Freitag, 28. Juli 2017

18. Juli 2017 06:35 Uhr

Baggerseen

Was tun gegen das Sex-Problem an unseren Baggerseen?

Sie feiern Orgien und stellen ihre Körper zur Schau: An mehreren heimischen Baggerseen hat sich eine Sex-Szene etabliert. Nun platzt einigen Fischern der Kragen.

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Das Problem liegt im Dunkeln. Vielleicht ist es auch gar nicht mehr da. Nicht um diese Uhrzeit. Nicht nach dem heftigen Gewitter, das die meisten vom Augsburger Kaisersee vertrieben haben dürfte. „Wir drehen trotzdem unsere Runde“, sagt die Frau mit den langen blonden Haaren. Sie knipst die Taschenlampe an und marschiert den Trampelpfad am Ufer entlang.

So wie sie und ihre Kollegen vom Lechfischereiverein Augsburg das regelmäßig machen – vor allem jetzt im Sommer, vor allem am Wochenende, wenn sich die Nacht über den See gelegt hat und die Probleme mit „Badegästen und Konsorten“ noch größer werden, als sie es ohnehin sind.

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Vor acht Jahren haben die Fischer den See nahe der Autobahn gekauft, zuvor hatten sie ihn über Jahrzehnte gepachtet. Im Laufe der Zeit hat ihr Ärger stetig zugenommen. Über die Badegäste, die mit Pflastersteinen Treppen in den See bauen oder aus Holzbalken Geländer zimmern; über den Müll, den viele am Ufer hinterlassen.

Und dann ist da die andere Sache. Das, was die Fischer am allermeisten stört – all die Nackten, die sich am Ufer niederlassen, die Szene, die sich hier etabliert hat, all die Geschichten, die sich abspielen. Der Gewässeraufseher, der seiner Kollegin folgt, leuchtet mit der Taschenlampe ins Gebüsch, immer auf der Suche nach dem Problem, und sagt: „Für die schnelle Nummer ist der Kaisersee doch berühmt.“

Immer wieder gibt es Orgien an Badeseen

Was der 46-Jährige und seine Kollegen bei ihrer regelmäßigen Patrouille hier schon entdeckt haben, damit könnten sie Bücher füllen, die – zugegeben – nicht ganz jugendfrei wären: Männer, die nur mit Netzstrümpfen und Netzhemd bekleidet gefesselt am Boden liegen; Typen, die sich vor aller Augen selbst befriedigen; Männer, die Orgien abhalten. „Diese Bilder bekommt man nie mehr aus dem Kopf“, sagt der Fischereiaufseher.

Immer wieder hätten er und seine Kollegen versucht, den Leuten ins Gewissen zu reden, zu erklären, dass man Sex am See nicht dulde. „Aber das interessiert die gar nicht“, sagt die Vereinsfrau. Nun sind die Fronten derart verhärtet, dass die Fischer, die an diesem Abend Streife gehen, ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen – aus Angst, die Männer aus der Stricher- und Schwulen-Szene könnten ihre Autos zerkratzen.

Bei der Stadt hat man den Kaisersee schon vor Jahren als „echtes Problemgewässer“ eingestuft. Verändert hat es die Situation nicht, sagen die Fischer. Im Gegenteil. 2013 ist die Bayerische Badeverordnung abgelaufen und damit Nacktbaden nicht mehr verboten – außer die Kommune erlässt eine Verordnung. Den Fischern fehlt damit die gesetzliche Handhabe.

Hinzu kommt: Durch das Internet sei der See noch bekannter geworden. Männer verabreden sich auf einschlägigen Foren zum „Spaß haben“. Andere berichten, dass es dort „in den Büschen immer geil abgeht“. Autos aus ganz Süddeutschland reihen sich an warmen Tagen entlang der Mühlhauser Straße. Der See habe seinen Ruf weg, sagen die Fischer. „Als Familie kommt man nicht mehr zum Baden her.“ Und das Angeln mache keinen Spaß mehr.

Sex am See ist auch in Hamlar ein Problem

Auch das Örtchen Hamlar südlich von Donauwörth hat es auf diese Weise zu Berühmtheit gebracht, seit der örtliche Fischereiverein seinen Ärger öffentlich gemacht hat – darüber, dass das Naherholungsgebiet im Internet als Sex-Paradies gerühmt wird für „Heteros, Bi-Sexuelle und Schwule“.

Dass sich Pärchen zwischen den Büschen vergnügen und sich auf einer kleinen Insel die Homosexuellen-Szene trifft. Und dass die Fischer an Sommerwochenenden alle Hände voll zu tun hätten, um die Kondome an den Ufern zu beseitigen. „Jugendgefährdend“ sei das Treiben, vor allem, wenn man mit dem Nachwuchs am Weiher sitze, während es in den Büschen hoch hergehe, klagten sie und forderten ein Nacktbadeverbot.

Doch nicht alle in der Gemeinde sehen die Sache so ernst. Man solle nicht so prüde sein und den Leuten ihren Spaß lassen, sagen manche. Hier wurde schon immer textilfrei gebadet, sagen andere. Wieder andere schimpfen, dass die Schlagzeilen den Ort in Verruf gebracht haben. Das Thema landete beim Gemeinderat. Dieser hat sich gegen ein Nacktbadeverbot ausgesprochen.

Und heute, drei Monate nach den ersten Schlagzeilen? Scheint man in Hamlar den Mantel des Schweigens über das Sex-Problem am See gebreitet zu haben. Die Fischer wollen nichts mehr sagen. Auch Bürgermeister Martin Paninka, der vor Wochen noch Kondome vor laufenden Kameras aufsammelte, würde es am liebsten so halten.

Aber es hilft ja nichts. „Wir haben festgestellt, dass sich die Wogen ein wenig geglättet haben“, erklärt er also. Seit die Polizei verstärkt kontrolliert, ob Autofahrer entlang des Radwegs am Nordufer fahren oder parken, habe es ein paar Verwarnungen gegeben, aber keine Beschwerden mehr.

In Internetforen schimpfen Freizügige dagegen, dass „da in letzter Zeit verstärkt kontrolliert“ werde. Andere sind enttäuscht, dass von Freiluft-Sex „keine Spur“ sei. Der Gemeinde dürfte es recht sein. Sie plant weitere Maßnahmen. In den nächsten Wochen soll die Schotterfläche am Nordufer mit einem Erdwall aufgeschüttet werden, um das Parken zu erschweren. Die Polizei kontrolliert weiter, sagt der Donauwörther Polizeichef Thomas Scheuerer – so, wie sie das an jedem anderen Baggersee mit einem Radweg auch tue. Ohnehin, sagt Scheuerer, dürfe man „die Sache nicht hochspielen. Das ist ja etwas völlig anderes als Porno Island.“

Polizeichef: "Diese Zustände können wir nicht dulden"

Etwa 100 Kilometer weiter westlich, in Senden, lässt Thomas Merk seinen Blick über die Halbinsel streifen, der man diesen unrühmlichen Namen verpasst hat. Das Treiben auf der Landzunge zwischen dem nördlichen und südlichen Waldsee hat die Stadt nahe Neu-Ulm vor ein paar Jahren bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Von Männern, die am Ufer miteinander Sex haben, war die Rede, von wilden Orgien, von Sex-Touristen aus der Homosexuellen- oder Swinger-Szene, die aus ganz Süddeutschland nach Senden strömten.

Merk, der örtliche Polizeichef, kennt all die Geschichten, all die Probleme. „Wir sind nicht prüde und auch keine Moralapostel, wir haben auch nichts gegen Nacktbader oder Homosexuelle“, sagt er. „Aber diese Zustände können wir nicht dulden.“ Raphael Bögge, der Sendener Bürgermeister, ergänzt: „Es darf nicht sein, dass die Menschen sich hier nicht mehr wohlfühlen.“ Dass Familien den Naherholungsbereich, der direkt an die Stadt grenzt, meiden, Eltern ihre Kinder nicht mehr am See radeln lassen, Spaziergänger einen anderen Weg nehmen – weil sich schon mittags wenige Meter vom Weg entfernt eindeutige Szenen abspielten.

 

Es ist schwül an diesem Nachmittag. Gut möglich, dass es noch gewittert. Der Mann im karierten Hemd überquert die Brücke, die über den Illerkanal führt. Dann geht er den Fußweg zwischen den Seen entlang, biegt in eine Lichtung ab, kommt zurück, biegt wieder ab. Ein Handtuch hat er nicht dabei, nicht einmal eine Decke. Wie keiner der Männer, die an diesem Nachmittag nacheinander die Trampelpfade ins Unterholz nehmen. Manche schauen auf ihr Handy, andere blicken um sich – als suchten sie etwas.

Derzeit gehen Merk und seine Kollegen mehrmals täglich Streife, zusammen mit einer zehnköpfigen Sicherheitswacht. „Nicht die Uhrzeit ist ausschlaggebend, sondern die Witterung“, sagt der Polizist. „Sobald es sonnig und warm ist, ist die Szene hier zugange.“ Tauche die Polizei auf, verließen ältere Herren oft „fluchtartig“ den Bereich. Vielleicht ist es der Kick, womöglich erwischt zu werden, was manche reizt. Vielleicht sind es die einschlägigen Internetportale, die Senden so beliebt machen. Oder es liegt daran, dass der See „verdammt verkehrsgünstig liegt“, sagt Bürgermeister Bögge – unweit der Autobahn, von der Stadt aus gut zu erreichen.

Schon vor einigen Jahren hat die Stadt reagiert, hat potenzielle Verstecke im Uferbereich abgeholzt. Das Sex-Problem ist kleiner geworden, verschwunden aber ist es nicht. Erst 2016 haben sich die Beschwerden der Anwohner wieder gehäuft. Nun haben die Städte Senden und Vöhringen, auf deren Gebiet „Porno Island“ liegt, den Zugang zur Halbinsel untersagt. Und Senden hat eine neue Grünanlagensatzung verabschiedet – inklusive einem Nacktbadeverbot, das nur Kinder bis sechs Jahre ausnimmt. 80 Platzverweise haben Polizei und Sicherheitswacht in den letzten Wochen erteilt. Bögge sagt: „Allein daran sieht man, wie groß das Problem ist.“

Wer ohne Badehose ins Wasser springen will, kann das hundert Meter weiter tun. Merk zeigt hinüber, zur FKK-Liegewiese, die zu Vöhringen gehört; dort, wo ein Mann gerade seine Kleidung abgelegt hat. Ein Sex-Problem gab es dort nie, sagt er. Im Gegenteil: Die Gäste im öffentlichen Nacktbadebereich wollten sich von denen abgrenzen, die den Gedanken der Freikörperkultur missbrauchen. Von denen, die den See in Verruf bringen. Vor drei Wochen hat die Polizei am See einen Exhibitionisten aufgegriffen. Es war die einzige Anzeige in diesem Jahr.

Aber was, wenn das Problem wieder größer wird? Wenn das Nacktbadeverbot die Hemmungslosen nicht vertreibt? Oder die Schilder, die aufgestellt wurden? Merk sagt: „Wir haben schon noch zwei bis drei Optionen, bevor wir uns geschlagen geben.“ Man könne etwa Biotope auf der Halbinsel anlegen und so den Zugang erschweren. Das hat man schon vor Jahren diskutiert. Doch das Geld dafür fehlte.

Augsburger Lechfischereiverein ist ratlos

Beim Augsburger Lechfischereiverein sind den Verantwortlichen die Ideen ausgegangen. Die Schilder, die sie aufgestellt haben, wurden abgerissen. Ein Zaun, wie sie ihn vor Jahren um ihren See bauen wollten, ist nicht zulässig. Joe Mayer ist froh darüber. Der Mann kommt im Sommer fast jeden Tag hierher, manchmal auch nachts.

Wenn der See ruhig daliegt und das Wasser im Mondschein glitzert, schwimmt er am liebsten – ohne Badehose. Der Kaisersee, sagt er, ist für sein klares, kühles Wasser bekannt – und eben auch für die anderen Geschichten. Nicht hier auf der Halbinsel, wo die Nackten liegen. „Die üblen Sachen gehen da hinten ab“, sagt er und deutet hinüber zu den hohen Bäumen. Von seinem Haus aus kann er sehen, was die Männer dort treiben, selbst am helllichten Tag. „Wenn sie sich wenigstens in die Büsche zurückziehen würden.“

Die Truppe vom Lechfischereiverein hat ihre Patrouille beendet. Heute haben sie keine Nackten entdeckt, auch keine Sexhungrigen, nicht bei diesem Wetter. Das Problem aber bleibt, sagen sie. Und dass sie nichts gegen Nackte hätten, auch nichts gegen die Leute, die durch den See schwimmen und wieder fahren. Sie fragen sich nur, warum man Sex am See haben muss. „Irgendwo gibt es doch Grenzen.“

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Ein Artikel von
Sonja Krell

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt

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