Mittwoch, 18. Oktober 2017

20. April 2017 06:35 Uhr

Missbrauchsvorwürfe

Linus Förster in U-Haft: Wie seine Ex-Freundin ihn entlarvte

Der frühere Chef der Schwaben-SPD, Linus Förster, sitzt seit vier Monaten wegen Missbrauchsvorwürfen in U-Haft. Wie er aufflog, ist eine sehr ungewöhnliche Geschichte.

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Der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Linus Förster sitzt seit vier Monaten in Untersuchungshaft.
Foto: Marcus Merk

Mit der Polizei hatte der Politikwissenschaftler und Landtagsabgeordnete Dr. Linus Förster die meiste Zeit seines Lebens nichts zu tun. Nur privat. Er führte zum Beispiel einige Jahre eine Beziehung mit einer Polizistin. Dass es ausgerechnet diese Frau war, die das Ermittlungsverfahren gegen den früheren schwäbischen SPD-Chef ins Rollen brachte, gehört zu einer der überraschenden Wendungen in diesem an Skurrilitäten nicht armen Fall.

Der 51-jährige Förster sitzt seit vier Monaten in der JVA Gablingen in Untersuchungshaft. Die Kripo ermittelt immer noch gegen ihn, laut Staatsanwaltschaft ist noch nicht absehbar, ob und wann eine Anklage gegen ihn erhoben wird. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Landtagsabgeordneten wiegen schwer: Er soll zweimal eine Frau sexuell missbraucht haben, die zu diesem Zeitpunkt nicht Herrin ihrer Sinne war, weil sie Schlaftabletten genommen hatte. Eine andere Frau soll er im Rahmen einer Party in Augsburg ebenfalls missbraucht haben, bei einer weiteren den Missbrauch versucht haben.

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Linus Förster wollte Prostituierte heimlich beim Sex filmen

Auf seinen Festplatten und Computern wurden in einem Berg von drei Terabyte (gut 3000 Gigabyte) pornografischem Material auch kinder- und jugendpornografische Fotos und Videos gefunden. Und dann gab es noch den Vorfall mit einer asiatischen Prostituierten: Förster wollte nach den Erkenntnissen der Ermittler die Frau beim Sex mit ihm filmen. Als sie dies bemerkte, gab es Streit und ein kurzes Gerangel, bei dem die Prostituierte leicht verletzt wurde. Das heimliche Anfertigen von Bildaufnahmen ist strafbar, eine Körperverletzung sowieso.

Der Vorfall mit der Prostituierten in Augsburg am 9. September 2016 markiert den Beginn des Unheils für Linus Förster. Denn die Frau behielt trotz des Gerangels den Speicherchip der Kamera. Tags darauf ging sie nach unseren Recherchen damit zur Polizei und erstattete Anzeige. Doch die Frau wusste offenbar nicht, mit wem sie es zu tun gehabt hatte. Und auch die Polizei hatte anfangs keine Ahnung, wer der Täter sein könnte. Denn auf den Aufnahmen ist Försters Gesicht nur einmal teilweise zu sehen. Das erklärt auch, warum es mehr als einen Monat gedauert hat, bis Polizei und Staatsanwaltschaft die Wohnungen und Büros des damaligen Landtagsabgeordneten durchsuchten und Beweismaterial beschlagnahmten.

Denn die Ermittler machten es so wie immer in vergleichbaren Fällen: Da die Anschuldigungen für eine öffentliche Fahndung nicht gravierend genug waren, stellten sie die Aufnahmen von Försters Speicherchip ins Intranet der Polizei. Dort hat jeder Beamte Zugriff und kann nachsehen, ob er einen Verdächtigen erkennt.

Linus Förster Ex-Freundin erkannte ihn auf Sexvideo

Und tatsächlich hatten die Fahnder mit dieser Methode Erfolg – und zwar auf sehr ungewöhnliche Weise: Es war nämlich nach Informationen unserer Zeitung die Ex-Freundin, eine Polizistin, die Förster auf den Fotos erkannte und dies meldete. Dies war der Beginn des Ermittlungsverfahrens.

Und das ist noch immer nicht beendet, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Matthias Nickolai. Nach unseren Recherchen sind die Experten des Münchner IT-Sachverständigenbüros Fast Detect zwar mit der Auswertung der pornografischen Dateien fertig, die Kripo befragt aber immer noch Frauen, die als mögliche weitere Opfer infrage kommen. So wurde neulich eine Frau in der deutschen Botschaft oder im Konsulat vernommen, die derzeit in den USA lebt.

Daher ist im Moment auch nicht klar, wann es zu einer Anklage oder einem Prozess kommen wird. Sicher scheint nur, dass die Verhandlung vor dem Landgericht Augsburg stattfinden wird. Denn ein Schöffengericht des Amtsgerichts kann nur eine Haftstrafe bis zu vier Jahren verhängen. Und nach derzeitigem Stand der Ermittlungen könnte es sein, dass die Strafe für Linus Förster im Falle einer Verurteilung in allen Punkten höher ausfallen wird. Allein für die Vergewaltigung der widerstandsunfähigen Frau sind laut Strafgesetzbuch pro Fall mindestens zwei Jahre Gefängnis fällig.

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Ein Artikel von
Holger Sabinsky-Wolf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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