Dienstag, 17. Oktober 2017

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Andreas Schwarz


leidenschaftlicher Journalist

Der Tag der Deutschen Vielheit

Es ist wieder soweit. Der Tag der Deutschen Einheit wurde am 03. Oktober wie gewohnt feierlich begangen. Und dies durchaus mit Recht. Letztendlich kann selbst ich mich noch an die Menschenmassen erinnern, die mit Tränen in den Augen die Berliner Mauer stürmten und den Beweis antraten, dass die Freiheit des Menschen am Ende doch für jeden Einzelnen das wichtigste Hab und Gut ist.

„Zusammen sind wir Deutschland“ lautete das Motto der Stunde im Jahre 1989 – und der Name der Single des Liedermachers und Kabarettisten Andy Ost, der unsere derzeitigen Feierlichkeiten auch musikalisch ganz sinnlich untermalt. Schön.

Nichtsdestotrotz kann ich mich der Frage, wie einig Deutschland derzeit tatsächlich ist, kaum erwehren. Denn, so viel dürfte klar sein, die grad vorbeigegangene Bundestagswahl zeigte doch eines ganz deutlich: Deutschland weiß derzeit nicht, wo es hinmöchte. Aber auf jeden Fall möchte es weg, in die linke oder rechte Richtung, aber nicht in der Mitte stehenbleiben.

Zwar verstehe ich mich nicht zwingend als politischen Mahner, auch nehme ich meine persönliche Meinung gewiss nicht so wichtig, trotzdem erachte ich es als meine demokratische Pflicht, mir Gedanken über die jetzige politische Situation in Deutschland zu machen. Wo steuern wir hin? Oder besser gefragt: Wo steuerten wir hin?

Da kommt mir doch irgendwie der 14. September 1930 in Erinnerung. Die „alten“ Parteien, falls davon die Rede sein kann, ahnten nichts, doch plötzlich standen 18,3 Prozent als unumstößliche Zahl fest. Die bereits als „erledigt“ geglaubte Partei mit dem Namen NSDAP war auf einmal eine feste Größe in der deutschen Parteienlandschaft. Durch das deutsche Volk ging ein gewaltiger Ruck nach rechts.

Und wie sieht es aktuell aus? Zwar blieb der Erdrutschsieg aus, doch die „Alternative für Deutschland“, die neue rechte Kraft der BRD, konnte ihr Bundestagswahlergebnis gegenüber 2013 immerhin verdreifachen und ist nunmehr drittstärkte Kraft in Deutschland. Aber ist ein Vergleich der Nazi-Partei von damals mit der AfD überhaupt gerechtfertigt? Oder hinkt der Vergleich?

Ganz vorsichtig möchte ich behaupten, dass sich einige Parallelen tatsächlich auftun. Antisemitismus und Islamhass sind zwei verschiedene Seiten derselben Medaille und die Abneigung der NSDAP gegen die „Systemparteien“ lässt sich durchaus mit der „alternativen“ Polemik gegen die „Altparteien“ aus dem Jetzt vergleichen. Doch genügt dies schon, um die AfD tatsächlich in die äußerste politische Rechte abzuschieben und ihren politischen Würdenträgern denselben Extremismus zuzuschreiben, der die NSDAP damals für den Holocaust motivierte?

Meiner Meinung nach: Nein, hier muss man vorsichtig sein. Denn wer ganz sachlich auf die AfD schaut, sollte sich auch der Unterschiede bewusstwerden.

Ganz offensichtlich ist hier als erstes der nationalsozialistische Führerkult zu nennen, der in der AfD wahrlich nicht gegeben ist. Mit Alexander Gauland und Alice Weidel stehen zwei Personen an der AfD-Front, von denen insbesondere die letztere für ein Lebensmodell steht, das dem Verständnis von „Deutschtum“ und „deutscher Kultur“ der NSDAP so gänzlich widerspricht, auch wenn es statistisch natürlich sehr unwahrscheinlich ist, dass nicht auch die NSDAP homosexuelle Parteimitglieder vorzuweisen hatte. Bestes Beispiel dafür ist gewiss SA-Chef Ernst Röhm, der homosexuelle Führer einer eindeutig homophoben Bewegung. Und trotzdem: Der charismatische „Führer“ ist der AfD nicht gegeben.

Und auch bei den AfD-Wählern selbst zeigt sich ein etwas anderes Bild als vor fast 90 Jahren. Kein anderes Ereignis hat den Nationalsozialisten so viele Wählerbestimmen beschert wie die große Finanzkrise und der Zusammenbruch des Geld- und Bankensystems Ende der zwanziger Jahre. Die Menschen verloren das Vertrauen in „das System“. Die NSDAP lieferte daraufhin scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Und heute? Noch niemals gab es so wenige Arbeitslose in Deutschland wie dieser Tage. Deutschland geht es gut, noch niemals wurde so viel konsumiert wie heutzutage. Und verglichen mit der Situation der Arbeitslosen damals führen Nicht-Beschäftigte heute zumindest vergleichsweise ein deutlich besseres Leben. Und Wahlanalysen belegen: Es haben viele Menschen die AfD gewählt, die im Kern gar keine AfD-Sympathisanten sind, der blauen Partei aber ihre Stimme gaben, weil sie von der übrigen Parteienlandschaft enttäuscht waren. Der politische Einheitsbreit, der Kuschelkurs der Großen Koalition war vielen am Ende doch zu viel deutsche Einheit.

Um es also deutlich zu sagen: Nein, die AfD darf keinesfalls in die Nähe der NSDAP gerückt werden – meiner Meinung nach zumindest. Dieses würde die Schrecken der deutschen Geschichte verharmlosen und solch eine Behauptung wird unserer jetzigen politischen Realität nicht gerecht. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass Deutschland einheitlich zu seiner Vielheit steht. Und da zählt die demokratisch gewählte AfD nun auch dazu.

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