Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Aus dem Leben eines Alltags-Radfahrers

Beiträge jenseits des Radfahrermainstreams

Radweg-Placebos, koste es was es wolle!

Warum ich den Radweg in der Grottenau als sehr teures Placebo sehe

Als ich diesen Beitrag das erste mal gelesen habe, dachte ich mir nur "Mist, sie haben sich tatsächlich breit schlagen lassen!". Die Überschrift des Artikels sagt es schon: "Bahn frei für den Grottenau-Radweg". Es geht mal wieder um einen neuen Sonderweg für Radfahrer, in diesem Fall auf der Grottenau, als sogenannte Verbindung der Ost-West-Achse. Im Artikel steht unter anderem

Die Grottenau gilt seit Jahren bei Fahrradfahrern als Gefahrenschwerpunkt.

Deshalb soll jetzt ein Radfahrstreifen angelegt werden. Hier beginnt bereits mein erstes Problem: "gilt [...] bei Radfahrern". Aha. Soll heißen, einige haben aus irgend welchen Gründen Probleme dort zu fahren. Das Interessante daran ist aber: Die Straße gilt keineswegs als unfall- oder konfliktträchtig. Kein Wunder, geht es doch über die Grottenau via Leonhardsberg runter bis zur Lechhauser Straße eigentlich größtenteils geradeaus. Die Sichtbeziehungen sind hervorragend, übersehen werden ist hier kaum möglich. Es gibt kaum Parkstände, sodass Dooring-Unfälle auch kein Problem sind, wenn man an diesen Abschnitten einfach weit genug links fährt. Es gibt also schon mal eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was einige Radfahrer subjektiv wahrzunehmen glauben und dem was die Polizei festgestellt hat.

Man ists halt so gewöhnt

Wie kann das sein? Die Antwort ist genauso banal wie schwerwiegend: Die wenigsten Radfahrer fahren gern abseits von Radwegen, bzw. anders formuliert, der Durchschnittsradfahrer treibt sich am liebsten auf solchen Sonderwegen rum. Und genau das ist auch der Haken: Diese angewöhnte Verkehrsführung auf Sonderwegen ist einigen Radfahrer inzwischen so extrem in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie die Eindrücke im radweglosen Straßenverkehr als bedrohlich und gefährlich empfinden. Daraus ergibt sich dann auch dass "die Grottenau seit Jahren bei Radfahrern als Gefahrenpunkt gilt", einfach weil es sich von deren Bauchgefühl her so anfühlt, als wenn es dort gefährlich wäre. Dabei ist ein Radweg keineswegs der Normalfall. Radwege sind in der Tat straßenverkehrsrechtlich sogenannte Sonderwege. Der Standardfall wird in §2 (1) StVO definiert:

Fahrzeuge müssen die Fahrbahn benutzen, von zwei Fahrbahnen die rechte.

Fahrräder sind Fahrzeuge, nichts anderes. Und wenn man sich so im Stadtgebiet umkuckt, ist der Anteil der Straßen mit Radwegen in der Tat verschwindend gering. An den vielen Seitenstraßen, Parallelstraßen zu den großen Verkehrsachsen, die keine Radwege haben, sieht man wie der Normalfall aussieht. Eigentlich sollte es also gar kein Problem sein, ohne Radweg Rad zu fahren, weils meistens eh keinen gibt. So sah an der Grottenau bisher die Verkehrsführung ebenfalls aus und offenkundig hat das bisher eigentlich ganz gut funktioniert, auch wenn das Gefühl bei vielen ein anderes sein mag. Die Frage steht jetzt natürlich im Raum, ob das generell so ist, oder ob die Grottenau eben einfach zufällig bisher recht unfallarm ist.

Das wahre Problem ist eigentlich bekannt...

Und hier gibt es diverse Beispiele im In- und Ausland, die zeigen, dass das durchaus nicht zufällig so ist. Im Gegenteil: Radwege machen die Verkehrsführung weniger einfach, teils richtiggehend unübersichtlich und gefährlich. Schon 1985 hat die Berliner Polizei festgestellt, dass Radwege tendenziell eher zu mehr Unfällen führen, als zu weniger. In England hat man in den frühen 90ern ebenfalls die negativen Auswirkungen von Radwegen festgestellt. Selbst in Radverkehrs-Vorzeigestädten wie Copenhagen oder Münster sind die Probleme durch Unfallstatistiken belegt. Doch auch hochoffzielle innerdeutsche Forschungsergebnisse, wie sie z. B. von der Bundesanstalt für Straßenwesen veröffentlich wurden, finden praktisch keine Beachtung, bzw. werden nur extrem zögerlich umgesetzt.

...aber es wird aus diversen Gründen ignoriert

Warum ist dies so? Zum einen ist es eine politische Frage: Wer jahrelang Radwege gefordert hat, kann nicht auf ein mal einfach so mirnichtsdirnichts das Gegenteil fordern. Schon alleine weil man damit die Leute 40 Jahre lang immer wieder "geimpft" hat. Man müsste ja zugeben, dass man sich geirrt hat, bzw. dass das was man jahrelang verzapft und gebaut hat, eigentlich Mist ist. Zum anderen ist es natürlich immer eine schöne Gelegenheit sich zu profilieren, weil man ja "was für die Radfahrer tut", weil "Radfahrer sind auch Wähler". Da passt es wirklich nicht ins Konzept, sich diese Möglichkeiten zu verbauen. Außerdem ist eine durchaus nicht nur als Nebeneffekt in Kauf genommene Wirkung von Radwegen ja auch, dass "die Straße frei ist". Freut natürlich auch die Autofahrer. Freie fahrt für freie Bürger. Schade dass Radfahrer nach diesem Muster offenbar keine freien Bürger sind...

Die Probleme zeigen sich im Alltag aber doch schnell

Dabei erweist sich das alles als ein riesiger Bärendienst, für alle: Der Radfahrer fühlt sich sicher, ist es aber nicht. Fußgänger werden gerne mit VZ 240 (=Verkehrszeichen "Gemeinsamer Geh- und Radweg") "beglückt", denn plötzlich ist Radfahren auf dem Gehweg sogar vorgeschrieben ( 32% fühlen sich z. B. in Berlin dadurch bedroht), weil Radfahrer im Allgemeinen eben wenig Lust haben, mit Schrittgeschwindigkeit Fußgängern hinterher zu dackeln. Der Autofahrer meint, er hat freie Bahn, muss aber bei jedem Abbiegevorgang nach rechts wesentlich wachsamer sein, weil jedes mal ein Radfahrer von hinten rechts flott daher geschossen kommen kann. Da reicht es nicht, direkt vor dem Abbiegen einfach beiläufig nach rechts zu kucken und dann rein zu ziehen, wie das bei Fußgängern noch vertretbar ist (die sind langsamer und können noch stoppen). Und so geschehen dann tödliche Unfälle wie der auf der Friedberger, Ende 2012. Gerade LKW-Fahrer haben hier so richtig ein Problem, da sie tatsächlich oftmals gar keine Möglichkeit haben, ohne extra Einrichtungen zu sehen, ob da inzwischen ein Radfahrer steht/fährt, oder nicht. Der wirklich leidtragende ist aber vor allem der Radfahrer, der, wie das Beispiel zeigt, teils tatsächlich in Lebensgefahr gebracht wird.

Dabei sind das sozusagen die harten Probleme. Die weniger schlimmen aber ausreichend nervigen Schwierigkeiten sind praktischer und sozialer Natur. Auf Höhe der Pilgerhausstraße ist bereits so ein Radfahrstreifen bzw. Hochboard-Radweg angelegt. Mit durchschlagendem Erfolg: Fährt ein Radfahrer dort auf der Fahrbahn, gibts einen mit der Hupe und man wird teils sogar geschnitten oder darf sich von erregten Autofahrern anschreien und beschimpfen lassen, dass da ja ein Radweg ist (und man sich gefällist dort hin zu verpissen hätte) - und das obwohl das vor dem Anlegen des Radwegs jahrelang kein Problem war. Wunderbares Revierverteidigungsverhalten, obwohl Radfahrer auf der Fahrbahn der gesetzliche Normalfall sind. Toll gemacht! So schafft man natürlich ein super Verkehrsklima, was ja angeblich auch immer schlimmer wird. Wer sich da noch wundert...

Wie schon angesprochen sind auch die damit geschaffenen Rechtsabbieger-Konflikte ein Problem. Sie zwingen entweder den Radfahrer dazu, ständig seinen ihm rechtmäßig zustehenden Vorrang aufzugeben, oder aber bringen Autofahrer in die Situation, dass sie jedes mal noch mehr aufpassen müssen, als es ohnehin schon der Fall ist. Es macht das Fahren also selbst ohne Unfälle problematischer als es auf der Fahrbahn wäre.

Nicht nur Radfahrer bekommen damit zusätzliche Probleme

Aber nicht nur für Auto- und Radfahrer ist das ganze u. U. sehr ärgerlich bzw. gefährlich: Fußgänger fühlen sich regelmäßig von Radfahrern bedrängt, die dort (vor allem bergab) recht flott dabei sind. Das sorgt für gehörigen Unmut bei der Fußgängerschaft – und das zu recht. Es hat schon einen Grund, warum Fahrräder im verkehrsrechtlichen Sinne Fahrzeuge sind. Fahrzeuge sind nun ein mal für Fußgänger vergleichsweise gefährlich, weil sie deutlich schneller sind. Selbst ein Radfahrer kann einen Fußgänger schon schwer verletzen, wenn er nur 20 km/h fährt. Deswegen haben Fahrräder nichts auf Gehwegen verloren. Alles das sind eigentlich schon genug Gründe, den Radweg zu meiden.

Aber es lässt einem auch keiner eine Wahl

Radfahrer müssen sich allerdings unsinnigerweise trotzdem in diese Konfliktzone begeben, da der Radweg allein ja nicht gereicht hat. Es muss ja auch eine Benutzungspflicht her. Diese ist eigentlich an gesetzliche Vorgaben gebunden. §45 (9) StVO enthält dazu die Maßgabe:

Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen sind nur dort anzuordnen, wo dies aufgrund der besonderen Umstände zwingend geboten ist. [...] [Es] dürfen insbesondere Beschränkungen und Verbote des fließenden Verkehrs nur angeordnet werden, wenn auf Grund der besonderen örtlichen Verhältnisse eine Gefahrenlage besteht, die das allgemeine Risiko einer Beeinträchtigung der in den vorstehenden Absätzen genannten Rechtsgüter erheblich übersteigt.

Heißt mit anderen Worten, da muss es schon eine real festgestellte Gefährdung geben. Dass dies nicht der Fall ist, habe ich weiter oben ja schon festgestellt. Aber wie geht das dann trotzdem? Die Antwort ist auch wieder banal: Gar nicht. Zumindest nicht auf legalem Wege. Aber solange nicht jemand dagegen klagt, wird das Schild da nicht weg kommen. Interessanterweise hat sich der ADFC durchaus gegen das dort aufgestellte Blauschild ausgesprochen. Aber das interessierte leider nicht. Die Straßenverkehrsbehörde drückte das trotzdem durch, wider dem Gesetz, wider dem ADFC, wider der Vernunft.

Hier kommt dann eine gewisse Amts-Unlogik zum Tragen: Wenn die Radfahrer ihren Radweg nicht benutzen wollen, gibts eben keinen. Das kostet ja schließlich Geld! Was im Umkehrschluss aber eben bedeutet, Radweg zieht automatisch eine Benutzungspflicht nach sich. Diese Vorgehensweise ist zwar in den meisten Fällen schlicht illegal, aber wo kein Kläger, da kein Richter. Ganz toll ist dann auch immer wieder der Hinweis "Wenn was passiert, sind wir verantwortlich." Dieses Argument scheint aber null und nichtig, wenn gerade wegen dem Radweg erst etwas passiert (siehe Friedberger Straße). Offenbar fühlt man sich dann auf ein mal so gar nicht mehr dafür verantwortlich, was man mit angezettelt hat.

Benutzungspflichten haben ohnehin kaum eine Auswirkung

Dabei ist auch das wieder eine Vorgehensweise die von großer Unkenntnis zeugt. Ebenfalls von der BASt  festgestellt wurde, dass 96% der Radfahrer auch dann noch auf Radwegen fahren, wenn diese gar nicht Benutzungspflichtig sind. 2% fahren nur dann drauf, wenn das Schild da steht und weitere 2% lässt das Blauschild so und so kalt, die fahren trotzdem weiterhin auf der Fahrbahn. Mit anderen Worten, man braucht das Schild eigentlich kaum, um das zu erreichen, was man damit zu erreichen versucht, da es nur bei 2% der Radfahrerschaft etwas ändert. (Das unterstreicht auch nochmal, was ich weiter oben geschrieben habe, dass die meisten Radfahrer ihren Sonderweg ganz besonders toll finden, auch wenn das eigentlich das Schlechteste ist, was sie machen können.)

Und der ADFC findet das auch noch gut! - Weils mehr Radfahrer geben soll deswegen...

Derartige künstliche Todesfallen sollen also nun auch wieder auf der Grottenau geschaffen werden, aus dem Bauchgefühl von einigen Radfahrern heraus. Nur wegen der Radfahrer? Naja, nicht ganz. Wenn das nur die Meinung der Radfahrer gewesen wären, hätte sich im Tiefbauamt sicher nichts bewegt. Der ADFC trägt hieran einen ganz deutlichen Anteil. Man hat ja auch seit Jahren dafür "gekämpft".

Aber gerade an dieser Stelle muss ich mich natürlich fragen: Warum? Warum genau versucht ausgerechnet die Radfahrerlobby Wege bauen zu lassen, die dafür bekannt sind, dass sie gefährlicher sind, als Mischverkehr? Warum schickt man Leute wider besseren Wissens in diese Fallen, insbesondere mit der Erkenntnis, dass dann ziemlich sicher auch die, die es selbst besser wissen, dort hin zwangsverbannt werden? Wie so häufig ist das ein Fall von "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht". Der ADFC steht auf dem Standpunkt, der Radverkehr muss mehr werden. So weit so gut, auch ich bin der Meinung, dass der Lebensraum Innenstadt viel zu sehr durch lärmende, stinkende und nicht zu letzt auch gefährliche Gefährte über Gebühr in Anspruch genommen wird. Das Argument ist nun folgendes: vielen Radfahrern ist das Fahren auf der Fahrbahn zu gefährlich, bzw. viele Leute wollen ohne Radweg gar nicht radfahren. Für die ist der Radweg dann da!

Ich denke mir nur an dieser Stelle: So what? Warum soll ich jemandem vorgaukeln, wie toll das Radfahren auf Radwegen doch ist, wenn es in der Tat gefährlicher ist, als auf der Fahrbahn? Jeder der schon ein mal fast oder tatsächlich von einem Rechtsabbieger vom Rad geschossen wurde, wird mir zustimmen, dass man darauf gut und gerne verzichten kann. Aber lieber 100 neue Radfahrer und davon 10 verletzte und 20 weitere die bessere Radwege fordern, als keine neuen Radfahrer, das ist hier der Gedanke. Auch wenn ihn keiner explizit so formulieren würde (bzw. sich garantiert jeder dagegen wehren würde, weil man das ja gerade nicht will). Sieht man sich aber das Gesamtbild an, ist es nichts anderes als das. Auf Biegen und Brechen (im Wortsinne) Leute aufs Rad locken, alles andere ist egal. Aber was sollte der ADFC auch machen? Zugeben, dass man sich da von einer Radfahrerschaft aus Angsthasen antreiben lässt und eigentlich nur das macht, was Unwissende fordern? Kann man nicht bringen, das wäre lobbytechnischer Selbstmord. Und alternative Tricks die Leute zum Radfahren zu bewegen, würden zwangsläufig in die Richtung MIV (Motorisierter Individualverkehr) benachteiligen laufen, und das findet widerum keine politischen Unterstützer. Blöd gelaufen, dass man in Augsburg nicht dieselben natürlichen Schwierigkeiten für den KFZ-Verkehr hat, wie im engen Münster...

Was mir an diesem Plan im Speziellen stinkt

Der Teil mit einem neuen Wegelchen wäre mir ja auch noch ziemlich egal, ich muss den nur wegen seiner Anwesenheit ja nicht benutzen. Aber gerade diese wunderbaren Radfahrstreifen, wie sie da angelegt werden sollen, bieten leider den unschönen Effekt, dass sie garantiert einmal mehr ihre Blauschilder kriegen werden, sodass ein Radfahrer der den ganzen Bockmist gar nicht haben/benutzen will, trotzdem dort fahren muss (oder eben Klagen, was aber Geld, Zeit und Nerven kostet). Zum anderen kann man sie auch kaum meiden. Einen baulich angelegten Radweg (oder besser, den mit Streifen oder Schild versehenen Gehweg, mehr ist das meistens nicht) könnte man einfach rechts liegen lassen und trotzdem da fahren, wo man gesehen und wahrgenommen wird. Das geht beim Radfahrstreifen nicht so wirklich, weil er zufällig genau da liegt, wo man sich als Radfahrer im Normalfall eh schon bewegt. Das klingt jetzt natürlich erst mal so, als wenn dann ja alles in Ordnung wäre.

Oftmals wird man von Autofahrern dann einfach nicht "rein gelassen" um sich zum Linksabbiegen einzuordnen, weil die gar nicht mehr damit rechnen, dass jemand vom Radweg runter fahren würde (was durchaus vollkommen legal und so vorgesehen ist), zumal in diesen Fällen meistens extra Linksabbieger-Abschnitte eingerichtet werden (mit denen das dann wieder nicht mehr legal ist). Ein Beispiel wie sowas aussieht, kann man auf der West-Seite des Königsplatz Richtung Theodor-Heuss-Platz sehen. Statt einfach nur nach links abzubiegen, wie alle anderen, muss man über zwei Ampelphasen, also garantiert immer mit Zwischenhalt "über Eck" abbiegen.

Es wird einem Radfahrer also nicht erlaubt, ohne Umwege, ohne Zwischenstopps und anderen Unsinn nach links abzubiegen. Stattdessen soll er, wenn er in der Herman-Straße angekommen ist, schnell das Hinterrad nach rechts schwingen und auf die nächste Ampel warten. Super Idee. Man kann die Dinge auch künstlich kompliziert machen. Derartiges ist auch am Leonhardsberg geplant. Vielen Dank dafür!

Die Gefahren die ich auf der neu gestalteten Grottenau sehe

Ein weiterer Effekt ist nicht so offensichtlich zu erkennen: An Parkständen hat man als Radfahrer nach gängigen Gerichtsurteilen die Pflicht, wenigstens einen Meter Sicherheitsabstand zu parkenden Autos zu halten, wegen Dooring-Gefahr. Die Radfahrstreifen sind angedacht, 2 m breit zu sein (immerhin, man hat dazu gelernt und hat nicht wieder Mindestmaß gewählt). Wenn man sich das jetzt mal ausrechnet, 1 m Sicherheitsabstand + ca. 70 cm Radfahrerbreite, hat man also noch einen Spielraum von ca. 30 cm in diesem Bereich, wohlgemerkt inkl. weißem Streifen! Der wird mit zur "lichten Breite" gezählt. Blöderweise kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Autofahrerschaft (schon alleine wegen des mangelnden Platzes) nicht viel Abstand zum Radfahrstreifen halten wird. Normalerweise sind zwar 1,50 m Überholabstand vorgeschrieben (ebenfalls via Gerichtsurteil, das steht so nirgendwo in StVO & Co.), aber die kann man da dann vergessen. Früher hatte man eben die Möglichkeit einfach weit genug links zu fahren, ohne dass einer meinte, kraft eines "Leitstrichs" sich einfach hart rechts an einem vorbei drücken zu dürfen. Es heißt ja "mindestens einen Meter". Einfach weiter links fahren, dass sich der nachfolgende Verkehr nicht in gefährlicher Enge an einem vorbeidrücken kann, das geht jetzt nicht mehr. Also ist man in der Bredouille, dass man auf seinem Mini-Schwänkbereich von 30 cm mit Nahüberholer direkt nebenan festgenagelt ist. Daran ist genau nichts sicherer als vorher. Wie genau das dann Leute dazu überreden soll, dort mehr Rad zu fahren, sehe ich nicht.

Dooring kann man auch provozieren

Unterm Stich fährt man dort also genauso, wie ohne Radfahrstreifen, nur dass man jetzt schlechter nach links abbiegen kann und zusätzlich auch noch die angelockt werden (sollen), die (pardon) keine Ahnung vom Radfahren haben. Die Reaktionen kann man sich ausmalen: Dann wird trotzdem hart rechts gefahren und damit bin ich dann schon gespannt, wann der erste Autofahrer beim Tür öffnen einen Radfahrer erlegt (sic!). Man muss sich das nur mal näher vorstellen, was das bedeutet, bzw. wie das abläuft. Den Teil bis zum Aufschlagen auf der Autotür, den können sich die meisten noch gut vorstellen. Das alleine reicht, gerade wenn man bergab etwas flotter war, um einen ins Krankenhaus zu befördern. Nur ist die Sache dann noch nicht vorbei: Man stoppt dann nicht einfach abrupt, wie wenn man gegen eine Mauer fährt. Man fliegt weiter. Aber natürlich nicht durch die Autotür, sondern nach links weg. Und wer jetzt weiter denkt, versteht, warum einem in dem Fall höchstwahrscheinlich auch kein Sanitäter mehr helfen können wird. Sicherheit ist wirklich etwas anderes, gerade für Leute die wenig Rad fahren. Aber schön wenn man die Leute so in die Falle lockt.

Fazit

Wenn ich das jetzt also mal alles zusammenfasse:

  • auf der Grottenau ist Radfahren bisher, von den Unfallstatistiken ausgehend, nicht problematisch oder gar gefährlich - es ist sicher!
  • man will trotzdem Sonderwege für Radfahrer einrichten
  • es sollen damit mehr Radfahrer angelockt werden (man darf gespannt sein)
  • das setzt ein mal mehr das Zeichen, dass Radfahrer Radwege bräuchten, dabei ist dies ein rein subjektiver Trugschluss, objektiv ist das genaue Gegenteil der Fall
  • das Verkehrsklima zwischen Radfahrern und Autofahrern wird tendenziell nur noch schlechter werden, weil Revierverteidigungsverhalten damit erzeugt wird
  • Fußgänger haben auf Höhe der Pilgerhausstraße wenig Spaß, weil ihnen Radfahrer zu nahe kommen, bzw. sie gefährden, was das Verkehrsklima weiter vergiftet
  • die Verkehrsführung wird für die erfahrenen Radfahrer schlechter, weil man beim Linksabbiegen Schwierigkeiten bekommt und Sicherheitsabstände zu parkenden Autos "gerade so" eingehalten werden können und jetzt erst recht eng überholt werden wird
  • vor allem die weniger erfahrenen Radfahrer werden durch die geplante Verkehrsführung geradezu in gefährliche Situationen getrieben, wie Dooring-trächtige Abschnitte und die Rechtsabbieger-Falle
  • das ganze passiert mehr aus ideologischen Gründen, als aus reiner Vernunft, denn Sicherheit wird damit nicht geschaffen, es wird viel mehr Prinzip-Politik betrieben
  • die StVB wird es sich ziemlich sicher wieder nicht nehmen lassen, illegale Fahrbahnverbote anzuordnen, zum Teil bestehen sie ja jetzt schon
  • das sorgt dafür, dass man diesen Irrsinn rein rechtlich auch noch mit machen muss, oder dagegen klagen
  • serviert wird das ganze als "für die Radfahrer", obwohl gerade diese damit viel mehr Scherereien haben werden, als vorher
  • aber auch der Rest der Verkehrsteilnehmer wird so seine Probleme damit kriegen
  • und das ausgerechnet auf Betreiben der Radfahrerlobby ADFC, die all diese Punkte billigend in Kauf nimmt, weil sie mehr Radverkehrsanteil erreichen will.

Und das aller beste daran:

Bei den Haushaltsberatungen wurden jetzt 200000 Euro für 2013 eingeplant, für das kommende Jahr sind weitere 400000 Euro vorgesehen.

Der Steuerzahler darf den ganzen Kindergarten natürlich bezahlen.

Für mich klingt das alles nach "Radweg, koste es was es wolle!". Ob Verkehrssicherheit, Rechtmäßigkeit, Gesundheit, oder gar Leben, Hauptsache man schafft ein schönes Placebo mit dem man Leute aufs Rad bringen will. Wollen wir mal hoffen, dass die nicht all zu leicht wieder von dort runter geholt werden...

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