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Im September 2010 waren wir wieder in unserer Heimatstadt Zülz. In unserer Begleitung zwei Jüngere, Sohn u. Neffe, aus unserer Familie. Ihnen wollten wir unsere schöne Heimat zeigen, um vorhandene Vorbehalte, die sich aus Schwärmereien beim Erzählen innerhalb des Familienkreises aufgebaut hatten, auszuräumen. Gleich nach unserer Ankunft machen wir einen kleinen Spaziergang auf den Zülzer Ring, um den jungen Leuten einen ersten Eindruck von der Stadt zu vermitteln. Die erste Beurteilung war positiv. Die Stadt präsentierte sich nach weiteren Renovierungsarbeiten der Häuserfassaden in einem guten Zustand. Einen längeren Spaziergang machen wir über Altstadt. Wir besichtigen die Kirche und den Friedhof. Vorbei am Bahnhof, der nach der Einstellung des Zugverkehrs zwischen Neustadt und Gogolin, mit der Zeit eine historische Ruine wird. An der Einmündung zur Schönowitzer Straße, steht noch die alte Schule. Auf dem Dach der Hinweis auf das Jahr 1896. Links und rechts der Straße Bauernhöfe, die rund um Zülz alle noch von deutschstämmigen Familien bewirtschaftet werden, die 1945 nach kurzer Flucht vor der russischen Front, auf ihre Höfe zurück kehrten und später von den Polen nicht vertrieben wurden. In diesen Familien wird wie vor 1945 deutsch gesprochen. So hat sich die Deutsche Sprache bis zur jetzigen Generation, der Enkel und Urenkel erhalten. Die Höfe sind alle in einem sehr guten Zustand, der sich durch Sauberkeit auszeichnet. Der moderne Maschinenpark entspricht dem deutschen Standart. Die deutschstämmigen Bauern fühlen sich nach dem Beitritt in die Euro Zone in allen Belangen konkurrenzfähig. Die Gegend um Zülz hat sehr fruchtbaren Boden, der hochwertige Ernte garantiert. Bleibt zu hoffen, dass bei Einführung des Euro, die Teuerung dem eher sozial schwachen Land erspart bleibt. Die Erforschung der weiteren Umgebung und der Nachbarstädte von Zülz begannen wir mit der Bezirkshauptstadt Oppeln. Die Stadt liegt an der Oder und ist heute ein Zentrum der deutschen Minderheit, die wesentlich zur Verständigung der deutschstämmigen und polnischen Bürger beigetragen hat. Wir machen einen Rundgang um das imposante Rathaus, mit seinem im Stil des "Palazzo Vecchio" erbauten Turm, das den Mittelpunkt der Stadt prägt. Eingerahmt von Häuserreihen die 1945 fast vollständig zerstört waren und nach dem Krieg wiedererbaut wurden. Die historisch restaurierten Fassaden, im Stil der Patrizier, erinnern uns an die Maximilianstraße in Augsburg und dokumentieren den Wohlstand Oppelns, der von jeher vom regen Handel der Kaufleute und der Kalk- u. Zementindustrie geprägt war. So ganz nebenbei machten unsere Jugendlichen einen Besuch bei dem Einwohnermeldeamt der Stadt, um Ahnenforschung zu betreiben. Sie wollten in die Geburtsurkunden ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern einsehen, bzw. Kopien erwerben, da uns diese wegen der Flucht 1945, nicht vorlagen. Die Überraschung war groß, dass diese Dokumente vorhanden waren, obwohl doch der polnische Staat nach Ende des Krieges mit aller Kraft versucht hat, dass Deutschtum in Schlesien auszulöschen. Polnische Bürger schreckten nicht zurück bei den Grabsteinen die deutsche Beschriftung heraus zu meißeln. Einige Unverbesserliche beschränken sich heute darauf, bei den Ortsschildern, die seit einigen Jahren polnisch und deutsch Beschriftet werden, den deutschen Namen mit Farbe unkenntlich zumachen. Die Zeit und der Beitritt in die EU wird sicher diese unschöne Begleiterscheinung beseitigen. So schmerzlich der Verlust der Heimat war, so ist doch das respektieren von Gegebenheiten und das freundschaftliche nebeneinander zwischen Polen und Deutschen ein Ergebnis, dass gepflegt werden sollte. Um nach Oberglogau zu kommen wählen wir den Weg über Moschen. Eine Sehenswürdigkeit ist das Schloß mit seinen unendlich vielen Türmen und Türmchen. Von dem Industriellen Graf von Tiele - Winckler, einem der reichsten Männern in Schlesien, erbaut. 365 Zimmer dokumentieren die Größe des Schlosses. Eine weiträumige ca. 100 Hektar große Parkanlage mit dem Rhododendronweg, den riesige Rhododendron säumen, laden zum Spaziergang ein. Nach 1945 betrieb man eine Pferdezucht der Spitzenklasse, dem folgte ein Sanatorium, nun soll es zu einem First Class Hotel umgebaut werden. Vor dem Schloß Eingang entdecken wir eine alte Eiche, deren Stamm so gewaltig ist, dass 4 Personen gerade noch Ihren Umfang messen können. Nun sind wir in Oberglogau. Die vieltürmige Stadt liegt am rechten Ufer der Hotzenplotz. Der Name des Flusses erinnert uns an die "Augsburger Puppenkiste", die den berühmten "Räuber Hotzenplotz" viele Jahre im Spielplan hatte. Der Stadtkern öffnet sich mit dem, wie in Schlesien häufig, mittels im Ring stehenden Rathaus. Eingerahmt von vielen, aneinandergereihten Geschäftshäusern, über deren Dächern die Türme der zwei Kirchen herausragen. Das alte Piastenschloß mit dem Bergfried, wurde seit der Entstehung, mehrmals zu einem großen Schloss mit Fürstensaal und Parkanlagen umgebaut. Obwohl an einen neuen, privaten Investor verkauft, scheint daraus eine Ruine zu werden. Neustadt bietet sich des Öfteren zum Einkaufen an. Haben sich doch die Discounter Lidl u. Kaufland angesiedelt. Vorbei an der Jugendherberge und dem Niedertor kommen wir auf den Ring. Blickfang ist das Rathaus von 1782mit seinem freistehenden Turm. Adlerbrunnen, Mariensäule, Nepumuksäule und die zahlreichen Geschäftshäuser die den Ring begrenzen, runden den Eindruck einer pulsierenden Stadt ab. Ein vormittags geöffneter Gemüse- und Obstmarkt im Zentrum, mit frischen Waren aus der Umgebung, ladet zum Einkauf ein. Eine Seitenstrasse führt uns zur Pfarrkirche ST. Michael. Eine Gedenktafel erinnert daran, dass auf dem Vorplatz der Kirche, nach dem Kampf um die Stadt, viele der getöteten Neustädter Bürger in einem Massengrab beerdigt wurden. Das Innere der Kirche beeindruckt mit seiner kunstvoll gestalteten Kanzel, den Figuren der vier Kirchenfürsten um den Hauptaltar und den schönen Seitenaltäre. Weitere Stationen der Stadt sind das Kloster der Barmherzigen Brüder mit der Kirche, dem sich ein schöner Park anschließt, der mit seinen Bänken zum Ausruhen einlädt. Den wirtschaftlichen Wohlstand bis 1945 verdankt Neustadt und seine Umgebung, der Garn- und Damastwarenfabrik, die 1855 von Samuel Fränkel, einem jüdischen Unternehmer, gegründet wurde. Die Firma war für die Stadt und gesamte Region größter Arbeitgeber mit einigen tausend Arbeitnehmern. Heute sind noch ca. 400 beschäftigt und die Firma befindet sich in Konkurs. Fränkel schuf auch soziale Einrichtungen ähnlich der Fugger in Augsburg. Die schlesische Textilindustrie war bis 1945 führend in Europa. In Langenbielau in der Nähe von Glatz, im Eulengebirge, hatte die Firma Christian Dierig, als bedeutendster Hersteller von Textilien, mit ca. 4000 Beschäftigten seinen Firmensitz. Als Folge des Krieges verlegte Dierig seine Firma nach Augsburg und wurde einer der größten deutschen Textilhersteller. Die ca. 900 m hohe Bischofskoppe ist für unser Alter eine Herausforderung. Wir wählen den Aufstieg über Zugmantel auf der tschechischen Seite und fahren auf einen Parkplatz, fast auf halber Höhe des Berges. Nach nur einer halben Stunde Aufstieg erreichen wir den Gipfel, mit dem Aussichtsturm, der "Kaiser Franz Joseph Warte". Über die Wendeltreppe kommen wir auf die Plattform, die uns mit einem fantastischen Rundblick belohnt. Wir blicken nach Neustadt und erkennen gerade noch die Lindenallee, an deren Ende Zülz mit seinem Kirchturm noch schemenhaft sichtbar ist. Unser Blick schweift weiter von Neustadt in Richtung Neiße. Das von Joseph v. Eichendorff, in dem Gedicht "Abschied, beschriebene schöne Schlesiertal öffnet sich unserem Blick. Im Stillen denken wir an den Text, "O Täler weit, o Höhen, oh schöner, grüner Wald. Du meiner Lust und Wehen andecht´ger Aufenthalt. Ein bisschen Wehmut kommt in uns auf, wenn wir daran denken, dass uns der unselige 2. Weltkrieg diese Heimat genommen hat. Weiter geht der Rundblick, über die tschechische Seite des Altvatergebirges mit seinem höchsten Berg, Dem Altvater. Etwas weiter, im Vordergrund umgeben von Wald, das Wallfahrtskirchlein Maria Hilf. Nach unserem Rundblick, ist die einhellige Meinung, unsere Heimat ist ein schönes Land! Wir planen die Rückfahrt über Neiße. In Neiße angekommen, parken wir auf dem Ring, vor der Stadtkirche St. Jakobus mit dem unvollendeten Glockenturm. Der gewaltige Dachstuhl hat einen Winkel von nur 36 Grad. Er wurde 1550 von dem Baumeister Michel gebaut und ist wohl das spitzzigste Kirchendach, dass je gebaut wurde. Das schlichte Innere des Kirchenschiffes, steht im Gegensatz zu den prachtvoll bemalten großen Fenstern mit Bleiverglasung, die der Kirche ihre Pracht und Würde verleihen. Wir machen einen Rundgang um den Ring und Bewundern die bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Neben den nur zum Teil erhaltenen und renovierten, historischen Häuserfassaden, beeindrucken die Türme der Peter und Paul Kirche, der evang. Barbarakirche und der Jesuitenkirche. Das Kämmererhaus, eine vor 1945 bauliche Kostbarkeit Schlesiens, ist leider nach der Zerstörung ohne die künstlerisch verspielten Figuren, Fresken, Stuckarbeiten und Türmchen renoviert worden. Eine Sehenswürdigkeit ist der "Schöne Brunnen", eine schmiedeeiserne Meisterleistung, 1688 von Hofschlosser Helleweg, in detaillierter Kleinarbeit geschaffen. Die Spitze des Brunnens ziert der österreichische Doppeladler, der den Einfluß Österreichs in Schlesien dokumentiert. Nach einer sehr schönen Woche in unserer Heimat, freuten wir uns über die überaus positive Beurteilung unserer zwei Jugendlichen. Vorallem das herzliche Miteinander mit unseren Gastgebern und deren zum Teil gleichaltrigen Kindern, gab ihnen das Gefühl "Daheim" zu sein. Es wäre schön wenn unsere jüngere Generation den Kontakt zu unseren guten Freunden in Zülz weiter pflegen würden. Wir Brüder sind die letzten unserer Familie, die in Zülz ihre Wiege hatten.
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