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Zu Beginn des 16. Jhds. herrschte in ganz Europa Untergangsstimmung. Doch die Ängste und Erwartungen wurden zum Teil geschickt instrumentalisiert. Um Martin Luthers Horoskop entbrannte ein regelrechter Streit. Ausgangspunkt war die astrologische Schrift „Prognosticatio“ des kaiserlichen Hofastrologen Johannes Lichtenberger, wo es um die Auswirkungen der Großen Konjunktion* vom 25. November 1484 ging.
Darin hieß es, aufgrund großer Not der Menschen müßten einige Privilegien des Adels und Gesetze abgeschafft werden und eine Reihe falscher Propheten brächte zunächst das Christentum in Aufruhr. Dann aber werde ein kleiner Prophet auf die Bühne treten und eine gute Reformation und Besserung der Kirche zuwege bringen.
Die Katholiken sahen in Luther einen der falschen Propheten. Seine protestantischen Anhänger hingegen waren sicher, dass Luther der verheißene Reformator sei. Dies sollte sich im Horoskop widerspiegeln. Offenbar war Luther der Ansicht, dass Lichtenbergers Prognose eines messianischen Reformators nützlich sein könnte. So ließ er 1527 die Prognosticatio in Wittenberg und Erfurt drucken. Obwohl am 10.11.1483 geboren, ging er dazu über, das Jahr 1484 vorzuziehen. Sein Freund, der Astrologe Philipp Melanchthon, diskutierte mit Kollegen ausführlich über die Alternativen.
Man einigte sich auf den 22. Oktober 1484, also kurz vor der Großen Konjunktion, die dann mit Sonne, Venus und Merkur ein Stellium (Mehrfachkonjunktion) im Skorpion bildet.
Zu den Überlegungen zur Geburtsstunde schrieb Melanchthon an den berühmten Nürnberger Astrologen Johannes Schöner, dass er und sein Kollege Carion die neunte Stunde bevorzugen, obwohl Luthers Mutter sagte, die Geburt sei in der Hälfte der Nacht gewesen. Doch zur neunten Stunde steht die Große Konjunktion prominent am Aszendenten!
Luthers Veröffentlichung von Lichtenbergers Prognose war ein geschickter Schachzug, denn zeitgleich vertrieben deutsche Landsknechte den Papst aus seiner Residenz in Rom. So wurde Luthers Wittenberg als „neues Rom“ inszeniert und die Prognosticatio wurde ein solcher Erfolg, dass Luther sie 1535 in Straßburg nochmals publizierte.
Doch im „Tractatus astrologicus“ schlug der päpstliche Astrologe Lucas Gauricus mit gleicher Waffe zurück.
Er erfragte bei Melanchthon Luthers Geburtsdaten. Den Tag übernahm er, rektifizierte aber die Stunde auf 13.10 Uhr und schrieb dazu: „Die Zusammenkunft von fünf Planeten im IX. Himmelshause, das die Araber der Religion zuordneten, ist sonderbar und hinreichend erschreckend.“ Im folgenden wird Luther ein Frevler und Ketzer genannt, dessen Seele zur Hölle fuhr, denn veröffentlicht wurde der Tractatus erst nach Luthers Tod. (Alchima 25.4.2012)
* Große Konjunktion, auch Königsaspekt genannt = Konjunktion von Jupiter und Saturn.
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