Und das, was der 27-Jährige anschließend macht, würde ein normalerMensch nicht lange überleben: Er geht zu den Tigern in den Käfig undstreichelt sie als wären sie kleine, niedliche, harmlose Miezekatzen. Christian Walliser ist nicht etwa lebensmüde,er ist Deutschlands jüngster Raubtierdompteur. Zurzeit tritt er mitsechs seiner acht Bengaltiger im Circus Krone in München auf. Davon hater schon als kleiner Junge in Augsburg-Oberhausen geträumt. Von Lea Thies
Walliser
"Jeden Tag nach der Abendvorstellung ruft meine Mutter an und fragt, ob noch alles dran ist", erzählt Walliserlächelnd. Heute Abend wird sie sich zum ersten Mal die Show im CircusKrone ansehen und dabei sicher feuchte Hände vor Aufregung haben. Alskleiner Bub hat er ihr schon erzählt, dass er mal im größten ZirkusEuropas auftreten möchte. "Meine Eltern sind stolz auf mich, weil iches alleine geschafft habe", sagt der Augsburger, der an Weihnachten2007 die Tiger einem polnischen Zirkus abgekauft hat.
Während er das erzählt, geraten zwei Raubkatzen im Käfiganeinander. Sie wollen seine Aufmerksamkeit erheischen. "Net streiten,brav sein", sagt Walliser
Als Kind einer Schaustellerfamilie - seine Eltern haben einKarussell und einen Autoscooter - ist er das Leben im Wohnwagen gewöhnt.
"Ich hatte immer Haustiere, habe mit Pferden gearbeitet, aber immer hatte ich im Kopf: Tiger, Tiger, Tiger", erinnert sich Walliser."Sie sind wunderschön, es sind wilde Tiere, man kann sie nicht zähmen,nur trainieren", sagt er und gibt seinen 80 Kilo schweren "Kleinen"Neomi und Ashanti die Flasche. Plötzlich sehen die Tiere im Gehege auswie liebe Schmusekatzen.
Walliser genießt den Kontakt mitseinen Tieren, näher dran zu sein als im Zoo. "Als ich das erste Mal imKäfig stand, hatte ich schon zittrige Knie. Ohne Gitter wirken siegleich dreimal so groß", erinnert er sich. Inzwischen sind er und seineTiger ein eingespieltes Team. In der Manege sieht er aus wie ein jungerRoy. Das sagen ihm die Leute immer wieder und der Vergleich gefälltihm. Die weltbekannten Tiertrainer Siegfried und Roy würde er gerne maltreffen.
Zweimal am Tag hat er Vorstellungen, davor, dazwischen und danachtrainiert er mit seinen Tigern, mistet den Stall aus, dekoriert dasFreigehege um oder füttert und krault seine Raubkatzen. Sie bekommenals Spielfutter mit Elefantenkot präparierte Bowlingkugeln, im Sommerhaben sie einen Pool. Immer wieder muss er sich und seine Arbeit gegenVorwürfe von Tierschützern verteidigen. "Ich erfülle alle Auflagen",sagt er. Außerdem seien Tiger im Zirkus geistig mehr gefordert als dieim Zoo, weil sie beschäftigt seien. Seine Tiere hätten es gut, und vorallem besser als eine Milchkuh im Großstall.
Ein Leben mit Tigern heißt ein Leben ohne Urlaub, ohne feste Arbeitszeiten, ohne festen Wohnsitz. Auch krank zu sein kann sich Wallisernicht erlauben, seine Tiere müssen schließlich jeden Tag von ihmversorgt werden. Dennoch kann sich der Augsburger ein anderes Lebennicht vorstellen. Täglich bekomme er 350 Kilo Zärtlichkeit von jedemTiger zurück. Und dann sind da noch die leuchtenden Augen der Kinder imPublikum. "Ich möchte so lange wie möglich mit den Tigern arbeiten",sagt er und denkt an Gerd Simoneith-Barum, der noch im hohen Alter inder Manege stand.
Seit vier Jahren arbeitet Wallisernun schon mit den Raubkatzen, er wurde noch nie gebissen. "An dieGefahr darf ich nicht denken, wenn ich in den Käfig steige." Einmalbekam er einen Tatzenhieb ab, die vernarbten Spuren auf der Brust siehtman noch immer. Hat er auch vor etwas Angst? "Ja, vor Mäusen", sagt ergrinsend.
Lea Thies (Archivartikel vom Januar 2009)
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