Freitag, 24. November 2017

Übersicht | Meistgelesen | Meistkommentiert

i

REVIEWS FOR THE MASSES

Marc´s movies and more

"Gib dem Hammer Zucker!"

Im Kino: Thor - Tag der Entscheidung ( von Taika Waititi)

Chris Hemsworth war gelangweilt von seiner Rolle als Hammerschwingender Donnergott Thor. Und das völlig zu recht. Dem vielversprechenden, weil selbstironischen und Popart-mythologischen Auftakt von Shakespeare-Könner Kenneth Branagh folgte mit dem ersten Sequel eine arg formelhafte und vor allem humorlose CGI-Leistungsschau. Als Teil des neuen Marvelschen Cinematic Universe musste er dann notgedrungen in zwei aufgetunten Ensemblefilmen mitmischen, wo er bisweilen wie ein Fremdkörper wirkte, v.a. aber neben Alpha-Charismatiker und Avengers-Platzhirsch Tony Stark zum kalauernden Sidekick degradiert wurde. Zwar ging es da seinen Rächer-Kollegen Cap, Hulk und Black Widow auch nicht viel besser, aber für einen nordischen Donnergott mit entsprechendem Ego geht sowas einfach mal gar nicht.

Gut, wenn man zu seinen Kumpels einen Kerl  wie Taika Waititi zählen kann. Der Neuseeländer ist ein Star der schrägen Indie-Szene, in dessen Filmen eine schier überbordende Phantasie gepaart mit anarchischen Humor sich mit Vorliebe die Befindlichkeiten  männlicher  Kindsköpfe ins Visier nimmt. Bei Marvel dürfte Hemsworth mit dieser Empfehlung offene Scheunentore eingerissen haben, denn erstens ist der hauseigene Superheldenstall im Prinzip lediglich eine Rasselbande juveniler Glücksritter und zweitens engagiert man dort mit Vorliebe unverbrauchte Jungregisseure mit Feuilleton-Meriten, schließlich sorgen die für frischen Ideen-Wind sind aber gleichzeitig leicht wieder einzubremsen, wenn die Brise ein wenig zu steif wird. Vor allem aber hat man bei den letzten Franchise-Ablegern beste Erfahrungen mit dem Verlassen ausgetrampelter Humorpfade gemacht und mit mal derben (Deadpool), mal absurden Humorsalven (Guardians of the Galaxy 1 und 2) die Massen begeistert. So gesehen war Waititis Engagement kein Risiko, sondern eher eine auf kaufmännischer Logik fußende Notwendigkeit.

Schon der Auftakt von „Thor – Tag der Entscheidung“ zeigt, dass sowohl Regisseur wie Arbeitgeber ernst machen. Also Ernst mit dem Unernst. Da baumelt unser göttlicher Nordmann in Ketten gewickelt von der Decke einer Vulkanartigen Höhle und sieht sich einem riesenhaften Feuermonster ausgeliefert, das ihm triumphierend Untergang und Vernichtung seiner Heimat Asgard entgegen brüllt. Allerdings wird er bei seinen Ausführungen immer wieder  von dem sich permanent um die eigene Achse drehenden Thor unterbrochen, der ihn freundlich bittet doch erst dann fortzufahren, wenn er ihn direkt anblicken kann. Die Message ist klar. Nehmt die ganze Superheldenchose nur nicht zu ernst, ist doch alles nur ein gigantischer  Rummelplatz für kleine und große Kinder. Und man wagt es kaum zu hoffen, aber dieses befreiende Anarcho-Credo durchzieht den ganzen Film.

Da gibt es einen knallbunten Schrottplaneten, auf dem ein charmant-zynischer Zeremonienmeister sein Volk mit blutrünstigen Gladiatorenkämpfen bei Laune hält. Jeff Goldblum spielt diesen Gewalt-Lustmolch als herrlich süffisanten Paradiesvogel. Aber Waititi traut sich noch weiter vor. So muss sich der verdutzte Thor mit den Respektlosigkeiten einer dauerbesoffenen Walküre (Tessa Tompson) auseinandersetzen, den Verlust gleich zwei seiner Statussymbole - wallende Mähne und geliebten Hammer - verkraften und zu guter Letzt einem für ihn ganz und gar unwürdigen Schauspiel auf Asgard beiwohnen. Dort hat sein intriganter Bruder Loki (Tom Hiddelston) die Gestalt ihres Vaters Odin (Anthony Hopkins) angenommen, in der er alles unternimmt, um Thor zu verunglimpfen und sich selbst zu glorifizieren. Dazu inszeniert er gleichermaßen schwülstige wie schmierige Theateraufführungen. Was der grandiosen Szene einen dreifachen Boden  Witz auf die Spitze treibt, ist die Besetzung der „Haupt- Rollen“ mit Matt Damon (als Loki), Sam Neil (als Odin) und Chris Bruder Liam (als Thor), die wie miserable Laiendarsteller agieren.

Bei so viel Shauspielspaß blüht auch Titelheld Hemsworth wieder auf und gibt Thor seine ganz spezielle Aura aus augenzwinkernder Arroganz und heroischer Unbedarftheit zurück. Natürlich hilft es auch, dass er mit Cate Blanchett als ihm unbekannte große Schwester eine genüßlich in ihrer Bos- und Schlechtigkeit aufgehende Widersacherin zu bekämpfen hat. Ein wenig schade ist sicherlich, dass bei ihrer finalen Auseinandersetzung um die Existenz Asgards mal wieder die digitalen Rechenkünstler ihre Muskeln spielen lassen und die aus allen Poren strömende Selbstironie kurzzeitig an den Rand dröhnen. Ähnliches gilt für die erzählerisch großartige, visuell dann aber eben doch wieder nach Schema CGI ablaufende Idee, Thor mit seinem Avengers-Kumpel Hulk in den Gladiatoren-Ring steigen zu lassen. Wenigstens setzt der Bruderzwist mit Loki diesmal voll auf verbale Frotzeleien und Tiefschläge, was v.a. dank Tom Hiddelston ein absoluter Gewinn ist.

„Thor 3“ (den sehr passenden Untertitel „Ragnarok“ hat man hierzulande mal wieder völlig unverständlicherweise über Bord geworfen) hält also beinahe alles, was sich Hemsworth und die Waititi-Kenner von der Verpflichtung des Neuseeländers versprochen haben. Der Film ist zum Schreien komisch, ohne je doof zu sein. Der Humor ist unkonventionell, aber dennoch für den handelsüblichen Comicfilm-Fan leicht verdaulich. Visuell, personell und refentiell zündet Waititi einen Kracher nach dem anderen, ohne dass der Film überfrachtet und hektisch wirken würde. Im Marvel-Universum kommen die Galaxis-Wächter diesem Ansatz am nächsten, müssen sich aber einigermaßen deutlich auf der Ziellinie geschlagen geben. „Thor 3“ ist damit zusammen mit  „The Winter Soldier“ nichts weniger als der bis dato in sich stimmigste Beitrag zum Cinematic Universe. Ein meisterliches Stück moderner Massenunterhaltung für alle großen und kleinen Kindsköpfe mit unverkennbarer Handschrift eines eigenwilligen Regisseurs. Da kann man bei möglichst griffiger Etikettierung ruhig auch mal auf eine nicht ganz so schickliche Vokabel zurückgreifen: hammergeil!

Statistik

Aufrufe der letzten 90 Tage: 241   |   Aufrufe in den letzten 24 Stunden: 1

0 Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Weitere Beiträge

Kommentar Von marcus Lachmund, 13.11.2017, 19:05 Uhr

Im Kino: Mord im Orient-Express ( von Kenneth Branagh ) Britisches Understatement ist Kenneth Branaghs Sache nicht. Dem schauspielernden Regisseur wird gerne ein übergroßes Ego plus ein gehöriges Maß an Narzissmus nachgesagt. So ganz...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 09.11.2017, 22:42 Uhr

DVD/Bluray-Tipp: Unlocked (von Michael Apted) Ja, Michael Apted kann´s noch. Mit 76 Lenzen ist er ohnehin im besten Agenten-Thriller-Alter. John le Carré schreibt ja selbst im neunten Lebensjahrzehnt noch fesselnde Spionagegeschichten. Was die...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 29.10.2017, 10:10 Uhr

DVD/Bluray-Tipp: "King Arthur" ( von Guy Ritchie) Seit dem kolossalen Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie (den müden „Hobbit“-Nachklapp vergessen wir einfach mal) scheinen Mittelalter und Fantasy untrennbar verbunden. Zumindest im...

Mehr...   |   Kommentare (2)

Kommentar Von marcus Lachmund, 06.10.2017, 19:16 Uhr

Im Kino: "Blade Runner 2049" (von Denis Villeneuve) Erinnerungen prägen einen Großteil der menschlichen Identität. Das memorierte Erlebte formt den Charakter, die Sicht auf die Umwelt, vor allem aber das Bild von sich selbst....

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 03.10.2017, 14:34 Uhr

Im Kino: "Kingsman: The Golden Circle" (von Matthew Vaughn) Nun hat er es also doch getan. Eigentlich hatte Matthew Vaughn nie ein Sequel eines seiner Filme drehen wollen. Eigentlich. Ob es daran lag, dass die Fortsetzung seiner...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 04.09.2017, 13:04 Uhr

Wenn gleich zu Beginn New Orders Über-Clubhit „Blue Monday“ aus den Dolby Atmos-Boxen wummert, dann fläzt sich nicht nur der geneigte Synthpop-Fan wohlig in den Kinosessel. Natürlich hilft eine Affinität zum coolen Elektro-Sound der 80er, aber der...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 11.08.2017, 20:10 Uhr

Im Kino: "Baby Driver" (von Edgar Wright) Der Fluchtfahrer ist ein Archetyp des Actionkinos. Meist ist er ein wortkarger Einzelgänger mit eigenem Moralkodex. Sein Rausch ist nicht das Risiko halsbrecherischer Geschwindigkeiten, sondern...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Kommentar Von marcus Lachmund, 10.08.2017, 13:46 Uhr

Im Kino: "Dunkirk" (von Christopher Nolan) Frankreich 1940. In den Gesichtern der Männer spiegelt sich die pure Angst. Aufgereiht wie Lemminge stehen sie am Strand und warten auf ihre Einschiffung in die rettende Heimat. Zurückgetrieben...

Mehr...   |   Kommentare (0)

Über diesen Blog

Das Kino ist längst nicht mehr der einzige Ort um neue Filme zu genießen, aber immer noch der beste. Unmittelbarer, intensiver und exklusiver ist nach wie vor kein Filmerlebniss. Fundierte und hoffentlich dennoch unterhaltsame Reviews zu aktuellen Kinofilmen abseits der Legionen schnell reingetippter Eindrücke sind das Ziel. Und wenn es nur für die Motivation reicht mal wieder die Couch gegen den Kinosessel einzutauschen, dann hat es sich schon gelohnt. Bei Lust und Laune, oder auch besonderen Anlässen, wird auch mal der ein oder andere Klassiker auseinander genommen, das ein oder andere popkulturelle Phänomen seziert sowie sich den neuesten Entwicklungen in Tinseltown und Konsorten gewidmet.

von marcus Lachmund
Registriert seit 2016-11-05 14:35:47.0
9 Blogeinträge
1 Kommentar


Diesen Blog durchsuchen
Blog-Suche

Zuletzt kommentierte Blogeinträge

InaPaule Klink   „Bube, Dame, König Artus!“

Blog-Statistiken

Blogs: 804 (alle anzeigen)
Blog-Einträge: 10441
Neue Blog-Einträge: 1

Neu in den Leserblogs