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Einst war der ehemalige Chef des BDIs Hans-Olaf Henkel ein mächtiger Mann in der Wirtschaft, doch seit einigen Jahren verdingt er sich in einigen Aufsichtsräten und fungiert als Berater der Bank of America, damit diese in Deutschland ihren Machtbereich im Investmentbanking weiter ausbauen kann. Er ist auch ein gern gesehener Gast in diversen Talkshows und fällt dabei vornehmlich durch seine neuerliche Euro-Feindlichkeit auf. Obwohl er früher ein überzeugter Anhänger des Euros war, hat sich seine Ansicht zu diesem Thema in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Die Gründe für diesen Wandel nennt Herr Henkel in dem Bruch der Maastrichter Verträge, die in seinem eingeschränkten Weltbild einen schweren Vertrauensbruch darstellten. Möglicherweise hängt aber auch sein Sinneswandel mit seinem Beratervertrag bei der Bank of America zusammen, die zu dem infernalischen Bankenquartett der USA gehört (Bank of America, Goldman Sachs, JPMorgan und Citigroup). Nichts würde die amerikanische Bankenaristokratie lieber sehen als das Scheitern des Euros. Dies würde die uneingeschränkte Dollar-Hegemonie wieder herstellen und jegliche weitere Bestrebungen in der Welt, einen unabhängigen Währungsraum zu etablieren, bereits im Keim ersticken. Dieser Sinneswandel fand interessanterweise just zu dem Zeitpunkt statt, als er als Berater bei der Bank of America im Jahr 2006 anfing. Ich mache hier Herrn Henkel keinen Vorwurf, denn natürlich gilt auch für ihn: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.
In der Meinung, die Herr Henkel jetzt vertritt, war der Euro ein schrecklicher Fehler, der Deutschland in den Ruin treiben wird. Daher ereifert er sich in diversen Talkshows als alter D-Mark-Anhänger und vertritt in dieser Hinsicht den Vorschlag, den Euro in einen Nord- und Süd-Euro aufzuspalten. So könne man ganz einfach das aktuelle und strukturelle Dilemma des Euros auflösen und zu einer stabileren Situation an den Finanzmärkten zurückkehren. Es gibt nicht wenige fanatische Euro-Kritiker, die seiner obskuren Theorie das Wort reden und sich in ihren unfundierten Pamphleten auf diese Quelle beziehen. Seiner Überlegung nach sollten Österreich, Finnland, Holland und Deutschland aus der Eurozone austreten und den Nord-Euro einführen. Wenn man das sorgfältig genug planen würde, könnte ein abgewerteter Süd-Euro die Wettbewerbssituation dieser Länder verbessern und so deren Wachstum stimulieren. Die Exporte der Nord-Euro-Staaten würden seiner Ansicht nach zwar leiden, doch dafür hätten die Länder eine niedrigere Inflation. Im Augenblick liegt diese in Deutschland bei 1,7% J/J – in den Augen Herrn Henkels also zu hoch?!
Hat Hans-Olaf Henkel Recht? Nein, seine Vorstellungen sind so grotesk falsch und naiv, dass es wirklich befremdlich anmutet, wenn solche wahnwitzigen Thesen aus dem Munde eines so profilierten Zeitgeists kommen. Ich will hier einmal genau erklären, warum seine Thesen zum Nord/Süd-Euro so grundfalsch sind. Im Zentrum seiner Überlegung steht die Desintegration der Eurozone. Ob hier Länder aus dem Euro austreten oder die Union in Nord und Süd gespalten wird, ist unerheblich, denn beides läuft auf das Gleiche hinaus. Betrachten wir zunächst den Fall, dass die Südländer aus dem Euro austreten und als Beispiel will ich hier Griechenland nehmen. Wenn also Griechenland aus dem Euro austritt und zur Drachme zurückkehrt, wird die neue Währung sogleich in eine fatale Abwertungsspirale gegenüber Dollar und Euro eintreten. Ähnliches konnte man in Mexiko (1982; 1994) oder in Korea oder Indonesien (1997) beobachten. Das Interessante daran war, dass die Währungen wesentlich stärker abwerteten als der Markt diese vorher als „ überbewertet“ eingestuft hatte. Nehmen wir an, dass der Markt im Fall von Griechenland eine „Überbewertung“ von rund 30% sieht und daher im Fall des Übergangs zur Drachme eine Abwertung von 30% antizipiert. Doch in dem Moment, wo dieser Übergang tatsächlich stattfindet, wird die Drachme weit mehr als 30% abwerten. Eher realistisch ist eine Abwertung von mindestens 50% oder viel mehr, wie zahlreiche Beispiele von Währungskrisen in der Vergangenheit gezeigt haben. Indonesiens Rupie wertete beispielsweise in der Asienkrise um mehr als 80% gegenüber dem Dollar ab, obwohl man in der Zeit vor der Krise nur von einer Überbewertung der Rupie um 20% sprach.
Doch wieso kommt es zu diesen massiven Abwertungsexzessen? Das Problem ist die ausländische Verschuldung. Die meisten Schulden haben Griechenland und die anderen Südländer bei internationalen Investoren aufgenommen. Damit sind es ausländische Schulden. Kommt die Drachme, wird der Euro automatisch zu einer ausländischen Währung. Je weiter die Drachme gegenüber dem Euro fällt, desto rasanter steigt der Schuldendienst Griechenlands in Euro an und desto schneller verliert Griechenland an Glaubwürdigkeit. Ein Teufelskreislauf setzt ein. Aktuell zahlen die Griechen in etwa 14 Mrd. Euro an Zinsen pro Jahr. Nimmt man einen Umtauschverhältnis von 1:1 an, wären dies 14 Mrd. Drachmen. Bei einer Abwertung um 50% gegenüber dem Euro würde der jährliche Zinsdienst schon auf 28 Mrd. Drachmen anschwellen und bei 80% sogar auf 70 Mrd. Drachmen. Es ist klar, dass die Schuldlast so von Griechenland nicht mehr getragen werden kann. Ein Staatsbankrott wäre absolut unvermeidlich und damit wäre gleichzeitig auch das Banken- und Rentensystem des Landes erledigt. Bedenken Sie, dass bei einem Austritt Griechenlands das Land auf keine Hilfe mehr vom Eurosystem zählen könnte. Die Menschen in Griechenland wären völlig ruiniert. Doch selbst eine Abwertung um 80% wäre noch sehr konservativ geschätzt, denn man vergißt bei solchen Überlegungen immer etwas: Der Markt antizipiert jetzt bereits eine Staatspleite. Für die Finanzmärkte ist Griechenland schon jetzt bankrott. Das Land erhält nur noch aus einem Grund Geld, nämlich weil es vom Eurosystem gestützt wird. Fällt dieser letzte Rettungsanker weg, gilt: Rette sich wer kann. Die Drachme wäre kaum eingeführt, so wäre sie schon in wenigen Tagen oder Wochen nichts mehr wert. Und diese Annahme gilt wenigstens auch für Irland und Portugal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für Italien und Spanien.
Ich hoffe, ich konnte nachvollziehbar darstellen, wie verheerend ein Austritt Griechenlands oder eines anderen Landes aus der Eurozone wäre. Dass hier natürlich hohe Verluste für das europäische Bankensystem und die Geberstaaten auftreten würden, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen. Sie würden zudem deutlich höher ausfallen als unter einer geordneten Entschuldung im Euro. Die zweite Alternative zu einem Austritt aus der Eurozone, die ebenfalls eine Lösung der Strukturprobleme anstrebt, ist die Sanierung des Landes. Diese Lösung strebt die Eurozone an, doch sie ist natürlich sehr hart für die betroffenen Bevölkerungen und sehr langwierig. Hier müssen die öffentlichen Sektoren und Ausgaben geschrumpft werden und gleichzeitig die Einnahmesituation verbessert werden. Eine Absenkung des Lebensstandards ist unvermeidlich und mit politischen Durchsetzungsproblemen verbunden. Doch eine geringgradige Absenkung des Lebensstandards ist immer noch besser als die Vernichtung der Lebensgrundlage durch einen totalen Staatsbankrott. Mit dieser Lösung wird der Stress an den Finanzmärkten jedenfalls nicht schnell nachlassen und weiter an den Nerven der Akteure zerren. Da Herr Henkel alt und wohlhabend ist, will er sich diesem Stress natürlich nicht aussetzen, denn nichts wäre schlimmer für ihn, wenn sich sein Erspartes in Luft auflösen würde. Also hat er sich einen „Trick 17“ ausgedacht, eine seiner Ansicht nach ganz elegante Lösung für dieses angebliche Dilemma der Eurozone.
Herr Henkel schlägt nun eine dritte Alternative vor. In dieser verläßt nicht Griechenland den Euro, sondern Deutschland (stellvertretend hier für die Nordländer) und dieses führt sodann den Nord-Euro ein. Was würde passieren? Der Nord-Euro würde gegenüber dem Süd-Euro aufwerten oder sagen wir besser: Der Süd-Euro wertet gegenüber dem Nord-Euro ab. Nehmen wir hier wieder an, dass die Südländer gegenüber den Nordländern vor der Währungstrennung um rund 30% überbewertet wären (Ansicht des Marktes). Käme es zur Trennung, müsste der Süd-Euro theoretisch um rund 30% gegenüber dem Nord-Euro abwerten. Und nun Herrn Henkels „ Trick 17“-Überlegung: Da die Schulden der Südländer ja immer noch im Euro (dieser wird zum Süd-Euro durch den Austritt Deutschlands, weil Deutschland eine neue Währung gründet) denominiert sind, käme es nicht zu dieser tödlichen währungsbedingten Abwertungsspirale, die wie oben gesehen zu einer realistischeren Abwertung von über 50-80% führen würde. Damit würde die Abwertung nur 30% betragen, was nicht notwendigerweise zum Staatsbankrott der Südländer führen müsste. Herr Henkel ist zufrieden und lehnt sich lächelnd zurück. Doch Herr Henkel hat sich zu früh gefreut, denn sein Vorschlag hat gleich mehrere Haken.
Im Gegensatz zu Herrn Henkel behaupte ich, dass diese tödliche Abwertungsspirale trotzdem einsetzen würde. Warum? Dazu muss man sich nur klar machen, wer die Gläubiger und wer die Schuldner sind. Wer die Schuldner sind, ist bereits klar – die Südländer also die Defizitländer. Doch wer sind die Gläubiger? In der Regel die reichen Nordländer, die ihre Überschüsse in den Südländern in Form von Anleihen angelegt haben. Das heißt also im Klartext, dass der Schuldendienst der Südländer gegenüber den Nordländern mit der relativen Abwertung des Süd-Euros wieder explosionsartig zunehmen wird. Und je weiter er zunimmt, desto unglaubwürdiger werden diese Länder und ihr Süd-Euro, womit wir wieder beim obigen Teufelskreislauf sind. Doch Herr Henkel übersieht noch einen weiteren Faktor, denn ich oben schon angedeutet habe. Selbst wenn diese Explosion des Schuldendienstes nicht wegen der bloßen Abwertung des Süd-Euros initiiert würde, dann wird sie sicher durch die Bankrottannahme dieser Länder initiiert. Wer will schon sein Geld in Länder anlegen, die nur noch vom Zahlungsversprechen Deutschlands getragen sind. Niemand. Genau das blendet Herr Henkel mit einer schönen Regelmäßigkeit aus. Er glaubt nämlich immer noch naiverweise, dass es genauso einfach ist, eine Währungsunion zu zerschlagen wie sie zu gründen. Bei der Gründung ist die Welt noch in Ordnung, denn niemand sieht einen bankrotten Staat. Doch bei der Auflösung sieht der Markt überall bankrotte Staaten. Wenn dem nicht so wäre, würde die Forderung nach der Auflösung ja gar nicht aufkommen. Sobald also Deutschland aus dem Euro aussteigt, fällt jegliche Sicherheit für die Anleihen der Südländer weg und die Investoren werden in Panik aus diesen Anleihen und dieser Währung flüchten. Damit sind wir dann wieder bei Alternative 1 und bei multiplen Staatsbankrotten sowie einem kapitalen Wirtschaftseinbruch in Europa.
Es spielt also letztlich gar keine Rolle, ob Deutschland oder Griechenland aus dem Euro aussteigt. Und selbst wenn Herrn Henkels „ Trick 17“ hypothetisch funktionieren würde, wäre damit die Spekulation in Europa noch nicht beendet. Gelänge nämlich diese „ Trennung“ in Nord/Süd-Euro, so würden sich die Finanzmärkte in ihrer Spekulation sofort auf die potenziellen Zinsunterschiede zwischen Deutschland, Frankreich und Holland auf der einen Seite und Italien, Griechenland und Spanien auf der anderen Seite stürzen. Das Ende vom Lied wäre ein Zerfall des Süd- und Nord-Euros in seine Bestandteile und damit die letztliche Rückkehr zu den Nationalwährungen. Damit wäre das Europa-Projekt endgültig gescheitert. Europa würde einem finanziellen Trümmerhaufen gleichen, so wie einst Asien nach der Asienkrise. Der Dollar hätte keinen ernsthaften Konkurrenten mehr und amerikanische Unternehmen könnten sich in Europa in der Krise äußerst billig einkaufen und damit unsere Technologie stehlen. Gleichzeitig würden sie sich wie die großen Retter gerieren, indem sie uns teuer verzinstes Kapital aus New York und London zum Wiederaufbau zur Verfügung stellen. Selbst Herr Henkel muss zugeben, dass sein Plan gewisse Schwachstellen hat, indem er einräumt, dass deutsche Banken heftigste Verluste hinnehmen werden müssen. Er denkt die Sache hier nur nicht zu Ende. Allein die Verluste deutscher und französischer Banken würden im günstigsten Fall bei einer Abwertung um lediglich 30% mindestens eine Billion Euro betragen, denn zu den ratingbedingten Wertberichtungen der Staatsanleihen kämen dann auch noch die Währungsverluste für diese Staatsanleihen und alle anderen Banken- und Unternehmenskredite hinzu. Griechische, spanische oder portugiesische Unternehmen und Banken, die bisher immer brav ihre Zinsen an deutsche Banken gezahlt haben, würden sich plötzlich durch die Währungsabwertung einer untragbar hohen Zinsbelastung gegenübersehen. Viele werden darunter zerbrechen und so ebenfalls zu weiteren Ausfällen im deutschen Bankensektor beitragen. Nur um hier mal eine Dimension zu geben: Das gesamte Refinanzierungsvolumen in der Eurozone beträgt in etwa vier Billionen Euro, wovon sich alleine deutsche Banken vor der Krise mehr als 50% gesichert haben. Inzwischen hat die EZB zwar einiges von diesem Refinanzierungsvolumen zwangsweise übernehmen müssen, doch der Anteil deutscher Banken dürfte immer noch gut 40% betragen. Unterstellt man nur bei der Hälfte dieser Summe eine 30%ige Abwertung, würden alleine die Währungsverluste deutscher Banken schon 300 Mrd. Euro betragen. Zusammen mit den ratingbedingten Verlusten käme man hier schon locker mit Frankreich zusammen auf über eine Billion an Verlusten. Damit wäre der deutsche Bankensektor unausweichlich bankrott. Zweifelsohne wäre das für Herrn Henkels Klienten, die Bank of America, ein gefundenes Fressen.
Tun Sie sich und uns allen einen Gefallen und vergessen Sie ganz schnell Herrn Henkels „Trick 17”. Der funktioniert garantiert nicht. Diese Idee Herrn Henkels wurde aus purer Verzweiflung geboren, weil er nicht akzeptieren will, dass der Verbleib im Euro alternativlos ist. Seiner Meinung nach gäbe es immer eine Alternative. Dem stimme ich zu, nur in diesem Fall käme die Alternative einem tödlichen Sprung in den Abgrund gleich. Ich für meinen Teil bleibe dann doch lieber oben am Rand stehen und kämpfe gegen die Widrigkeiten des Lebens.
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