Mittwoch, 23. August 2017

12. August 2017 16:07 Uhr

Ferien

Was wir an der Region so richtig schön italienisch finden

Warum wollen so viele Bayern in Italien Urlaub machen? Hat unsere Region nicht auch viele italienische Seiten? Über Kindheits-Romantik, kuriose Wörter und den Sound des Südens.

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Mamma mia, der Tag fängt ja gut an. In Kaufbeuren haben gerade erst die Geschäfte aufgemacht und im – gefühlt – sehr italienischen Café Essbar ist draußen schon kein Tisch mehr frei. Dann halt nebenan ins Café Weberhaus, "Italienische Lasagne" für 8,50 Euro. Oder 50 Meter weiter ins "Gabriella" mit "Italienischem Frühstück, Pasta, Pizza..." Oder ganz runter an die Stirnseite der Kaiser-Max-Straße, zum historischen Rathaus. Wo Alexander Fichtl, ein – das klingt klischeebeladen, ist aber so – ziemlich italienisch aussehender Allgäuer, lässig am Geländer lehnt und gleich eine ziemlich überzeugende Liebeserklärung an ein ganzes Volk abgeben wird.

Ist der Sommer schön und alles passt, was sagen wir dann? Genau: Wie in Italien. Warum? Weil wir alle schon mal da waren. Klar, weil wir bei uns auch italienische Eiscafés und italienische Pizzerien haben. Und hier eine Vespa und da einen Fiat Cinquecento, und alle paar Minuten ruft jemand ein lang gezogenes ciao durch die Gegend. Und wenn schon morgens um neun die 25-Grad-Marke fällt wie an diesem Tag – fantastico. In diesem Fall verzeiht der Kellner aus Kampanien auch die "Gnotschi"- oder "Expresso"-Bestellung.

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Aber da ist mehr. Es steckt in den Geschichten der Menschen zwischen Oberstdorf und Nördlingen, in Kindheits-Erinnerungen und Lebenseinstellung, in Hobbys und Broterwerb. Bayern und Italien, das passt einfach. Einerseits, natürlich, in Richtung Gardasee und Co. Jeder fünfte Bayer will in diesem Jahr Urlaub in Italien machen, sagt der ADAC. Für fast alle Deutschen ist das eigene Land das beliebteste Reiseziel. Nur nicht für uns Bayern. Da ist es alles zwischen Südtirol, Sardinien und Sizilien. Dabei ist Italien doch längst unter uns.

Die Geschichte von Alexander Fichtl, 43, beginnt – natürlich – mit der Kindheits-Romantik. Allerdings etwas anders, als man vermuten könnte. Er sitzt in einem großzügigen Raum im alten Rathaus von Kaufbeuren. In der Mitte der Besprechungstisch, hinten eine kleine Büroecke, an der Wand ein Regal, das diverse Wimpel zieren. Von hier aus werden, wenn man so will, Kaufbeurens Städtepartnerschaften gepflegt. Und dieser Mann spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle.

Morgens ab nach Mailand und abends wieder zurück

Alexander Fichtl, dunkle, längere Haare, beigefarbene Hose, hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, hatte Phasen in seiner Jugend, als er ständig über den Brenner fuhr. Nicht nur, wenn Ferien waren. Seine Mutter arbeitete damals für eine Modeschmuckfirma. Einmal pro Woche stieg sie morgens in einen Kleintransporter, steuerte ihn nach Mailand, und abends ging’s zurück. Alexander saß oft auf dem Beifahrersitz. Heute sagt er: "Es war immer ein schönes Gefühl."

Er lernte Bauzeichner, studierte in München Architektur – und lernte Italienisch. Erst sachte, drei Wochen in Rom, dann richtig, ein halbes Jahr in Mailand. Ferrara kam auch in Frage, war aber zu teuer. Ferrara deshalb, weil die 130.000- Einwohner-Stadt in der Emilia-Romagna seit 1991 Kaufbeurens Partnerstadt ist. In unserer Region pflegen 23 Städte und Gemeinden sowie ein Landkreis eine Allianz mit italienischen Kommunen.

Es ist ja seltsam. Da blicken wir Deutschen gerne mal entsetzt Richtung Süden, schimpfen über dortige Schuldenberge, Mafia-Verwicklungen und politisches Chaos. Aber geht es darum, sich etwas Gutes zu tun, dann setzt sich unsereiner dolce-vita-artig zu Giuseppe in die Espressobar, stupst den Nebenmann an und sagt: "Gell, wie in Italien." Und unzählige Städte werben damit, garantiert italienisches Flair zu verströmen. Man nennt sie Elbflorenz (Dresden), Bayerisch Venedig (Passau), Venedig des Nordens (Emden), Rom des Nordens (Trier, Bremen) oder – am häufigsten: nördlichste Stadt Italiens (Augsburg, München, Regensburg, sogar Köln und Unna im Ruhrgebiet).

Kaufbeuren würde sich allenfalls so definieren: Stadt mit einem besonders innigen Verhältnis zu Ferrara. Alexander Fichtl hat schon als junger Erwachsener fasziniert beobachtet, wie einmal im Jahr ein paar Dutzend Italiener im Allgäu aufschlugen, immer zum Tänzelfest. Wie sie dann in ihren historischen Kostümen beim Umzug mitliefen, Fahnen schwenkten und auf Trommeln einschlugen. Wie sie ein paar Brocken Deutsch lernten, bayerische Kultur aufsogen und – ach ja – "schwäbisches Essen finden sie schon immer toll". Nur beim Espresso, "da sind sie etwas heikel".

In diesem Jahr war er schon fünfmal in Italien

Fichtl hat nach seinem Mailand-Studium einige Male Stadtführungen auf Italienisch angeboten. Und irgendwann die Frage gestellt bekommen: "Kannst du dir vorstellen, unsere Freunde aus Ferrara zu betreuen?" – wenn Tänzelfest ist und auch sonst. Er konnte, und seit 2011 macht er das eigenverantwortlich. Eine Art Mädchen für alles, beim großen Stadtfest von acht Uhr morgens bis halb zwei in der Nacht, drei Tage lang. "Superanstrengend", sagt Fichtl. "Und superschön."

Fichtl begleitet beim Umzug die Gruppe, die übrigens immer aus dem Stadtteil San Giorgio kommt. Er erstellt das Besuchsprogramm und verteilt es in italienischer Sprache. Darin stehen dann so Dinge wie: Arrivo al Hasen – Ankunft im Hasen, gemeint ist das Hotel. Er macht bei der Gesangsparty der Gäste mit. "Einer sagt: Du bist jetzt Romina Power und singst Felicità, und dann mach ich das." Und: Einmal im Jahr, im Mai, fährt er nach Ferrara, zum Palio, dem weltweit ältesten Pferderennen dieser Art.

Wobei: Aus diesem "einmal im Jahr" ist längst mehr geworden. Seit Jahren macht Fichtl mit seiner Frau und dem achtjährigen Sohn Urlaub am Meer, 50 Kilometer von der Partnerstadt entfernt. Natürlich schauen sie dann in Ferrara vorbei, unangemeldet. "Und immer treffe ich ein paar Leute, die ich kenne." Das ciao ist dann natürlich groß.

In diesem Jahr war er schon fünfmal in Italien. Zuletzt vor zwei Wochen. Natürlich in Ferrara. Im Mai haben sie beim Palio zwei Rennen gewonnen, das wurde jetzt groß gefeiert. Natürlich durfte "Alessandro" nicht fehlen. Es ging bis nachts um drei. Dann wieder auf den Brenner, sechs Stunden bis Kaufbeuren. Und? "Schön war’s." Wird das nicht irgendwann zu viel – der Beruf als Architekt im Staatlichen Bauamt, die Familie und eben die Italien-Sache? Will man Letzteres nicht irgendwann von der Backe haben? Was für eine Frage! Und was für eine Antwort: "Ich wünsche mir, dass dies nie so sein wird." Weil: "Italien ist Leidenschaft." Auch das Italien in Kaufbeuren.

Oder in Neuburg an der Donau, Friedberg, Kempten, ja selbst im kleinsten Weiler ist der Alltag mal italienisch. Noch besser, er ist italienisch und man merkt’s gar nicht. Man holt sich auf der Bank (banca) Geld vom Konto (conto), bezahlt an der Kasse (cassa), und wenn’s knapp wird, beantragt man einen Kredit (credito). Schon kurios, wie nah wir uns in Sachen Geld sind.

Irgendwann ist uns in unserer Italien-Seligkeit wohl der Gaul durchgegangen und jemand behauptete, es sei alles paletti. Der Italiener kennt das nicht. Genauso wie: Alles ist picobello. Wir Deutschen sind so gute Erfinder, wir erfinden sogar italienische Vokabeln. Vielleicht gehört das zur Globalisierung. So wie hierzulande immer mehr Pizzeria-Pächter ein tadelloses prego oder buon appetito beherrschen, ihre Heimat aber Rumänien oder Albanien ist.

Und auch das gibt es: Ralf Jodl und Alexander Barth verkaufen durch und durch italienische Produkte – und nennen ihr Geschäft durch und durch unitalienisch: SIP Scootershop. Da ist Erklärungsbedarf. Die Fahrt geht in ein Gewerbegebiet nach Landsberg. Eine neue, schicke Verkaufshalle inklusive Versand und Büros. Ein großes blaues Schild verkündet, dass geöffnet ist. Auf Italienisch natürlich – aperto. Jodl lädt zum Espresso.

Der Mann, 43, Basecap, kariertes Hemd, Shorts, Dreitagebart, braun gebrannt, versucht erst gar nicht zu beschwichtigen. SIP Scootershop – "das ist so eine Art Jugendsünde". Da sind, so um 1990, zwei junge Kerle, die lieben es, mit ihren Vespa-Rollern in der Innenstadt vor dem Eiscafé Cortina aufzuschlagen, mit bis zu 20 Gleichgesinnten. Dann knattert man im Sound des Südens durch die Straßen, genießt das Leben, schraubt herum, fängt an, eigene Ersatzteile zu entwickeln, findet Abnehmer, gründet eine Firma, und dann braucht man halt einen Namen für das Baby. SIP Scootershop also. Wer rechnet schon damit, dass es so gut laufen würde? So gut, dass Jodl sein Volkswirtschaftsstudium abbricht und nur noch Unternehmer ist. Wie wichtig das Italienische an diesem Geschäft sein würde, dieses Bewusstsein kommt erst später.

Dazu muss man wissen, dass Vespa die Kultmarke unter den Motorroller-Fahrern ist, nach dem Krieg aus der Not heraus entwickelt von der Firma Piaggio aus Genua. Berühmt gemacht von Gregory Peck und Audrey Hepburn in "Ein Herz und eine Krone", als sie auf ihrem Roller durch das Rom der fünfziger Jahre sausen. Und man muss wissen, dass sich seitdem weltweit eine richtige Vespa-Szene herausgebildet hat. Fans, die sich austauschen, zu Ausfahrten treffen, den Kult pflegen. Und Ersatzteile benötigen.

Die Kunden kommen aus aller Welt. Und alle fahren Vespa

Genau da setzen Jodl und Barth an. Heute, 100 Mitarbeiter stark, gehört ihre Firma zu den weltweit größten Versandhändlern dieser Art. Im Laden stehen schon mal Kunden, die eine halbe Weltreise hinter sich haben. "Hier", sagt Jodl und schlägt das Gästebuch auf. "Die sind aus Indien, der aus Russland, Malaysia, Japan..."

Den italienischen Geist hauchte ihnen ein Mann aus Vicenza ein, Andrea. Der bot sich als Lieferant an. Das erste Treffen unweit von Venedig, nun ja, lief etwas anders, als die zwei erwartet hatten. Es ging erst mal zum Essen, drei Stunden, es floss Wein, ein behutsames, geschäftliches Annähern. "Wir haben viel von ihm gelernt, was italienisches Lebensgefühl betrifft."

Schnell merkten die beiden: Vespa-Kunden wollen mehr als Schrauben und Dichtungen. Heute sind auch Klamotten, Espresso-Tassen oder Sonnenbrillen im Angebot. Hinter dem Verkaufsschalter hängt ein listino prezzi, eine Preisliste: Getriebeöl 3,30, Vino Rosso 0,75 – 9,90. In die Halle haben sie eine Espressobar integriert, in der man auch essen kann. Inzwischen kommen sie mittags scharenweise aus den umliegenden Firmen.

Und Ralf Jodl? Ist stolz auf sein Rundum-Italien-Ambiente. Wobei: "Mein Italienisch reicht nur zum Essen bestellen." Oder für ein gelato drüben in der Innenstadt, im Cortina. Dort, im Peter-Dörfler-Weg, direkt am Lechfall, reiht sich auf wenigen Metern ein Straßencafé ans andere. Markita, Likka, eben Cortina, Lavazza Bar, Lechcafé. Landsbergs Flaniermeile. Auf der anderen Seite des Lechs flattert die Stadtfahne im Wind. Dieselben Farben wie die italienische Nationalflagge. So stupst man wieder dolce-vita-artig den Nebenmann an und sagt: "Gell, wie in Italien." Unser Italien.

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Schlagworte

Italien | Kaufbeuren | Rom | Vespa | Mailand | Venedig | München


Ein Artikel von
Andreas Frei

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt

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