Ist das Kernkraftwerk Gundremmingen im Landkreis Günzburg unterversichert? Oder sparen sich die Betreiber der beiden Siedewasserreaktoren, die beiden Energiekonzerne RWE und Eon, Jahr für Jahr möglicherweise einen Millionenbetrag durch einen simplen Versicherungstrick?
Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Bundestag räumte die Bundesregierung nach Informationen unserer Redaktion ein, dass die über die Deutsche Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft abgedeckte Deckungsvorsorge für den Fall eines nuklearen Unfalls im Gegensatz zu allen anderen Anlagen in Deutschland für das gesamte Kraftwerk gilt und nicht für jeden einzelnen Reaktorblock.
„Das Kernkraftwerk Gundremmingen II – Block B und C ist die einzige Kernanlage in Deutschland, bei der nach § 7 des Atomgesetzes für zwei baugleiche Reaktoren (Doppelblockanlage) an einem gemeinsamen Standort einem einzigen Inhaber in einem einheitlichen Genehmigungsverfahren eine einzige atomrechtliche Errichtungs- und Betriebsgenehmigung erteilt worden und die aufgrund der damit verbundenen Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen haftungsrechtlich als eine Kernanlage zu betrachten ist“, schrieb die Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Ursula Heinen-Esser, in der unserer Zeitung vorliegenden Antwort.
Im Gegensatz dazu ist bei allen anderen Kernkraftwerken, die aus mehreren Reaktorblöcken bestehen, jeder einzelne Block über 256 Millionen Euro versichert.
Kritik an „absurder und falscher“ Logik
Das ist das Atomkraftwerk Gundremmingen
Die Anlage Gundremmingen zwischen Günzburg und Dillingen, die in dieser Form seit 1984 besteht, ist der leistungsstärkste Kernkraftwerksstandort in Deutschland. Die zwei Reaktoren erzeugen pro Jahr mehr als 20 Milliarden Kilowattstunden Strom. Dies entspricht rund einem Drittel des gesamten Verbrauchs in Bayern.
Die Betreibergesellschaft der Anlage gehört zu 75 Prozent RWE und zu 25 Prozent Eon. Nach dem Atomausstiegsbeschluss der Bundesregierung 2011 sollen Block B im Jahr 2017 und Block C 2021 abgeschaltet werden.
Das Zwischenlager in Gundremmingen ging im August 2006 in Betrieb. Die Halle liegt rund 150 Meter vom Reaktorgebäude entfernt und ist 104 Meter lang, 38 Meter breit und 18 Meter hoch. Die Wände aus Stahlbeton sind 85 Zentimeter dick. Die Halle verfügt über eine Kapazität von 192 Castoren. Ein Castor wiederum enthält 52 Brennelemente. Damit ist das schwäbische Zwischenlager das größte in Deutschland.
Wie alle anderen Zwischenlager ist auch dieses für eine Betriebszeit von maximal 40 Jahren ausgerichtet. Das heißt, in Gundremmingen endet die Genehmigung 2046. Spätestens dann, so die ursprüngliche Planung, sollte ein Endlager in Deutschland zur Verfügung stehen.
Die Kritiker befürchteten schon bei der Genehmigung des Zwischenlagers, dass es de facto zu einem Endlager werden könnte. Außerdem argumentierten sie, dass in jedem der Castoren mehr Radioaktivität enthalten sei, als bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 freigesetzt wurde.
Gegen den Bau der Zwischenlager wurde bundesweit prozessiert. Im Fall von Gundremmingen reichten fünf Anwohner aus umliegenden Gemeinden Klage beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München ein. Der VGH wies die Klage mit seinem Urteil vom 2. Januar 2006 ab.
Gegenüber unserer Zeitung kritisierte die Atomexpertin der Grünen, die Karlsruherin Sylvia Kotting-Uhl, diese Ausnahmeregelung für das Atomkraftwerk Gundremmingen scharf. Die Logik sei „absurd und falsch“. Nur weil die beiden Reaktoren baugleich seien, halbiere sich nicht das Risiko, im Gegenteil. „Bei einer Doppelblock-Anlage besteht sogar das zusätzliche Risiko, dass ein Unfall in einem Block einen Folgeunfall im Nachbarblock auslösen kann.“
Diese Atomkraftwerke werden in Deutschland betrieben
Wo stehen welche Atomkraftwerke in Deutschland, wer betreibt sie und wann werden oder wurden sie abgeschaltet? Eine Übersicht:
Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein wird von E.ON betrieben. Baubeginn war im Januar 1976, im kommerziellen Betrieb ist das AKW seit Dezember 1986. Brockdorf ist ein Druckwasserreaktor und soll 2021 abgeschaltet werden.
Das Kernkraftwerk Isar liegt nahe Landshut und wird von E.ON betrieben. Isar/Ohu 1 ist ein Siedewasserreaktor. Bauzeit war von 1972 bis 1979. Isar/Ohu 2 ist ein Druckwasserreaktor und ging nach sechsjähriger Bauzeit im April 1988 ans Netz. Isar 2 soll im Jahr 2022 abgeschaltet werden. Der Atommeiler Isar 1 wurde bereits im August 2011 vom Netz genommen.
Das Atomkraftwerk Philippsburg steht im Landkreis Karlsruhe (Baden-Württemberg). Betreiberin ist die EnBW. Philippsburg 2, ein Druckwasserreaktor, ging nach achtjähriger Bauzeit 1985 in den kommerziellen Betrieb, der Siedewasserreaktor Philippsburg 1 im Jahr 1980. 2011 wurde Philippsburg 1 vom Netz genommen.
Das Kernkraftwerk Grohnde (KWG) ist ein Druckwasserreaktor und steht im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. Betreiben wird es von der Firma E.ON. Baubeginn für Grohnde war im Jahr 1986, Betriebsstart 1985, Ende soll 2021 sein.
Das Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen wird von RWE betrieben. Es wurde in den Jahren 1982 bis 1988 gebaut. In Betrieb bleiben soll der Druckwasserrreaktor bis zum Jahr 2022.
Das Atomkraftwerk Neckarwestheim in Baden-Württemberg wird von enBW betrieben. Es hat zwei Druckwasserreaktoren, von denen derzeit noch einer in Betrieb ist. Neckarwestheim II soll als eines der letzten deutschen AKW 2022 vom Netz gehen.
Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld liegt südlich von Schweinfurt am Main. Baubeginn für Grafenrheinfeld war 1974, die Inbetriebnahme war 1981. Das Atomkraftwerk wird von der E.ON Kernkraft GmbH betrieben und wurde 2015 abgeschaltet.
Gundremmingen B und Gundremmingen C im Landkreis Günzburg sind zusammen das leistungsfähigste Atomkraftwerk Deutschlands. Betrieben werden die Siedewasserreaktoren von der RWE. Baubeginn war im Jahr 1976, Gundremmingen B ging 1984 ans Netz, Gundremmingen C ein Jahr später. Block B soll spätestens 2017 vom Netz gehen, Block C spätestens im Jahr 2021.
Kotting-Uhl fordert, dass jeder Block von Gundremmingen voll versichert werden müsse. „Man kann sich doch auch nicht gleichzeitig zwei baugleiche Autos kaufen und dann für beide eine halbierte Haftpflichtversicherung abschließen. Und bei eineiigen Zwillingen kann auch nicht nur einer Steuer zahlen.“ Die Grünen-Politikerin vermutet, dass es hier offensichtlich darum gehe, dem Betreiber den Gefallen zu tun, dass er bei der jährlichen Versicherungsprämie ordentlich sparen könne. „Bei einer Hochrisikotechnologie wie Atomkraft ist so ein Gemauschel völlig inakzeptabel.“