Donnerstag, 18. Januar 2018

Übersicht | Meistgelesen | Meistkommentiert

i

REVIEWS FOR THE MASSES

Marc´s movies and more

„Ein Pendler schlägt aus, oder Liam nimmt den Zug“

Wer kennt das nicht. Die immergleiche, öde Fahrt zum und vom Arbeitsplatz im überfüllten Zug des Grauens. Der französische Actionthriller-Spezialist Jaume Collet-Serra hat aus diesem Allerweltsszenario einen Spannungsfilm gebastelt und dafür mal wieder Liam Neeson engagiert. Das klingt doch nach einem lohnenden Kinoabend mit netter Begleitung. Nicht nur, aber auch für den geplagten Berufspendler von nebenan.

Im Kino: The Commuter (von Jaume Collet-Serra)

Der Pendler ist ein bemitleidenswertes Individuum. Tag für Tag sitzt er zusammengepfercht mit hunderten von Schicksalsgenossen im Großraumabteil eines Regionalzuges. Die Strecke, die Gesichter, die Fahrzeit, bald kennt er alles in und auswendig. Ödnis im Hamsterrad, eine Endlosschleife der Langeweile. Dabei von einer fremden Frau angesprochen zu werden, gleicht da fast einem Lotto-Jackpot, zumal wenn sie wie Vera Farmiga aussieht. Michael MacCauley heißt der glückliche Gewinner, wobei es mit dem einem schnell vorbei ist und er sich für das Andere mächtig ins Zeug legen muss. Denn die „kleine Sache“, die er für die geheinmnisvolle Schönheit erledigen soll, entpuppt sich schnell als perfides und vor allem tödliches Katz-und-Maus-Spiel.

Ein unscheinbarer Normalbürger - sofern man Liam Neeson als unscheinbar bezeichnen kann - gerät unvermittelt in eine undurchsichtige Extremsituation, bei der er lange Zeit ebenso im Dunklen tappt wie der ahnungslose Zuschauer. Da dauert es natürlich keine Nano-Sekunde, bis der obligatorische Hitchcock-Vergleich gezogen wird. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen, aber „The Commuter“ folgt seinen eigenen Gesetzen und die definieren sich vor allem durch das eingespielte Duo aus Star und Regisseur.

Jaume Collet-Serra und Liam Neeson arbeiten hier bereits das vierte Mal zusammen und ihre Kollaboration funktioniert wie eine gut geölte Maschine. Der Franzose ist nicht einfach nur ein begabter Action-Handwerker, der sich lediglich auf schnöde Stuntarbeit und Pyrotechnik versteht. Das Luc Besson-Protegé ist ein Meister der visuellen Spannungserzeugung. Ob auf hoher See ("The Shallows"), in größer Höhe („Non-Stop") oder wie hier im schnöden Zugabteil, stets sorgt die so effizient wie originell eingesetzte Kamera für ein Mittendrin statt „nur dabei“.

Liam Neeson ist dabei das essentielle Indentifikations-Bindeglied. Für die häufig vertrackten, aber eben auch überkonstruierten Plots braucht es einen darstellerischen Ruhepol, einen gestandenen Mimen, der dem aberwitzigen Szenario mit Würde und Gleichmut begegnet. Der hünenhafte Ire scheint dafür geradezu prädestiniert. Er wirkt integer, souverän, gelassen und abgebrüht. Er spricht kein überflüssiges Wort, handelt intuitiv und entschlossen. Falls nötig, kann er auch rüde werden und ordentlich austeilen. Ein Mann der Tat. Früher hätte man dafür Clint Eastwood oder Charles Bronson engagiert, aber der eine war immer einen Tick zu cool und der andere einen Tick zu Gangster. Neeson vereint sämtliche Stärken der beiden und legt noch ein gehöriges Maß an Gravitas obendrauf.

Als „Commuter“ sind diese seine Vorzüge gefragter denn je, schließlich gibt er einen 60-jährigen Versicherungskaufmann, der im Verlauf der Zugfahrt den James Bond in sich entdeckt. Neeson nimmt man diese Mutation ab, was ganz entscheidend für das Funktionieren der sukzessive beschleunigenden Thriller-Fahrt ist. Ähnlich den drei vorigen Serra-Neeson-Projekten („Unknown Identity“, „Non-Stop“, „Run all Night"), entwickelt sich auch „The Commuter“ vom verzwickten Thriller-Puzzle zum schnörkellosen Action-Brett mit ein wenig überkandidelter Auflösung. Neesons Grandezza und Collet-Serras Cleverness umschiffen dabei souverän sämtliche dramaturgischen Untiefen und liefern auch mit ihrer vierten Zusammenarbeit eine vergnügliche Feierabendsause für Genre-Kino-Freunde. Wäre auch was für den geschundenen Pendler von heute, denn in Zeiten von Smombies und anderen digitalen Mainstreamern ist ja alles jederzeit und überall konsumierbar. Außerdem ist man dann weitestgehend sicher davor, sich von fremden Frauen ansprechen zu lassen. Schließlich hat nicht jeder einen Bond in sich, den er bei Bedarf rauslassen kann.

Statistik

Aufrufe der letzten 90 Tage: 303   |   Aufrufe in den letzten 24 Stunden: 23

0 Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Weitere Beiträge

Kommentar Von marcus Lachmund, 31.12.2017, 21:03 Uhr

Das Kinojahr 2017 war mal wieder super heroisch. Das konnte durchaus Spaß machen, aber mitunter auch etwas ermüden. Der Spinnen-Mann erlebte seinen dritten Frühling, der Krallenmann seinen kernigen Abgang, die Wunder-Frau sorgte für Hoffnung und der...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 24.12.2017, 16:09 Uhr

Weihnachtszeit, stade Zeit. Weihnachtszeit, für Filme Zeit. So weit, so gut, aber was tun bei der schier unendlichen Auswahl? Weihnachtsklassiker gibt es ja mehr als genug, aber muss es unbedingt immer die süße österreichische Kaiserin, der nervige...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 16.12.2017, 07:23 Uhr

Im Kino: "Star Wars: Die letzten Jedi" ( Rian Johnson) Rot ist die Farbe der Liebe, der Leidenschaft, der Energie, aber auch der Impulsivität, Aggression und Wut. Beim neuen, inzwischen achten Teil der Star Wars-Saga dominierte sie nicht...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 12.12.2017, 18:43 Uhr

Endlich ist es wieder soweit. Die alljährlichen Festtage stehen an. Nein, gemeint ist nicht das Fest der Liebe, Vergebung und der stetig wachsenden Beschenkung. Trotzdem gibt es gewisse Parallelen. Auch hier geht es um ein überirdisches Phänomen, das...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 11.12.2017, 19:10 Uhr

Im Kino: "Daddy´s Home 2" (von Sean Anders) Manchmal ist es einfach schön, einen alten Bekannten wieder zu sehen, zumal wenn der sich jahrelang rar gemacht hat. Das gilt insbesondere auch für lieb gewonnene Darsteller, vor allem wenn man...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 03.12.2017, 20:40 Uhr

Konzertkritik: Depeche Mode in der Hans-Martin-Schleyerhalle am 28.11.17 Draußen ist es kalt, dunkel und nass. Also trübe und trist. Böse Zungen würden sagen, typisches Depeche Mode-Wetter halt, passend zum düsteren, schwermütigen Sound. Wie...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 02.12.2017, 00:12 Uhr

80 Jahre bist du nun alt. Was hast du uns nicht alles für ganz besondere Momente im Kino beschert. Immer dann, wenn du uns auf eine deiner Reisen in die ferne Vergangenheit, oder die nicht minder ferne Zukunft mitnahmst, liefst du zur...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 13.11.2017, 19:05 Uhr

Im Kino: "Mord im Orient-Express" ( von Kenneth Branagh ) Britisches Understatement ist Kenneth Branaghs Sache nicht. Dem schauspielernden Regisseur wird gerne ein übergroßes Ego plus ein gehöriges Maß an Narzissmus nachgesagt. So ganz...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 09.11.2017, 22:42 Uhr

DVD/Bluray-Tipp: Unlocked (von Michael Apted) Ja, Michael Apted kann´s noch. Mit 76 Lenzen ist er ohnehin im besten Agenten-Thriller-Alter. John le Carré schreibt ja selbst im neunten Lebensjahrzehnt noch fesselnde Spionagegeschichten. Was die...

Mehr...   |   Kommentare (1)

Kommentar Von marcus Lachmund, 02.11.2017, 09:14 Uhr

Im Kino: "Thor - Tag der Entscheidung" ( von Taika Waititi) Chris Hemsworth war gelangweilt von seiner Rolle als Hammerschwingender Donnergott Thor. Und das völlig zu recht. Dem vielversprechenden, weil selbstironischen und...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 29.10.2017, 10:10 Uhr

DVD/Bluray-Tipp: "King Arthur" ( von Guy Ritchie) Seit dem kolossalen Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie (den müden „Hobbit“-Nachklapp vergessen wir einfach mal) scheinen Mittelalter und Fantasy untrennbar verbunden. Zumindest im...

Mehr...   |   Kommentare (2)

Kommentar Von marcus Lachmund, 06.10.2017, 19:16 Uhr

Im Kino: "Blade Runner 2049" (von Denis Villeneuve) Erinnerungen prägen einen Großteil der menschlichen Identität. Das memorierte Erlebte formt den Charakter, die Sicht auf die Umwelt, vor allem aber das Bild von sich selbst....

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 03.10.2017, 14:34 Uhr

Im Kino: "Kingsman: The Golden Circle" (von Matthew Vaughn) Nun hat er es also doch getan. Eigentlich hatte Matthew Vaughn nie ein Sequel eines seiner Filme drehen wollen. Eigentlich. Ob es daran lag, dass die Fortsetzung seiner...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 04.09.2017, 13:04 Uhr

Wenn gleich zu Beginn New Orders Über-Clubhit „Blue Monday“ aus den Dolby Atmos-Boxen wummert, dann fläzt sich nicht nur der geneigte Synthpop-Fan wohlig in den Kinosessel. Natürlich hilft eine Affinität zum coolen Elektro-Sound der 80er, aber der...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Über diesen Blog

Das Kino ist längst nicht mehr der einzige Ort um neue Filme zu genießen, aber immer noch der beste. Unmittelbarer, intensiver und exklusiver ist nach wie vor kein Filmerlebniss. Fundierte und hoffentlich dennoch unterhaltsame Reviews zu aktuellen Kinofilmen abseits der Legionen schnell reingetippter Eindrücke sind das Ziel. Und wenn es nur für die Motivation reicht mal wieder die Couch gegen den Kinosessel einzutauschen, dann hat es sich schon gelohnt. Bei Lust und Laune, oder auch besonderen Anlässen, wird auch mal der ein oder andere Klassiker auseinander genommen, das ein oder andere popkulturelle Phänomen seziert sowie sich den neuesten Entwicklungen in Tinseltown und Konsorten gewidmet.

von marcus Lachmund
Registriert seit 2016-11-05 14:35:47.0
17 Blogeinträge
2 Kommentare


Diesen Blog durchsuchen
Blog-Suche

Zuletzt kommentierte Blogeinträge

InaPaule Klink   Jane Bourne auf Terroristenhatz
InaPaule Klink   „Bube, Dame, König Artus!“

Blog-Statistiken

Blogs: 804 (alle anzeigen)
Blog-Einträge: 10522
Neue Blog-Einträge: 0

Neu in den Leserblogs