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"Die schwarze Spinne" des Jeremias Gotthelf - bis heute ein Teil der Weltliteratur

Die meist dünnen Reclam-Hefte finden sich seit Jahrzehnten in jeder Schülerbank. Klein und kompakt ist die schier unendliche Reihe dieser Ausgabe. Und dennoch voll von dem, was Schüler – und auch Erwachsene – über ein Werk wissen müssen. Nicht anders verhält es sich da mit der „Schwarzen Spinne“, Jeremias Gotthelfs biedermeierlichem Meisterwerk von 1842.

In diesem Text geht es um die großen Menschheitsthemen: Um die Frage nach Recht und Unrecht; die Ausgrenzung des Einzelnen durch eine Gruppe; das Opfern des Diesseits für ein besseres Jenseits. Eine teuflische Spinne treibt in einem Ort ihr Unwesen. Ihr Wüten ist das Ergebnis eines gottlosen Pakts, den die Dörfler mit Satan geschlossen haben, um die Befehle ihres unmässigen Grundherrn ausführen zu können.

Gerade die Frage nach der Schuld wird von Jeremias Gotthelf in den Mittelpunkt gestellt und für den Leser völlig unerwartet beantwortet. Bei ihm ist eben nicht der Lehnsherr der alleinige Böse, sondern die Bauern selbst machen sich durch ihr selbstsüchtiges Verhalten schuldig. Bis heute stockt dem Leser der Atem, wenn der Grüne, also der Teufel, mit der unerschrockenen Christine flirtet, die meint, den Bösen selbst in die Schranken weisen zu können. Wie die Neuauflage von Reclam wieder einmal vor Augen führt, hat dieses faszinierende Werk nichts von der Eindringlichkeit verloren, mit der es der Pfarrer aus dem schweizerischen Emmental vor über 150 Jahren ausgestattet hat.

Ein echtes Stück Weltliteratur, das sich hinter den anderen Werken dieser Größenordnung wirklich nicht zu verstecken braucht. An manchen Punkten wirkt der Inhalt des schmalen Bands geradezu revolutionär. In der Tat muten viele Stellen aus der „Schwarzen Spinne“ wie eine Vorwegnahme des Expressionismus in der deutschsprachigen Literatur an. Etwa, wenn der Teufel den Vertrag mit der ahnungslosen Hebamme schließt:

„Jetzt schauderte es Christine doch an Leib und Seele, jetzt, meinte sie, komme der schreckliche Augenblick, wo sie mit Blut von ihrem Blute dem Grünen den Akkord unterschreiben müsse. Aber der Grüne machte es viel leichtlicher und sagte: von hübschen Weibern begehre er nie eine Unterschrift, mit einem Kuss sei er zufrieden. Somit spitzte er seinen Mund gegen Christines Gesicht, und Christine konnte nicht fliehen, war wiederum wie gebannt, steif und starr.

Da berührte der spitzige Mund Christines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre.“

Das neue Format Reclam XL ermöglicht es den Schülern, eigene Anmerkungen am Rand unterzubringen. Komplizierte Wörter werden am Seitenende erläutert, ausführliche Informationen finden sich hinten im Heft. Außerdem wird ausführlich auf die Quellen des Autors eingegangen, auf die Zeitgeschichte sowie auf die Biographie von Albert Bitzius, der sich als Schriftsteller später Jeremias Gotthelf nannte.

„Die schwarze Spinne“ gibt es bei Reclam außerdem als Ebook, aber auch in einer schlichteren Version mit etwas weniger Erläuterungen. Wer tiefer in die Materie eindringen möchte, kann sich zudem ein Heftchen von Walburga Freund-Spork mit dem Lektüreschlüssel zu Gotthelfs Jahrhundert-Erzählung besorgen. Dieser ist – wie die „Erläuterungen und Dokumente“ von Wolfgang Mieder – zudem ebenfalls als Ebook erhältlich.

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