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20. Juni 2010 21:06 Uhr

Hintergrund

Wie glaubwürdig ist Augsburgs früherer Bischof Mixa?

Am Wochenende wurden neue Details über die Umstände von Walter Mixas Rücktritt bekannt. Ein Dokument, das unserer Zeitung vorliegt, legt nahe, dass es in der Tat sexuelle Übergriffe gegeben haben könnte. Von Daniel Wirsching

Vatikan schweigt zu Vorwürfen gegen Mixa
Foto: DPA

"Alles noch viel schlimmer?" überschrieb das Kölner Domradio am Wochenende einen Artikel auf seiner Internetseite. Darin wird über neue Spekulationen um Walter Mixas Rücktritt berichtet - und über sehr konkrete Vorwürfe gegen den früheren Augsburger Bischof. Der soll gegenüber Priesteramtskandidaten mehrfach sexuell übergriffig geworden sein. Mixa selbst hatte das in einem Interview vor Kurzem noch als "eine glatte Verleumdung, die durch gar nichts zu begründen ist", zurückgewiesen. "Das ist infam", sagte er.

Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und nach wochenlangen Recherchen unserer Zeitung lassen sich die Vorwürfe allerdings nicht in dieser Eindeutigkeit von der Hand weisen. So sollen zwei Priester - einer aus dem Bistum Eichstätt, einer aus dem Bistum Augsburg - über Übergriffe berichtet haben, die ihnen Mitte der 90er Jahre gegen ihren Willen und in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Mixa angetan worden seien. Diese Schilderungen aus dem Umfeld Mixas aus seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen (1975 bis 1996) - und Aussagen von Mitarbeitern, denen zufolge Mixa ein schwer alkoholkranker Mann sei - hätten den Papst dazu bewogen, das Rücktrittsgesuch des Augsburger Bischofs anzunehmen.

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Laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung spielte der - schnell entkräftete - Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen für die Entscheidung keine Rolle. Der Papst habe Mixas zu jenem Zeitpunkt widerrufenem Ersuchen zugestimmt, weil ihm Unterlagen mit diesen Vorwürfen vorlagen. Diese Unterlagen seien ihm über die Apostolische Nuntiatur in Berlin übermittelt worden.

Ein Dokument, das unserer Zeitung vorliegt, legt nahe, dass es in der Tat sexuelle Übergriffe gegeben haben könnte. Es ist offensichtlich in die Unterlagen eingeflossen, in die der Papst angeblich Einsicht hatte. In dem Dokument beschreibt ein Mann, der Mixa gut kennt, einen Dialog zwischen dem damaligen Schrobenhauser Stadtpfarrer und einem Priesteramtskandidaten während eines gemeinsamen Urlaubsaufenthalts. Der junge Mann und Mixa, so heißt es, teilten sich ein Zimmer. An einem nicht genannten Datum sagte der junge Mann zu Mixa: ",Ich möchte jetzt zum Schwimmen gehen.' Daraufhin antwortete der Stadtpfarrer: ,A. (Name ist der Redaktion bekannt), bleib doch hier, ich brauche jetzt deine Liebe.' Woraufhin A. erwiderte: ,Ich bin doch nicht schwul.' Der Stadtpfarrer antwortete: ,Aber ich doch auch nicht.' Daraufhin sagte A.: ,Was aber ist dann gestern Abend passiert?' Worauf der Stadtpfarrer antwortete: ,Das ist mir im Überschwang meiner Gefühle passiert.'"

Was genau sich zwischen den beiden zugetragen hat, wird nicht klar. Allerdings erzählte der Mann, der Mixa gut kennt, im Gespräch mit unserer Zeitung, dass der damalige Priesteramtskandidat mit ihm später über diese und weitere intime Begegnungen gesprochen habe: Ähnliche Situationen sollen zwischen dem jungen Mann und Mixa demnach mehrfach vorgekommen sein. Einvernehmlich seien sexuelle Handlungen nicht gewesen. Der damalige Priesteramtskandidat habe Mixa gesagt, "er wolle das nicht". Es soll weitere Priester geben, die Übergriffe Mixas bezeugen können.

Bekannt ist, dass Mixa eine problematische Nähe zu jungen Männern in den Priesterseminaren Eichstätt und Augsburg pflegte. In den meisten Fällen wurden Berührungen am Oberkörper als problematisch bezeichnet. Diese wurden als unangenehm, nicht aber als sexuelle Übergriffe empfunden.

In den Unterlagen, die dem Papst vorlagen, soll der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zufolge auch Mixas Verhältnis zur Wahrheit thematisiert worden sein. In der öffentlichen Diskussion ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit Mixas von zentraler Bedeutung. Dass er ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit hat, geht aus den Recherchen unserer Zeitung hervor.

Mehr als zwei Wochen nach den gegen ihn erhobenen Vorwürfen ehemaliger Schrobenhauser Heimkinder, er habe sie schwer körperlich gezüchtigt, räumte Mixa ein: Er könne "die eine oder andere Watschn von vor 20 oder 30 Jahren natürlich nicht ausschließen". Dieser Satz sorgte am 16. April für Aufsehen. Beobachter fragten sich, warum Mixa plötzlich zugab, was er wochenlang abgestritten hatte. Ursprünglich hatte er den Heimkindern durch seinen damaligen Medienchef Dirk Hermann Voß schließlich mit rechtlichen Schritten drohen lassen. Es gibt dazu eine Vorgeschichte: Ein ehemaliger Schrobenhauser Ministrant bat Mixa in einem Treffen am 11. April darum, "Dinge, die passiert sind, nicht länger zu leugnen" - und sprach Mixa auf "heftigste Watschn" an, die dieser als Stadtpfarrer einigen Ministranten gegeben habe. Mixa sagte: "Aber das kann ich der Presse doch so nicht sagen." Er versprach, über die eindringliche Bitte nachzudenken.

Am 14. April kam es zu einem zweiten Treffen, diesmal von Mixa und Voß mit dem Ex-Ministranten und zwei weiteren früheren Schrobenhauser Ministranten. Erneut sprach man über "massive Watschn" und appellierte an Mixa, diese öffentlich einzugestehen. Voß habe in Bezug auf die Watschn gesagt: "Wenn ich das gewusst hätte, dann hätten wir eine andere Strategie gefahren." Die früheren Ministranten gewannen bei dem Treffen den Eindruck, dass es Mixa nur um die richtige Strategie gegangen sei, wie er seine missliche Lage verbessern könne, sagte einer von ihnen unserer Zeitung. "Mixa erschien mir neben der Spur zu sein und dringend Hilfe zu brauchen. Ich sagte ihm, er soll sich gute Berater und echte Freunde suchen und dass ihm vielleicht eine Auszeit hilft."

Eine Woche später, am 21. April, unterzeichnete Mixa ein Rücktrittsgesuch; am 29. April trafen sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Marx, und der Augsburger Weihbischof Anton Losinger mit dem Papst in Rom. Wie nun das Nachrichtenmagazin Focus berichtet, habe der Papst selbst die beiden Erzbischöfe im April angewiesen, Mixa zu einer Auszeit zu bewegen. Zunächst habe er seinen Apostolischen Nuntius in Deutschland mit dieser Aufgabe betraut. Als Mixa nicht reagiert habe, habe er Zollitsch und Marx gesandt - nach Informationen unserer Zeitung vor allem, um von Mixa ein klares Wort zu erhalten. Denn der hatte mehrmals dem Papst seinen Rücktritt angeboten und wieder revidiert.

Mixa warf den Erzbischöfen Robert Zollitsch und Reinhard Marx kürzlich vor, sie seien "zum Papst geeilt" und hätten ihm "als Trumpf den sogenannten Missbrauchsfall vorgetragen". Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hatte am 14. Mai ihre Vorermittlungen eingestellt, am 8. Mai hatte der Papst Mixas Rücktritt offiziell bestätigt. Daniel Wirsching

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