Uwe Zimmer war einst Chefredakteur einer Münchner Boulevardzeitung. Im Interview erzählt er, wie seine Ex-Kollegen auf seinen neuen Beruf reagieren.

An der Stahltür, die die Trauergäste öffnen mussten, um zur Aussegnungshalle zu gelangen, hängt ein Schild: "Vorsicht Glatteis". Ein Trauerredner läuft stets Gefahr, auszurutschen. Wie redet man angemessen über Tote?
Wie ein Journalist überlegt Trauerredner Zimmer, was er erwähnen kann und was nicht. Soll er erzählen, dass der Architekt nur Häuser baute, die ihm selbst gefielen? Dass der Arzt mit Traumkarriere, der nach einem Schlaganfall tot aufgefunden wurde, zuvor einen Antrag auf Hartz-IV-Unterstützung unterschrieben hatte? Wie ein junger Journalist, der mit seinem Ressortleiter um Formulierungen ringt, überzeugt Trauerredner Zimmer gelegentlich Hinterbliebene, von Episoden aus dem Leben des Verstorbenen berichten zu dürfen, die sie für nicht berichtenswert halten. Eine dieser Episoden spielte in einem Altenpflegeheim bei der Essensausgabe. "Sind Sie Diabetiker?", wurde der Mann gefragt. "Ich bin kein Diabetiker, ich bin Ingenieur." Uwe Zimmer berichtete.
Kollegen und Freunde wunderten sich über den Trauerredner Zimmer. Sie dachten, dass der Ex-Chefredakteur im Ruhestand ein Buch schreiben würde: "Immer traurige Menschen, Tränen, schwarze Kleidung, wo du doch die Sonne so liebst." Uwe Zimmer musste oft die Frage nach dem Warum beantworten. Er hat sich auf fünf DIN-A 4-Seiten mit ihr beschäftigt und damit mit sich. Ein "kleines Selbstporträt" nennt er das, es beginnt, natürlich, mit einer Überschrift. "Warum?" Was folgt, liest sich wie der Entwurf eines Buches, freilich nicht jenes Buches, das man von ihm erwartet hätte: "Als ich bei meiner ersten Trauerfeier zur Aussegnungshalle ging, die Vögel sangen und die Sonne schien, habe ich mich gefragt, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Warum diese Zumutung, warum? Kann ich den Trauernden, dem Verstorbenen überhaupt gerecht werden? Über der Tür des Zimmers, in dem ich meine Sachen ablegen konnte, stand ,Geistlichkeit'. Passe ich dort hin?"
Der Protestant Uwe Zimmer bezeichnet sich als einen "in der Kirche gebliebenen Agnostiker", als jemanden, der die - mögliche - Existenz Gottes weder bejaht noch verneint. "Vor allem, wenn man den Verstorbenen kennt, fällt einem auf, wie wenig Persönliches, wie viel vorgestanztes Trauerritual die Feier ausfüllt", schreibt Zimmer über die Bestattung eines Jugendfreundes, der "katholisch kirchlich verabschiedet wurde, aber als Mensch in der Predigt schemenhaft blieb". Sein Leben lang hat sich Uwe Zimmer mit Unglücken, Tod und Trauer auseinandergesetzt, er hat Bücher zu diesen Themen gesammelt, Todesanzeigen. Trauerredner, das lag nahe. Er bewarb sich bei einem Dachauer Bestatter und erhielt einen Auftrag. Seitdem wird er gebucht, wenn ein Priester nicht gewünscht ist.
Das Ave-Maria aus den Lautsprecherboxen in der Aussegnungshalle ist zu Ende. Uwe Zimmer läuft hinaus aus dem Dämmerlicht ins Freie, auf den Friedhof, die Hinterbliebenen hinter ihm im Trauerzug, der Urnenträger vor ihm. Der Ablauf einer Bestattung ist bis auf die Sekunde geplant. 15 Minuten dauerte die Trauerrede samt Musik vom Band, 15 Minuten der Weg zur Urnenwand, auf dem die Trauergemeinde zunächst schweigt und sich von einem Eichhörnchen ablenken lässt, das über Gräber huscht. Eine Frau bricht das Schweigen und meint: "Sehr interessant." Ein Mann: "Das hab ich gar nicht gewusst." Es vergehen weitere 15 Minuten, in denen jeder der 150, vielleicht 200 Trauergäste einen letzten Blick auf die schwarzgraue Urne wirft. Zimmer beachtet niemand mehr. Er steht mit übereinandergeschlagenen Händen, in der linken sein zusammengerolltes Redemanuskript, seitlich am Rande der Urnenwand. Eine Stunde danach verschließt der Friedhofsvorarbeiter das Fach der Urne mit einer Marmorplatte.
Alleine zwei bis drei Stunden recherchiert Uwe Zimmer für eine Trauerrede. Für einen "Leid-Artikel der ganz besonderen Art". Daniel Wirsching
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