Dienstag, 27. September 2016

27. August 2015 16:56 Uhr

Natur

Warum Jäger und Förster in Bayern verbissen über Gämsen streiten

Jäger und Tierschützer sehen die Bestände der Gämsen in Bayern in Gefahr - auch weil die Gams als Waldschädling gilt. Die Geschichte eines verbissenen Konflikts.

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Am Abgrund: Ist die Zukunft der Gämsen in den Alpen gefährdet?
Foto: Imago Stock&people

Konrad Esterl hat viel gejagt in seinem Leben – auf Gams, Hirsch, Sau und Rehbock. Die bekannte Valepp im oberbayerischen Spitzingseegebiet und der Ebersberger Forst waren seine berufliche Heimat als Wildmeister. Auch heute noch, 79-jährig und längst im Ruhestand, geht der passionierte Waidmann an der Rotwand im Mangfallgebirge auf die Pirsch. Doch die Zeiten, sagt Esterl, haben sich grundlegend geändert.

Dazu später mehr.

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In Wildbad Kreuth, nicht weit von Esterls Revier entfernt, hat sich in diesen Tagen der Verein „Wildes Bayern“ gegründet. Es ist ein Aktionsbündnis zum Schutz der Wildtiere und ihrer Lebensräume mit Herzogin Helene in Bayern an der Spitze. „Wir verstehen uns als Anwalt gefährdeter Arten“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Christine Miller.

Zu ihnen zählt die Wildbiologin aus Rottach-Egern am Tegernsee inzwischen auch Gams, Rotwild, Schneehase oder Birkhuhn. Miller: „Immer mehr heimische Wildtiere führen eher ein fröhliches Dasein als Logos oder auf T-Shirts, während sie draußen Wanderern oder Naturfreunden kaum noch über den Weg laufen.“

Sorge um die Gams

Doch wie ernst ist die Lage wirklich? Der Bayerische Jagdverband hat vor kurzem ein Symposium zum Thema „Die Zukunft des Gamswildes in den Alpen“ veranstaltet und sieht dringenden Handlungsbedarf. Nach Einschätzung führender Biologen bleiben der Gämse zu wenige artgerechte Winterlebensräume, um die harte Jahreszeit in hochalpinen Lagen unbeschadet zu überstehen.

In schneereichen Monaten ziehe das Wild in die Südlagen der Alpen. Gerade dort brauche es störungsfreie Zonen, um sicher überwintern zu können. Und dort finde es auch Futter. Es seien jedoch genau jene Gebiete, in denen die Gams häufig ganzjährig – also auch in der Schonzeit – geschossen wird, sagt der Präsident des Bayerischen Jagdverbandes, Jürgen Vocke.

Durch die intensive Bejagung werde das Wild in Nordhänge mit meterhohem Schnee getrieben, sagen Kritiker. Die Tiere, die ihre Stoffwechselaktivität und damit ihren Nahrungsbedarf im Winter um mehr als die Hälfte absenken, würden einem Dauerstress ausgesetzt. Der Energieverbrauch – und damit auch der Hunger – steige, Schäden an Forstpflanzen würden so geradezu provoziert. Professor Walter Arnold, Leiter des Forschungsinstituts für Wildkunde und Ökologie an der Universität Wien, drückt es deutlich aus:

„Man sollte sich auch in Bayern mittlerweile um die Gams mindestens ebenso große Sorgen machen wie um den Schutz des Bergwaldes.“ Der gegenwärtige Jagddruck und der Abschuss der Tiere im Winter seien nicht zu rechtfertigen.

Genau hier beginnt der Konflikt zwischen Jagd und Forst.

Gämsen richten im Wald Schäden an

Seit 1986 läuft das sogenannte Schutzwaldsanierungsprogramm. Rund 80 Millionen Euro hat Bayern seither für die „Reparaturarbeiten“ im Bergwald investiert, mehr als zwölf Millionen Nadel- und Laubbäume wurden gepflanzt. Auf einer 260.000 Hektar großen Fläche in den bayerischen Alpen sind heute 140.000 Hektar Schutzwald, 14.000 Hektar davon sind sanierungsbedürftig – gleichermaßen im Staats- wie im Privatwald.

„Die Schutzwaldbestände sind zu alt oder nach Sturmwürfen verlichtet. Deshalb sind wir verpflichtet, für eine standortgerechte Verjüngung zu sorgen“, sagt Markus Hildebrandt vom Amt für Landwirtschaft in Weilheim. Der Forstbeamte spricht von einem politischen Auftrag, der auch im Waldgesetz klar definiert sei.

Vor allem Verbissschäden würden sich auf extremen Standorten verheerend auswirken. Hauptverursacher dafür sei neben dem Rot- und Rehwild eben auch die Gämse. Hildebrandt: „Um Verbissschäden, die zum Ausfall ganzer Pflanzungen führen können, zu verhindern, ist in den sogenannten Schonzeitverordnungsgebieten ein Abschuss daher auch in der Schonzeit erforderlich.“ Allerdings dürften keinesfalls trächtige oder führende Geißen erlegt werden. Das Konzept der Forstbetriebe sehe als Ausgleich beruhigte Gebiete vor, in denen die Jagd gar nicht oder nur sehr zurückhaltend ausgeübt wird.

Klaus Dinser, Leiter der Fachstelle Schutzwaldmanagement am Amt für Landwirtschaft in Kempten, betont, dass es für eine Sanierung der forstlichen Flächen eindeutige Kriterien gebe. Erfülle der Bergwald seine Aufgaben – etwa den Schutz vor einem Lawinen- oder Murenabgang – nicht mehr, müsse saniert werden.

„Wir stehen daher mit den drei Lawinenkommissionen im Raum Oberstdorf in ständigem Kontakt.“ Vor jeder Maßnahme werde eine Vereinbarung mit dem Grundbesitzer getroffen – denn immerhin rund 70 Prozent der 65000 Hektar Bergwald in seinem Zuständigkeitsgebiet im Allgäu seien in privater oder kommunaler Hand, 33000 Hektar seien Schutzwald.

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Ein Artikel von
Jörg Sigmund

Augsburger Allgemeine
Ressort: Leitender Redakteur

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