Mittwoch, 26. November 2014

28. September 2011 15:29 Uhr

Regensburg

Großes Interesse an Ambulanz für Pädophile

Seit September 2010 gibt es in Regensburg eine Pädophilen-Ambulanz. Das Interesse ist groß. In Gruppentherapien sollen die Männer leben, mit ihrer Veranlagung zu leben.

i
Seit September 2010 gibt es in Regensburg eine Pädophilen-Ambulanz.
Foto: dpa

Pädophilie, das krankhafte sexuelle Interesse an Kindern, ist nicht heilbar. Mit dieser harten Wahrheit werden Männer in der ersten Pädophilen-Ambulanz in Regensburg konfrontiert. Dennoch ist die Resonanz auf das seit September 2010 laufende Projekt «Kein Täter werden» groß. Seitdem haben sich 98 Männer über die Telefonhotline mit dem Team um Leiter Michael Osterheider in Verbindung gesetzt, um Hilfe zu bekommen.

Allein nach der Ausstrahlung des Tatorts «Verdammt», in dem es um einen Pädophilen geht, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ermordet aufgefunden wird, meldeten sich am Tag darauf vier Männer. «Dass das Thema Pädophilie in den Medien auftauchte, hat wohl die Hemmschwelle der Männer gesenkt und sie haben sich getraut, bei uns anzurufen», sagt Osterheider.

ANZEIGE

Vom Studenten, Lehrer bis zum Vorstandsvorsitzenden

Nach mehreren Tests und Auswahlinterviews sind 44 Männer für geeignet befunden worden. Sie lernen nun in Gruppentherapien, mit ihrer Veranlagung zu leben. Voraussetzung, um in das Projekt aufgenommen zu werden, ist außerdem, dass die Pädophilen noch nicht straffällig geworden sind. Vom Studenten, Lehrer und Erzieher bis zum Ingenieur, Vorstandsvorsitzenden, Arbeiter und katholischen Priester sind fast alle sozialen Schichten vertreten.

Das Vorurteil, dass Pädophilie ein Phänomen der Unterschicht sei, stimme nicht, sagt Osterheider. Pädophilie ziehe sich durch die gesamte Gesellschaft. Männern, die beruflich viel Kontakt mit Kindern haben, rät er aber nachdrücklich, sich neu zu orientieren. «Wenn ein Mann daraufhin seinen Job aufgibt, ist das für uns die erfolgreichste Interventionsmaßnahme«.

Beim telefonischen Erstkontakt prüft geschultes Personal mithilfe eines Fragenkatalogs, ob eine pädophile Neigung besteht. «Wir möchten wissen, wie die Männer darauf kommen, pädophil zu sein und welche sexuellen Phantasien sie haben», sagt Osterheider. Die Männer, die in die engere Wahl kommen, werden in 90-minütigen Interviews erneut eingehend über ihren sozialen Hintergrund, Mediennutzung, ihre bisherigen sexuellen Kontakte und pubertäre Entwicklung befragt.

Durchschnittsalter von 39 Jahren

Die Regensburger Gruppe hat ein Durchschnittsalter von 39 Jahren. Der jüngste ist 19, der älteste 75 Jahre alt. In der Therapie wird ihnen erklärt, was Pädophilie ist und, dass sie an ihrer Störung nicht schuld sind. Ziel ist es, mit der Neigung auf sozialverträgliche Weise umzugehen. «Das bedeutet nicht nur, dass sie sich nicht an Kindern vergreifen, sondern dass sie auch mit dem Konsum von Kinderpornografie aufhören», sagt Osterheider.

Pädophilen, die sich besonders schwertun, ihr sexuelles Verlangen unter Kontrolle zu halten, werden auch triebhemmende Medikamente gegeben. Bisher gibt es bereits Einrichtungen in Berlin und Kiel, die sich mit der Prävention von Kindesmissbrauch beschäftigen. Der Bedarf aber ist weitaus größer. Laut Statistiken des Bundeskriminalamts werden jedes Jahr tausende Kinder sexuell missbraucht.

Trotzdem ist Pädophilie ein Stiefkind der Wissenschaft. Weder seien die Ursachen von Pädophilie bekannt, noch sei geklärt, warum sie fast nur bei Männern auftritt, sagt Klaus Beier, Leiter der Ambulanz an der Berliner Charité. Pädophile Frauen seien eine Rarität. «Die Forschung über die sexuellen Präferenzen des Menschen steht eben noch sehr am Anfang - sie wird auch wenig gefördert.» dpa

i

Artikel kommentieren

Schlagworte

Regensburg | Berlin | Charité