Sonntag, 19. Mai 2013

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Winnetou. Old Shatterhand. Und ich.

Wir hatten eine schöne Kindheit: Winnetou. Old Shatterhand. Und ich. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie es los ging. Wie meine Mutter zu mir kam und meinte ich "sollte mal mehr lesen". Weil das doch wichtig wäre. Für die Schule, für später, und überhaupt.

Aus heutiger Sicht hatte meine Mutter natürlich vollkommen Recht. Lesen ist wichtig. Damals allerdings überzeugten mich die abgelegten Fünf-Freunde-Bücher der großen Schwestern ("Die haben die immer so gern gelesen") nicht so wirklich davon. Die Fünf Freunde und ich, wir waren keine Freunde. Und es lag nicht daran, dass ich es nicht probiert hätte.

Dementsprechend mehr schlecht als recht lief dann auch das Projekt früjugendliches Lesen. Bis mein Vater mir schließlich ein anderes Buch in die Hand legte. Rund 1000 Seiten, leicht vergilbtes Papier, in Leder gebunden und mit goldener Schrift verziert. Der Titel: Winnetou I.

Winnetou und ich, wir waren sofort Freunde. Lagerfeuer. Gebratene Büffellende. Bärentatzen. Das Anschleichen und Belauschen. Die unzähligen Gefangenschaften. Gefolgt von atemberaubenden Fluchten. Winnetous Silberbüchse und Old Shatterhands Jagdhieb. Reisen. Fremde Länder und schrullige Gestalten. Lesen war ein Abenteuer.

Und ich las viel. Morgens beim Frühstück und mittags nach dem Essen. Abends vor dem Einschlafen und im Urlaub sowieso. Manche Bänder hatte ich im Laufe der Jahre dreifach und vierfach in der Hand.

Ich weiß nicht wann es war, dass ich seltener zu den Bänden griff, und auch nicht warum. Vermutlich weil ich irgendwann auch andere interessante Bücher entdeckte.

Rund um den 100. Todestag von Karl May ist viel darüber geredet worden, ob seine Werke noch in die heutige Zeit passen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage gibt es vermutlich nicht. Lagerfeuerromantik, schwulstige Dialoge, das oft ermüdende und moralinsauere Gutmenschentum und die gerne transportierte abendländische Überlegenheit dürften es neben trendigen Vampiren und jungen Zauberern des 21. Jahrhunderts schwer haben. Daran besteht kaum Zweifel.

Daneben wird es sich verhalten wie mit guter alter 60er-Jahre Musik: Sie läuft im Radio nicht mehr rauf und runter und liegt im Laden nicht mehr stapelweise auf den ersten Tischen. Verschwunden ist sie deshalb noch lange nicht. In manchen Wohnzimmern hat sie weiter einen festen Platz im Schrank. Und das nicht immer bei Menschen, die mit der Musik aufgewachsen sind.

Auch Karl May wird mit Sicherheit seine Nische behaupten. Nicht in allen Bücherregalen. Aber in vielen. Und mit Sicherheit in meinem.

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