Der Burlafinger Scientology-Aussteiger Markus Stuckenbrock kämpft gegen die Methoden der Sekte und macht sie für den frühen Tod seines Bruders verantwortlich. Von Oliver Helmstädter

Nicht immer gelingt es Markus Stuckenbrock einfach vorbei zu gehen, wenn er den knallbunten Stand von Scientology zwischen Hirsch- und Bahnhofsstraße in Ulm sieht. Er wisse allzu gut aus eigener und familiärer Erfahrung, was die angebotenen Bücher und Psychotests anrichten können: Psychische Abhängigkeit durch vielgestaltige Manipulation sowie den sozialen und finanziellen Ruin. Der Sekten-Aussteiger sieht die Stadtverwaltung in der Pflicht, gegen solche Stände vorzugehen. Die sehen aber ihre Hände gebunden. Ein Blick auf den Kampf gegen eine selbst ernannte Religion, an die der Burlafinger Stuckenbrock (fast) die ganze Familie verloren hat.
„Methoden zur Indoktrination“, die der „ideologischen Umerziehung“ dienen, nennt der Verfassungsschutzbericht von Baden-Württemberg, was regelmäßig an Samstagen Passanten in Ulm angeboten wird. Manchmal verteilt der Ex-Scientologe scientology-kritische Schriften vor ihrem Stand. „Dass weniger Menschen in diese Falle tappen.“ Er selbst war schon drin. Und sein Vater ist bis heute Scientologe, genauso wie seine (Halb-)Brüder. Markus Stuckenbrock (46) stieg mit 19 aus, er ist heute verheiratet und hat zwei fast erwachsene Töchter. Der Kontakt zu Brüdern und Vater ist schwierig. Als Abtrünniger ist er geächtet und gilt als Verräter.
Angeblich wurde sein Bruder ohne ausreichende Hilfe eingesperrt
Außerdem macht Stuckenbrock Scientology für den frühen Tod seines Bruders vor drei Jahren verantwortlich. Viel Zeit und Geld habe er investiert, um die Umstände des Todes vor Ort zu rekonstruieren. Angeblich sei sein Bruder Uwe Stuckenbrock – dessen Sekten-Karriere einst in Ulm begann, als er an multipler Sklerose erkrankte – in einem Reha-Zentrum von Scientology jahrelang ohne ausreichende medizinische Hilfe eingesperrt worden. Bis er im Oktober 2008 starb. „Das war ein Arbeits- und Gleichschaltungslager, in dem abtrünnige oder angeblich schlecht produzierende Mitarbeiter wieder auf den rechten Weg zurückgeführt werden sollen.“
Markus Stuckenbrock spricht von einer „schrecklichen Leidensgeschichte in einer fanatischen, totalitären Organisation“, die in Ulm ihren Anfang nahm. 1998 flüchtete Uwe demnach aus dem internationalen Hauptquartier nahe Hemet in Kalifornien mit einem Motorrad, wurde aber sehr schnell von Sicherheitskräften zurück gebracht. Scientology habe seinen Bruder daran gehindert, Mutter und Familie über seine Krankheit zu informieren. Sein Bruder, einst im Führungskader habe nämlich nicht mehr ins Selbstbild der Psychosekte gepasst und sei daher abgeschoben worden.
Denn perfekt trainierte Scientologen können der Lehre nach nie krank werden, wie Jürgen Keltsch vom Bayerischen Innenministerium in einer Publikation erklärt. Sektengründer L. Ron Hubbard behauptete demnach, er könne mit Scientology einen neuen, besseren Menschen erschaffen – den so genannten „Homo Novus“. Dauerhaft kranke Menschen wie Uwe Stuckenbrock oder Menschen mit Behinderung haben in dieser Welt keinen Platz. Markus Stuckenbrock, der Scientology-Aussteiger, schaffte es in eine andere Welt: Er arbeitet seit 20 Jahren als Heilerziehungspfleger mit Behinderten. Scientology, das laut Verfassungsschutzbericht einen eigenen Nachrichtendienst („Office of Special Affairs“) betreibt, der die Aufgabe hat, Kritiker und Gegner auszuforschen und unter Umständen repressive Maßnahmen zu treffen, weist alle Vorwürfe weit von sich. Dies alles spiegelt aus ihrer Sicht, „die Paranoia eines Apparats wieder, der seine Agenten darauf ansetzt, Rufmordkampagnen gegen die Scientology-Kirchen in Deutschland durchzuführen“. Auf ein medizinisches Gutachten über den Tod seines Bruders, das ein Scientologe Stuckenbrock nach dem Auftritt in der Talkshow „Markus Lanz“ offenbar versprach, wartete Stuckenbrock vergebens.
Kritiker und insbesondere Aussteiger wie Stuckenbrock werden von Scientology als „Kriminelle“ bezeichnet und als zu bekämpfende „unterdrückerische Personen“ stigmatisiert, auf unterstem Niveau geschmäht, herabgewürdigt und mitunter auch verklagt. So steht es im Verfassungsschutzbericht. Scientology wittert hingegen seit Jahren eine Diffamierungskampagne der Verfassungsschützer. „Lügen als Programm“ heißt der Vorwurf auf einer eigenen Internetseite von Scientology über ihre „Wahrheiten“ und den Verfassungsschutz.
Außer einer Flut an Hubbard-Werbematerial habe Stuckenbrock bislang keine Reaktionen auf seine öffentliche Kritik an den Methoden und Zielen von Scientology erhalten. Er will weiter zu Felde gegen Scientology ziehen. Anwälte in den USA seien längst eingeschaltet.
Das FBI ermittelt dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge schon „seit einer ganzen Weile“ gegen Scientology. So habe die Behörde im Dezember 2009 tagelang Scientology-Aussteiger vernommen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Stuckenbrock hofft, dass der Todesfall seines Bruders ein Teil der FBI-Ermittlungen ist.
So will Markus Stuckenbrock wenigstens die Kreise der „Mission“ genannten Ulmer Scientology-Zweigstelle stören. Er versuchte dies auch per Brief an Oberbürgermeister Ivo Gönner, in dem er aufzeigte, wie der Stand in der Fußgängerzone verhindert werden könne. Mehrere deutsche Gerichte hätten Scientology als wirtschaftlichen Betrieb eingestuft, sodass ein Stand über hohe Gebühren verhindert werden kann. Die Ulmer Stadtverwaltung sieht jedoch ihre Hände gebunden, da es sich nicht um eine verbotene Organisation handle.
Markus Stuckenbrock kann das kaum ertragen. In schwachen Momenten seien Menschen sehr empfänglich für die Heilsversprechungen. So wie seine Eltern in den 70er Jahren. Sie suchten Halt, als ihr jüngster Sohn nach einer Operation starb. Nun sei sein Vater blind durch die Psycho-Methoden: Er merke nicht, dass er durch die Sekte noch mehr Kinder verloren habe.
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