Brille mit blauen Bügeln, ist heute, ein paar Wochen nach dem Unfall, noch immer ratlos. „Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas Schreckliches sehen will“, sagt er. Der Polizeihauptkommissar sitzt in seinem Büro, an den Wänden hängt moderne Kunst, auf dem Tisch vor ihm steht eine grüne Glasschale mit zwei Äpfeln darin. Wenn Schedel von dem Unfall erzählt, schüttelt er hin und wieder fassungslos den Kopf. „Der Mann, der die Aufnahmen gemacht hat, hätte fragen können, ob die Polizei schon verständigt ist. Er hätte eine Decke besorgen, für den Notarzt Platz schaffen oder Teile des zerstörten Motorrads wegräumen können“, sagt Schedel.

All das hat der 50-Jährige aber nicht getan. Er wurde deshalb wegen unterlassener Hilfeleistung und der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen angezeigt. Andere Autofahrer, die wegen des Unfalls ebenfalls im Stau standen, hatten den Mann beobachtet und konnten ihn so gut beschreiben, dass ihn die Polizei schnell aufspürte. Er sei schon wieder im Führerhaus seines Lastwagens gesessen und ziemlich kleinlaut gewesen, sagt Schedel. „Er konnte nicht erklären, warum er das gemacht hat.“

Die Psychologin sagt, Gaffen ist etwas Reflexhaftes

Warum schaut man hin, wenn ein Mensch schwer verletzt im Straßengraben liegt? Warum dreht man sich nicht weg und versucht, all die Traurigkeit, das Blut, den Tod auszublenden? Eine, die sich mit solchen Fragen beschäftigt, ist Verkehrspsychologin Andrea Häußler vom TÜV Süd. Das Gaffen sei etwas Reflexhaftes, meint sie. „Die Menschen interessieren sich, zeigen Neugierde. Irgendwann war das auch einmal wichtig, um zu überleben.“ Hinzu komme, dass sich die Menschen an schlimme Bilder, die man auch täglich im Fernsehen sehe, immer mehr gewöhnten. „Man stumpft ein Stück weit ab. Die Distanz geht verloren.“

Und noch etwas ist eine Ursache für das schamlose Gaffen – und ein trauriges Phänomen unserer Zeit: zunehmende Empathielosigkeit. Ein gewisses Egal-Gefühl anderen gegenüber, die Unfähigkeit, sich in denjenigen hineinzuversetzen, der da gerade blutüberströmt am Boden liegt. Die völlige Gleichgültigkeit der Familie gegenüber, die in den nächsten Minuten den Anruf bekommen wird, dass der Ehemann, Bruder, Sohn, Vater tot ist. „Man denkt immer weniger in sozialen Beziehungen“, sagt Häußler.

Dass es einigen Menschen völlig egal ist, wie es anderen geht, zeigen nicht nur die vielen Gaffer, die tödliche Unfälle filmen. Erst vor kurzem geriet eine Geschichte in die Schlagzeilen, die mindestens ebenso sprachlos macht: Ein Mann war in einer Bankfiliale in Essen zusammengebrochen. Statt sich um den älteren Herrn, der bewusstlos am Boden lag, zu kümmern, stiegen die Bankkunden einfach über den Sterbenden hinweg, ließen ihn hilflos liegen, hoben in aller Ruhe Geld ab. „Es macht sich in unserer Gesellschaft immer mehr Gleichgültigkeit breit“, sagt die Psychologin.

Auch früher gab es Schaulustige, aber keine Handys mit Kamera

Und dann ist da noch das Smartphone. Unser mobiles Gedächtnis, ohne das wir kaum mehr das Haus verlassen. Unser Kalender, unser allzeitbereiter Draht in die Welt – und eben unsere immer verfügbare Kamera. „Wir sind es mittlerweile gewohnt, alles zu teilen und ins Internet zu stellen“, sagt Psychologin Häußler. „Man fotografiert alles, sei es das Abendessen oder eben ein schlimmer Unfall. Gehen Sie 30 Jahre zurück, da hatte keiner dauernd einen Fotoapparat dabei.“

Als Werner Schedel 1979 bei der Polizei anfing, hatte noch niemand ein Mobiltelefon, geschweige denn eines mit hochauflösender Kamera bei sich. „Es hat sich seither sicher etwas verändert. Den Neugierigen, den Schaulustigen, gab es schon immer. Aber die Leute waren nicht so sensationssüchtig wie heute, wo man auf dem Smartphone seine Trophäen sammelt“, sagt der Chef der Günzburger Autobahnpolizei und blickt aus dem Fenster, wo sich Bäume mit ersten herbstgelben Blättern im Wind wiegen.

Schales Mittagslicht dringt in sein Büro mit dem grauen Fußboden und den hellbraunen Möbeln. Neben seiner Computer-Tastatur liegt ein Blatt Papier. Schedel braucht es in letzter Zeit so oft, dass er es gar nicht mehr wegräumt. Ganz oben zu lesen ist: §201a Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen. Schedel erklärt, was es damit auf sich hat: Wer eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt, macht sich strafbar. Es droht eine Geldstrafe – oder eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren. Der Paragraf wurde im Jahr 2015 erweitert.

Mittlerweile gibt es noch mehr Verschärfungen. Seit Ende Mai gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern. Das Gesetz sieht eine Geldstrafe oder maximal ein Jahr Haft vor. Gefängnisstrafen sind bisher selten – doch die Polizisten bitten Gaffer vehement zur Kasse. Im Juli etwa mussten auf der A3 gleich 20 Schaulustige noch vor Ort bezahlen. Sie hatten an einer Unfallstelle Fotos und Videos gemacht und waren dabei den Rettungskräften im Weg gestanden. Künftig werden auch Rettungsgassen-Blockierer härter bestraft. Bisher wurden 20 Euro fällig, nun sind es mindestens 200.

Aber bringt das alles überhaupt etwas? Polizist Schedel ist sich da nicht so sicher. Zwar gehe von einer Gesetzesverschärfung ein gewisses Signal aus – letztlich müsse man aber an das Gewissen und die Moral der Menschen appellieren. Und das nicht nur, weil Schedel das Gaffen aus ethischer Sicht für verwerflich hält, sondern auch, weil der Griff zum Handy und das Einschalten der Kamera während der Fahrt ein großes Sicherheitsrisiko darstellt. „Durch diese Ablenkung kommt es zu enorm vielen Unfällen. Das ist absolut gefährlich“, sagt er. Immer wieder offenbart sich den Polizisten das gleiche Bild: Während es sich auf der einen Seite staut, rauschen auf der Gegenfahrbahn weiter Autos und Lastwagen vorbei – und oft filmen die Fahrer den Unfall mit dem Smartphone. Aber auch Menschen, die im Stau stehen, sind mitunter leichtsinnig. Erst vor kurzem hat Schedel einen Mann gesehen, der sich auf den Betonteiler in der Mitte der Autobahn gestellt hatte, um einen besseren Blick auf die Unfallstelle zu erhaschen – ein falscher Schritt, ein kleiner Stolperer, und er wäre auf die Autobahn gestürzt.

Dass sich viele Gaffer von den bisherigen Regelungen kaum beeindrucken lassen, zeigt auch ein Fall aus der Nähe von Heidenheim, knapp zwei Wochen nach dem tragischen Motorradunfall auf der A8. Es ist ein Sonntagnachmittag. Kurz nach 15 Uhr. Ein junger Motorradfahrer ist mit seiner grünen Kawasaki auf der B19 unterwegs. Er überholt mehrere Autos. Als der Mann wieder auf die rechte Fahrbahn einscheren will, kommt er ins Schleudern, prallt gegen die rechte Leitplanke, schlittert daran mehrere Meter entlang, bevor er in eine Straßenlaterne kracht. Die Verletzungen sind so schwer, dass er an der Unfallstelle stirbt.

Der Radfahrer filmt den Verletzten und steht den Sanitätern im Weg

Ein junger Radfahrer wird Zeuge des Unfalls. Bevor die Rettungskräfte eintreffen, filmt er unbeeindruckt den schwer verletzten Motorradfahrer, der nur wenige Meter vor ihm auf dem Boden liegt und um sein Leben kämpft. Und später, als Notarzt und Sanitäter sich um den Mann kümmern, steht der Gaffer ihnen bei ihrer Arbeit auch noch im Weg.

Der Fall erregte bundesweit Aufsehen. In den sozialen Medien reagierten die Menschen fassungslos, erschüttert, zornig. Möglicherweise war es auch dieser enorme öffentliche Druck, der den Gaffer dazu bewog, sich bei der Polizei zu melden und zuzugeben, dass er Aufnahmen des sterbenden Mannes gemacht hat. Gegen den 27-Jährigen laufen nun strafrechtliche Ermittlungen. Sein Handy wurde sichergestellt – jetzt muss geklärt werden, ob die Aufnahmen noch an andere weitergegeben wurden.

Auch das Handy des Gaffers, der den Motorradunfall auf der A8 bei Burgau gefilmt hat, wurde kassiert. Das Video, das jetzt bei der Staatsanwaltschaft liegt, musste vom Gerät gelöscht werden. Es war nur eine kurze Sequenz, wie lange genau, weiß Polizeihauptkommissar Schedel nicht. Er hat sich die Aufnahme nicht angeschaut. „Ich will das nicht sehen“, sagt er. Die Eindrücke, die man als Polizist bei Unfällen zwangsweise hat, seien schlimm genug. „Man baut eine Verbindung zu den Verletzten oder Getöteten auf. Man kommt ihnen auf emotionaler Schiene ganz nah“, sagt Schedel, nimmt seine Brille ab und legt sie vor sich auf den Schreibtisch. Wieder schüttelt er den Kopf, schaut aus dem Fenster. Was bei den Einsatzkräften zurückbleibt, sind Erinnerungen. In Schedels Fall die an einen Dienstag. Einen grauen Septembermorgen. Kurz nach neun.

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Ein Artikel von
Stephanie Sartor

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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