Samstag, 1. November 2014

02. Juni 2013 10:09 Uhr

München

NSU-Prozess: Der emotionale Kampf der Mordopfer-Familien

Die Familien der NSU-Mordopfer haben bereits einige emotionale Herausforderungen hinter sich. Nun stehen die nächsten an. Und an denen hängt sehr viel.

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Im NSU-Prozess in München geht es zur Sache. Von Dienstag an sollen erste Zeugen vor Gericht sprechen, auch der Mitangeklagte Carsten S. Er hat nach eigenen Worten die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) - Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe - mit jener Waffe versorgt, mit der neun von zehn Mordopfer getötet wurden.

Carsten S. könnte die Hauptangeklagte Beate Zschäpe schwer belasten, wenn er seine polizeilichen Aussagen im NSU-Prozess wiederholt. Die Zeugen sind aber nicht nur für den juristischen Prozess entscheidend, auch die Opferfamilien blicken mit Spannung auf sie.

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Nicht alle Familienangehörige der Opfer können Reisekosten aufbringen

Die Ombudsfrau Barbara John sagt: «Für die Angehörigen ist es sehr wichtig, dass viele Details - was ist da geschehen, wer ist schuldig, wer hat sich mitschuldig gemacht, wer hat dazu beigetragen - an die Öffentlichkeit kommen.» Knapp zehn Angehörige werden demnach am 4. Juni zur Fortsetzung des Prozesses am Oberlandesgericht kommen. Nicht alle könnten die Kosten der erneuten Reise aufbringen, sagt John.

Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sollen zwischen 2000 und 2007 aus rassistischem Hass zehn Menschen ermordet haben. Mundlos und Böhnhardt nahmen sich 2011 das Leben. Neben Zschäpe und Carsten S. sitzen auch der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben sowie die weiteren mutmaßlichen NSU-Helfer André S. und Holger G. auf der Anklagebank.

Beate Zschäpe - kein "Nazi-Liebchen"

Der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler, der zwei Opferfamilien vertritt, sagt, dass seine Mandantinnen überzeugt sind, dass nicht alle auf der Anklagebank sitzen, die dorthin gehören würden. «Sie gehen davon aus, dass der Unterstützerkreis sehr viel größer war», sagt Daimagüler. «Insbesondere sind wir der Überzeugung, dass Frau Zschäpe eine Mörderin ist und nicht jemand, der als kleines Nazi-Liebchen da mitgelaufen ist», sagt Daimagüler. Ohne sie sei nach seiner Auffassung keine Tat des NSU möglich gewesen.

Carsten S. und Holger G. wollen sprechen, von Wohlleben soll es eine Erklärung geben. Zschäpe wird wohl weiter schweigen. «Ich appelliere an das Gewissen von Frau Zschäpe. Sie hat das Recht zu schweigen, aber nicht die Pflicht zu schweigen», sagt Daimagüler.

Aussagen bei NSU-Prozess mit großer Spannung erwartet

Die Nebenklägerin Gamze Kubasik, deren Vater 2006 umgebracht wurde, wird aus Dortmund kommen, wie ihr Anwalt Sebastian Scharmer sagt. «Wir kommen jetzt zu den Aussagen von zumindest zwei Angeklagten - und die erwarten wir mit großer Spannung, weil sie auch die anderen Angeklagten belasten, insbesondere Herrn Wohlleben und Frau Zschäpe», so Scharmer. Kubasik will wissen, warum es gerade ihren Vater traf.

Die Familien hoffen auf detaillierte Aufklärung und Gerechtigkeit. «Für uns alle und insbesondere für die Hinterbliebenen ist es wichtig zu erfahren, wie weit die Zeugen Zschäpe belasten», sagt John. «Es kommt darauf an, dass von vorn herein klar ist, dass sie in diesem bösen Spiel von Beginn an eine Rolle hatte.»

Erdrückende Situation für Angehörige im Gerichtssaal

Die ersten Verhandlungstage waren für viele Angehörige der Opfer schwer. Daimagüler beschreibt die Situation im Gericht als erdrückend: «Der Saal ist nicht besonders groß, es ist eine sehr dichte Atmosphäre, die Familien sitzen den mutmaßlichen Tätern nur in wenigen Metern Entfernung gegenüber.» Elif Kubasik, die Gamze und ihre anderen Kinder nach dem Mord an ihrem Mann Mehmet allein großzog, sagte nach dem Prozessbeginn: «Ich habe mir, um stark zu sein, so auf die Zähne gebissen, dass mir alles wehtut, mein Kopf platzt.»

Inzwischen konnten sich die Angehörigen mit den formalen Abläufen eines so großen und emotional aufreibenden Strafprozesses vertrauter machen. «Ich glaube schon, dass viel durch Gespräche und Reflexion verarbeitet werden konnte, wir haben abends dann oft lange zusammengesessen sagt», sagt John, die einen engen Kontakt zu den Angehörigen pflegt. «Ich denke, dass sie immer besser verstehen, was im Prozess abläuft und womit man rechnen muss.» dpa/AZ

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