Mehr als zehn Jahre hat Tsehay ihr Antlitz unter einem Tuch versteckt. Nun wurde die 21-jährige Äthiopierin in München operiert.
Im Foyer der Bamberger Konzert- und Kongresshalle sitzt eine junge Frau mit einem breiten Tuch um den Kopf und ihren Unterkiefer geschlagen. Mehr als zehn Jahre versteckte die heute 21-jährige Tsehay aus Äthiopien ihr Antlitz. An ihrem Unterkiefer wucherte ein zuletzt fast sechs Kilo schwerer gutartiger Tumor, der größer war als ihr gesamtes Gesicht. Dank zweier aufwendiger Operationen in der Münchner Uniklinik ist sie von dem Tumor inzwischen befreit und hat quasi ein neues Gesicht bekommen. Doch das Tuch bleibt vorerst ihr ständiger Begleiter: „Das kann ich jetzt so schnell noch nicht ablegen.“
Das Geschwür wuchs, seit sie neun Jahre alt war. „Aber in der dörflichen Gemeinschaft konnte man nichts dagegen tun“, sagt Carl Peter Cornelius von der Universität München, der den Fall von Tsehay beim Jahreskongress der deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Bamberg vorstellte und die Frau mit Michael Ehrenfeld operierte. Er war selbst häufig in Afrika und kennt das Schicksal solcher Patienten: „Sie werden aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen, der Kontakt auf den geringstmöglichen Level beschränkt.“
Selbst der Gang in die Kirche wurde zunehmend seltener
Genauso ging es zunehmend auch Tsehay. „Ich konnte nicht mehr in die Schule gehen und bin nur noch zu Hause gewesen“, berichtet sie. Die Isolation nahm mit dem Wachstum des Tumors zu, selbst der Gang in die Kirche wurde zunehmend seltener. „Ich bin nur noch hinein, wenn sie leer war, weil ich sonst oft angestarrt wurde“, erinnert sie sich.
Im August 2010 wurde die junge Frau von einem amerikanischen Arzt nach München gebracht. „Der Doktor hat zu mir gesagt, dass ich jetzt nach Europa komme und der Tumor entfernt wird. Ich habe ihm das nicht geglaubt und nur auf meinen Tod gewartet“, berichtet Tsehay. Nach umfangreichen Vorplanungen per 3-D-Simulation am Computer wurde sie operiert, der Tumor entfernt und ein neuer Unterkiefer aus Knochenteilen des Wadenbeins geformt. In diesen kamen dann die Zahnimplantate.
Jetzt kann Tsehay, die vorher nur flüssige Nahrung zu sich nahm und massive Atemprobleme hatte, weshalb sie im Stehen schlief, feste Nahrung essen. „Sie kann auch lachen, das geht alles von der Funktion her“, ergänzt der Mediziner. Nach ihrem momentanen Gemütszustand befragt, sagt die junge Frau mit dem neuen Gesicht: „Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das ist unglaublich. Ich bin einfach nur glücklich.“ Ende Juli wird sie voraussichtlich in ihre Heimat zurückkehren und dort wieder in die Schule gehen. (dapd)
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren