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29. Juli 2010 19:05 Uhr

Augsburg

Prozess: Die Ausbeutung der Regalauffüller

Um das Schicksal von Regalauffüllern ging es bei einem Prozess vor dem Landgericht Augsburg. Und um einen Chef, der jetzt sechs Jahre ins Gefängnis muss. Von Peter Richter

Jahrelang war eine Stuttgarter Firma für den Lebensmittelhandel, aber auch als Gebäudereiniger bundesweit einer der größten Dienstleister. Allein in Hunderten Rewe-Märkten in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern sortierten ihre Regalauffüller - meist waren es Portugiesen - frische Waren ein und abgelaufene aus. Sie ersparten so der Supermarktkette, deren Stammbelegschaft aufstocken zu müssen.

Das Nachsehen hatten andere, wie ein Prozess vor dem Augsburger Landgericht deutlich machte. Am Donnerstag fielen die letzten Urteile. Weil er den Staat und die Sozialkassen um mindestens sechs Millionen Euro an Steuern und Abgaben geschädigt habe, muss der frühere Geschäftsführer des Unternehmens (45) für sechs Jahre ins Gefängnis. Vermutlich liegt die Schadenssumme aber mehr als doppelt so hoch. Die Firma ist inzwischen insolvent.

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Zwei Jahre und neun Monate Haft verhängte das Gericht über seinen jüngeren Bruder, der in Frankfurt als Gebietsleiter die Arbeiten in den Märkten überwacht hatte. Zu Beginn des seit Juni geführten Prozesses hatte das Brüderpaar die Vorwürfe der Anklage noch als völlig abwegig zurückgewiesen - trotz bereits ergangener Urteile gegen Mittäter, so ihre zu viereinhalb Jahren Haft verurteilte Schwester Silvia.

Am Donnerstag legten auch ihre Brüder Geständnisse ab. Danach hat das Familienunternehmen spätestens seit 2004 ein Netz aus 25 Subunternehmen unterhalten. Meist handelte es sich um Portugiesen, die nur zum Schein ein Gewerbe angemeldet hatten. In ihrer Heimat warben sie dann Landsleute für die Tätigkeit in den Supermärkten an - zu Hungerlöhnen, die nach Abzügen bei drei Euro die Stunde lagen. Ihre Einsatzbefehle für die täglichen Touren kamen aus Stuttgart, wie auch die T-Shirts und Pullover mit dem Firmenlogo, die sie tragen mussten.

Sie genehmigten sich selbst hohe Gehälter

Die Ausländer, darunter auch Bulgaren, wohnten in Sammelunterkünften. Eine davon war in Dasing (Kreis Aichach-Friedberg). Frühmorgens wurden sie in Städte wie München oder Augsburg gefahren, wo sie die Regale befüllten. Es war ihnen verboten, in den Märkten zu reden. Kam bei Kontrollen heraus, dass Ware mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum im Regal stehen geblieben war, wurden sie mit Lohnabzug bestraft.

Richter Rudolf Weigell warf im Prozess den Geschwistern "eine moderne Art der Ausbeutung" vor. Sich selbst hatten die Angeklagten monatlich hohe Gehälter genehmigt, die zwischen 9000 und 20 000 Euro lagen. Anders als sie mussten ihre Regalauffüller mitunter hungern. Weil Löhne verspätet kamen, hatten sie kein Geld mehr, um sich Lebensmittel zu kaufen. Peter Richter

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