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Ich halte es kaum noch aus, bis ich am Samstag wieder auf meinem Platz im Stadion sitze. Jenem Platz 4 im Block T, Reihe 26, der vermutlich noch von der letzten oder vorletzten Saison von mir vorgewärmt ist, wenn ihn nicht zwischenzeitlich bei der Frauen-WM ein nordkoreanischer oder äquatorialguineanischer Hintern abgekühlt hat. Rechts neben mir nimmt der Ire Jim Platz, vor uns stehen zwei Becher Bier, in der Hand eine Bratwurst, auf dem Trikot der erste Senffleck der Saison. Eine Szenerie, die das Herz des Fußballfans erhebt, paradiesischen Zuständen gleich, eine Wonne für jeden, der am Samstag um halb vier keinen Zweifel an der Kussabfolge lässt: zuerst den Rasen, dann den Ball, später die Frau.
Ich war schon beim FC Augsburg zu Bayernligazeiten im Rosenaustadion, als manchmal mehr Spieler auf dem Feld waren als Zuschauer auf den Rängen. Und das einzige Spiel, das ich vergangene Saison versäumte, war das Letzte, das Entscheidende. Damals war ich beruflich in Südafrika und bekam die erlösende Nachricht von Stephan Hains Siegtor just in dem Moment aufs Handy, als ich die offene Gefängniszelle von Nelson Mandela betrat. Ich hatte Tränen in den Augen. Was für eine Befreiung, was für eine Freude, was für eine Glückseligkeit!
Dieser Tage nun hat sich meine Frau gewundert, warum unter meinem Kopfkissen ein Schal des FC Augsburg liegt. Ich sagte „Ein Versehen“, denn wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich vor Aufregung kaum noch schlafen kann, dass ich in den Träumen vom Klassenerhalt etwas brauche, an dem ich mich festhalten kann, dass ich den FCA in mein Nachgebet einschließe, was mit Schal unterm Kissen sicher besser wirkt als ohne.
Und gestern nun die Nachricht, dass Michael Thurk nicht mehr dabei ist. Aus sportlichen Gründen. Das klingt ungefähr so, als würde ein Restaurantchef den Lieblingskoch seiner Gäste aus kulinarischen Gründen entlassen. Nein, liebe Freunde vom FCA, eine solche Begründung ist mindestens so schlecht wie „Er konnte sich nicht merken was ,Klappe halten‘ auf Holländisch heißt“ oder „Er hat dem Daniel Baier sein Weißbier ausgetrunken“. Ein Verein, der auf seiner Homepage mit blumigen Worten Jim Knopf von der Puppenkiste zum 50. Geburtstag gratuliert, seinen Fans aber bei der Trennung von einem Top-Stürmer nur Floskeln serviert, muss sich nicht wundern, wenn in Lummerland die Seele kocht.
Nun mag es ja Gründe für die Verantwortlichen geben, genau so zu handeln wie sie gehandelt haben. Etwa um einen Spieler wie Michael Thurk zu schützen, weil irgendwas vorgefallen ist, was die Öffentlichkeit irritieren könnte oder was einfach nicht zum Image eines Erstligavereins passt. Aber selbst für diesen Fall bietet die deutsche Sprache unendlich viele Möglichkeiten der Kommunikation. Man kann mit ihr, wenn man sie richtig anwendet, Dinge sagen, die man eigentlich nicht sagt, die aber bei dem, der sie hört, ein Gefühl von Verständnis für eine Entscheidung auslösen. Die Aussage „ aus sportlichen Gründen“ gehört bei einem guten Stürmer sicher nicht dazu, sondern wirkt eher hilflos.
Hilflosigkeit allerding ist ein Wesenszug, der nicht zu einem Erstligaverein passt. Er macht mir sogar ein bisschen Angst. Weswegen ich ab heute meine Nachtgebete für den FCA verstärke. Samt Schal unterm Kissen. Lieber Gott hilf, dass ich als Fan in Augsburg niemals aus euphorischen Gründen suspendiert werde und dass die rheinisch-niederländische Allianz nicht auf die Idee kommt, mir aus Gründen der Durststeigerung mein Bier weg zu nehmen. Da hätte ich es dann gern ein bisschen weniger absurd. Etwa so: „ Hummel-Brummler, wer zu viel prostet und mit leeren Bechern pokert, verpasst die entscheidenden Spielzüge.“ Klingt ein bisschen gethurkt, ist aber schlüssig.
Peter Hummel
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