Donnerstag, 22. Februar 2018

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Ice Cage - Grenzerfahrung im Schockfroster

Taylor Sheridan war noch nicht fertig mit seiner Grenzbegehung. Zum Glück für den Kinozuschauer. Nach Mexiko (Sicario) und Texas (Hell or High Water) zieht es den momentan spannendsten Chronsiten inneramerikanischer Existenzkämpfe ins winterliche Wyoming.

Im Kino: Wind River ( von Taylor Sheridan)

In "Wind River" dreht sich fast alles um Gnadenlosigkeit. Es geht um grausame Schicksale, fehlende Perspektiven, kompromisslose Rache. Und es geht um Kälte, nicht um den gewöhnlichen, alljährlichen Winterfrost, sondern um eine Kälte, die zum Killer wird. Das Sterben ist allgegenwärtig in diesem nihilistischen Neo-Western von Taylor Sheridan. Mensch und Natur sind hier gleichermaßen erbarmungslos, bedingen sich darin quasi gegenseitig. Ein fataler Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. In den USA gibt es einen Begriff für diese existentiellen Grenzerfahrungen. Obgleich von der modernen Geschichtswissenschaft kritisch gesehen, ist der sogenannte "Frontier-Mythos" nach wie vor quicklebendig. Jene 1893 von Frederick Jackson Turner geprägte Theorie einer Nationengründung an der hart umkämpften Grenze zwischen Wildnis und Zivilsisation hat sich fest ins amerikanische Selbstverständnis eingebrannt.

Als Autor hat Taylor Sheridan diese Thematik bereits zweimal bearbeitet. In seinen Skripts zum Drogenthriller „Sicario" (2015) und dem Neo-Western „Hell or High Water" (2016) stößt die Zivilisation brutal an ihre Grenzen, die Kämpfe gegen mexikanische Drogenkartelle und das amerikanische Bankenwesen sind letztlich aussichtslose Kriege um die eigene Existenz. Der Gegner hat längst obsiegt. Seine Protagonisten gleichen gebrochenen Westernhelden, die angesichts der Hoffnungslosigkeit ihres Tuns nichts mehr zu verlieren haben und dennoch weiter machen, sei es nur aus Prinzip.  

„Wind River" ist Sheridans drittes "Frontier-Skript", eine Herzensangelegenheit wie er sagt, die er deshalb auch unbedingt selbst inszenieren wollte. Heraus gekommen ist ein Regiedebut von geradezu archaischer Wucht. Ein bitterer gesellschaftspolitischer Kommentar zu den Schattenseiten des modernen Amerika. Auch hier sind die in einer kargen Ödnis gefangenen Menschen längst vom Fortschritt abgehängt, mindestens aber links liegen gelassen worden. Das ländliche Wyoming ist der bevölkerungsärmste Bundesstaat der USA. Viele versuchen ihr Glück woanders und kaum jemanden zieht es dorthin. Dazu kommen ganzjährige Wetterextreme. Im „Wind River"-Indianerreservat kulminiert diese Trostlosigkeit. Jobs gibt es kaum und das Winterhalbjahr zermürbt zusätzlich mit seiner permanenten Blizzardgefahr und Begleiterscheinungen wie Eisregen, heftigen Scheefällen und nächtlichen Temperaturstürzen auf 50 Grad unter Null.

Dem 18-jährigen Indianermädchen Natalie wird eine solche Eis-Nacht zum Verhängnis. Der Wildjäger und FWS (Fish and Wildlife Service) Ranger Cory Lambert (Jeremy Renner) findet ihre Leiche in der verschneiten Einöde des Vorgebirges. Zu Beginn des Films sieht man sie barfuss durch die eiskalte Nacht rennen. Das von der Indianerpolizei angeforderte FBI schickt lediglich eine junge, unerfahrene Agentin: Jane Banner (Elizabeth Olson). Als sie heraus findet, dass das Mädchen vergewaltigt und geschlagen worden war, will sie den in ihren Augen vorliegenden Mordfall unbedingt aufklären. Da der Tod offziell durch Erfrieren eintrat, ist sie auf sich allein gestellt. Die örtliche Indianerpolizei ist chronisch unterbesetzt und überfordert. Also bittet sie den ortskundigen Lambert um Hilfe. Dieser hat eine ganz persönliche Motivation, denn die Ermordete war die beste Freundin seiner Tochter, die wenige Jahre zuvor unter ganz ähnlichen Umständen ums Leben gekommen war.

Dieser vergleichsweise klassische Whodunit-Plot ist eine kluge Entscheidung des Autors Sheridan. Die Kriminalhandlung bildet das dramaturgische Grundgerüst, an dem er seine wahren Anliegen konsequent und sehr geschickt aufhängt. Der Film funktioniert ausgezeichnet als spannender Thriller, aber er ist weit mehr als das. Mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe und einem tiefen Verständnis für ihre widrigen Lebensbedingungen, nähert sich Sheridan der Situation der amerikanischen Ureinwohner. Die Jugend, sofern sie den Absprung aus dem Reservat in Richtung College oder die nächstgrößte Stadt nicht schafft, versinkt in einem Teufelskreis aus Langeweile, Drogenkonsum und Kriminalität. Desillusioniert sind aber auch die vermeintlich gestandenen Erwachsenen. Polizei-Chief Ben Soyo flüchtet sich in resignativen Sarkasmus, Natalies Vater Martin Hanson hat mit dem Leben abgeschlossen und Cory Lambert findet nur noch in der Jagd auf wilde Tiere Frieden.

„Wind River" ist somit vor allem eine feinsinnige Charakterstudie über die geschundene Seele der Native Americans, die den Kampf an der Frontier insbesondere mit sich selbst ausfechten. Die gnadenlose Natur des winterlichen Wyoming ist gewissrmaßen das äußere Äquivalent für ihren inneren Überlebenskampf. Sheridan inszeniert diese Allegorie in betörenden Bildern der eisigen Landschaft, denen aber auch immer etwas rohes, gefährliches und beunruhigendes anhaftet. Verstärkt wird das bedrückende Gefühl durch den flirrend-melancholischen Score, den der australischen Alternative-Rocker Nick Cave mit seinem Bandkollegen Mark Ellis eingspielt hat.   

Jeremy Renner ist das Gesicht dieser Tragik, ein Mann der zwischen den Bevölkerungsgruppen steht, vom Schicksal gepeinigt und nur noch in der unwirtlichen Natur er selbst. Man hat Sheridan vorgeworfen, das Schicksal der Indianer hier mal wieder aus weißer Sicht zu erzählen. Ein ungerechter Vorwurf, und nicht nur angesichts des grandioses Ergebnisses auch ein reichlich absurder. Sheridan war selbst lange Zeit ein Grenzgänger zwischen Reservat und dem „anderen Amerika". Er schreibt also über und erzählt etwas, das er aus eigener Erfahrung kennt, aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Es ist ein schonungsloser, ehrlicher, gnadenloser, aber eben auch von tiefer Empathie geprägter Blick auf ein nach wie vor gern verdrängtes Kapitel der amerikanischen Wirklichkeit.

Auch der Einwand, hier etwas plakativ das bewährte Avengers-Duo Renner und Olson auf Rachefeldzug zu schicken um so für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen, tut sowohl dem Regisseur wie auch seinen Darstellern massiv Unrecht. Hawkeye und Lambert mögen beide begnadete Jäger und Rächer sein, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Lambert ist die geschundene Seele des Films und Renner meistert diese Herausforderung famos. In seiner Mimik spiegeln sich Schmerz, Trauer, Wut, Entschlossneheit, aber auch Liebe und Hoffnung. Nichts davon wirkt gekünstelt und für nichts davon braucht er viele Worte. Es ist eine Schande, dass er bei den diesjährigen Nomierungen für den Oscar übergangen wurde. Dasselbe gilt für Autor und Regisseur Sheridan, Score, Kamera und den Film als Ganzes. Die Harvey Weinstein Company zeichnete für den Vertrieb verantwortlich und sollte hier wohl für den Skandal um seinen Gründer abgestraft werden. Eine überaus kleingeistige und sehr unfaire Praktik, ein unschönes Beispiel für die Politisierung von Kunst. Einen besseren Film gibt es jedenfalls unter den diesjährigen Nominierten nicht, dafür einige schlechtere. Das Filmjahr 2018 indes ist noch jung, aber Taylor Sheridans Frontier-Abschluss wird nur schwer zu toppen sein, denn er ist gnadenlos. Gnadenlos gut.

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Das Kino ist längst nicht mehr der einzige Ort um neue Filme zu genießen, aber immer noch der beste. Unmittelbarer, intensiver und exklusiver ist nach wie vor kein Filmerlebniss. Fundierte und hoffentlich dennoch unterhaltsame Reviews zu aktuellen Kinofilmen abseits der Legionen schnell reingetippter Eindrücke sind das Ziel. Und wenn es nur für die Motivation reicht mal wieder die Couch gegen den Kinosessel einzutauschen, dann hat es sich schon gelohnt. Bei Lust und Laune, oder auch besonderen Anlässen, wird auch mal der ein oder andere Klassiker auseinander genommen, das ein oder andere popkulturelle Phänomen seziert sowie sich den neuesten Entwicklungen in Tinseltown und Konsorten gewidmet.

von marcus Lachmund
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