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„Ich behaupte, “ sagte Carsten, mein Freund, der Psychiater, während er mit seiner Brille spielte: „ ein Mensch, der seine Arbeit liebt, könnte sogar auf Urlaub verzichten.“
„Und wie viel Zeit hätte er schon allein, wenn er weniger schlafen würde?“ sagte ich sachlich und stellte mein Glas ab. Carsten nickte, während er Rauchkringel in die Luft blies:
„Das ist eine reine Multiplikationsaufgabe. Mehr nicht. Was soll also dieses Gerede vom Workaholic?“
„Ohne diesen Workaholic würden wir noch heute auf den Bäumen sitzen,“ sagte ich nüchtern und zupfte die Fluse von meinem Jackett. „ Aber es gibt noch genug Menschen, die nicht bereit sind von ihrem Baum zu steigen.“
Carsten lachte gutmütig:
„Also ich war auch nie ein Mensch, der sich nach der Stoppuhr richtete. Aber wenn mich dann meine Frau, die sonst nichts tat und trotzdem alles erwartete, belächelte, konnte ich schon wütend werden.“
„Wenn man nichts erwartet, kann einem auch nichts misslingen,“ antwortete ich schlicht. Carsten nickte zustimmend:
„Vielleicht wollte sie auch nur, dass ich ihr jeden Tag zu einer neuen Niederlage gratulierte?!“
„Wer weiß? – Zigarette?“
Carsten lächelte und legte seine Hand auf meinen Unterarm:
„ Dabei würde ich am liebsten bei meiner Arbeit sterben - oder wenigstens doch im Schlaf.“
„Wer will das nicht?“
„Ich kann mich an meiner Arbeit geradezu berauschen,“ sagte Carsten, als müsste er sich erklären „Denn sie stellt ein Verhältnis zu meiner Umwelt her. Das hat nichts mit Erfolg zu tun. Und ich denke auch nicht den ganzen Tag ans Geld. Ich liebe einfach nur meine Arbeit an sich.“
„Im Altertum bezeichnete man nur den Mann als „Herrn“, der es nicht nötig hatte zu arbeiten.“
"Ich aber,“ lächelte Carsten, „fühle mich gerade deswegen frei, weil ich länger arbeiten darf, als meine Mitarbeiter. Und...,“ verzog Carsten sein Gesicht, als wollte er daran nicht mehr erinnert werden: „...in meiner Freizeit versuchte ich sowieso nur immer wieder meine Ehe zu retten.“
„Da blieb ja vom Feierabend nicht mehr viel über,“ lächelte ich spöttisch. „Stress pur, was?“
„ Also weißt Du...,“ sagte Carsten, während sich seine Stirnfalte aufstellte „...ich kann dieses Inflationswort „Stress“ nicht mehr hören. Wer sich darüber beklagt zuviel zu arbeiten, organisiert falsch. Das ist meine Meinung. Oder glaubst Du Hannibal hätte den Ritt über die Alpen abgelehnt, nur weil er zuviel Stress hatte?“
„Selbst der liebe Gott nahm sich eine Auszeit,“ antwortete ich und sog an meiner Zigarette. „Also was soll s?!“
„Meine Frau jedenfalls fand das nie lustig,“ sagte Carsten, als müsste er seine Erinnerungen vertreiben. „Dabei hatte ich eine geradezu erotische Beziehung zu dem, was ich tat.“
„Vermutlich deswegen,“ antwortete ich nüchtern.
„ Na ja, oft fühlte ich mich wie ein Schauspieler, der mehrere Leben gleichzeitig führte, “ lächelte Carsten, als memorierte er seine Texte.
„Immerhin muss man sich als Schauspieler nicht nur auf ein Leben beschränken,“ sagte ich verbindlich, während ich die Gläser nachfüllte.
„Ich weiß nicht, was mich antrieb?!“ sah mich Carsten fragend an, als sei er immer noch erstaunt. „Aber muss schon deswegen alles seinen Sinn verlieren?“
„ Überhaupt...,“ sagte Carsten „...warum muss man immer nur nach dem Sinn fragen?“
„Es gibt Dinge, die schützen sich selbst, weil man sie nicht versteht,“ antwortete ich, als müsste ich eine Diagnose benennen.
„Darum erwarte ich auch alles vom Leben,“ nickte Carsten entschlossen. „Dabei lasse ich mir nichts gefallen, auch wenn ich gutmütig bin. - Wenn aber der Sinn des Lebens nur seine Sinnlosigkeit ist, greife ich einfach nach Feierabend in die Asservatenkammer der Seifenoper. Und dann schlüpfe ich, je nach dem wie ich mich fühle, in irgendein Kostüm, das zu meiner Gemütsverfassung passt,“ lachte Carsten wie ein Kind, das Fratzen schneidet.
„Bei deiner nächsten Vorstellung sitze ich in deinem Publikum und spiele den Souffleur,“ klopfte ich Carsten auf die Schulter, während wir auf seine „Premiere“ anstießen.
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