Mittwoch, 29. Juni 2016

13. Februar 2009 19:19 Uhr

Interview mit einem Nervenarzt

Sparen zulasten der Patienten

Nächste Woche wollen Nervenärzte und Psychotherapeuten ihre Praxen vorübergehend schließen. Ein Interview mit dem Nervenarzt und Psychotherapeuten Christoph Rieth, der in Neusäß eine Praxis betreibt.

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Dr. Christoph Rieth ist Nervenarzt und Psychotherapeut mit einer Praxis in Neusäß. Er ist Vorsitzender des Vereins Mi-Nerv-A.

Die meisten niedergelassenen Nervenärzte, Neurologen und Psychiater im nördlichen Schwaben schließen nächste Woche ihre Praxen. Warum?

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Rieth: Wir wollen darauf aufmerksam machen, wie gering die ärztliche Leistung bezahlt wird. Es ist skandalös, dass wir pro Quartal nur 53 Euro für die neurologische Behandlung eines Patienten bekommen. Beim Psychiater sind es 60 Euro. Und es gibt keine Leistungen mehr, die wir extra vergütet bekommen. Wie soll ich einen depressiven Patienten, der meist viele zeitaufwendige Gespräche braucht, für ganze 60 Euro im Quartal behandeln?

War es vorher besser?

Rieth: Die Neurologen bekamen bisher noch etwas für Doppler/Duplex-Sonographien (Gefäßuntersuchungen der Hals- und Hirngefäße). Dann hatten sie bis zu 75 Euro pro Patient und Quartal.

Was bedeuten die von Ihnen beklagten Honorareinbußen?

Rieth: Mit einem Patientenkontakt pro Quartal ist das uns zugestandene Honorarvolumen bereits aufgebraucht. Damit lässt sich eine reine Kassenarztpraxis nicht mehr führen. Viele Praxisinhaber leben von ihren Privatpatienten und Gutachten. Für die Psychiater ist die Situation in der Tat existenzbedrohend. Und in der Folge geht das auf Kosten der Versorgung unserer Patienten.

Gibt es einen Ausweg?

Rieth: Die Kassenärztliche Vereinigung und andere empfehlen uns, den Patienten private Rechnungen zu schreiben. Das haben wir nicht getan. Wir wollen die Menschen mithilfe der finanziellen Mittel behandeln, die sie dafür an die Krankenkassen bezahlt haben.

Was sagen die Patienten?

Rieth: Sie sind verblüfft, wie wenig für die ärztliche Leistung bezahlt wird. Wir haben sie in den vergangenen Wochen in Gesprächen und mit Handzetteln über die aktuelle Lage informiert.

Gibt es einen Notdienst, wenn die Praxen geschlossen sind?

Rieth: Ja, selbstverständlich. Auf unseren Anrufbeantwortern informieren wir die Patienten, an welchen Arzt sie sich im Notfall jeweils wenden können. In schweren Fällen sollten sie ohnehin eine Klinik aufsuchen. Und noch etwas: Unsere lebensbedrohlich erkrankten Patienten in Heimen werden selbstverständlich in gewohnter Weise weiter versorgt.

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