Donnerstag, 20. Juni 2013

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Nachtgedanken

Strom & Propheten

„Ach, Kindchen…“

Die Haut einer Frau muß so glatt sein wie bei einem Säugling. Nur so bleibt ihr Körper verlockend. Ansonsten aber hört sie nur hämisches Getuschel, wenn sie, die Frau, ihr Recht auf Leben einklagt.
Diese Einstellung hatte ich nie, dachte Orf.
Wenn ich schon das Gerede von der Apfelsinenhaut höre…! Frisch ausgepresste Apfelsinen erfreuen sich großer Beliebtheit. Und es gibt Länder, da sind Apfelsinen unbezahlbar. Also, was soll dieses Gerede?
Ich bin ohnehin kein Mann, der glaubt, dass eine Frau mit zunehmender Intelligenz ihre Attraktivität einbüßt. Und warum soll eine Frau, die mit den Jahren klüger oder menschlicher wird, nicht auch eine Brille tragen?
Immerhin hätte sie dann die Möglichkeit diese Brille abzunehmen, wenn sie von der Welt genug gesehen hätte.
Nur vielleicht, dachte Orf, wäre mein Leben spielerischer verlaufen, wenn ich so gedacht hätte.
Aber im Gegenteil, manchmal empfand ich geradezu eine Art von Lust, wenn ich Eura beim Älterwerden beobachtete. Nur gleichzeitig durchzuckte mich oft ein Schmerz, weil ich mich für ihr Alter verantwortlich fühlte.
Und doch sah ich in unserer Umgebung den einen oder anderen gehässigen Blick, der sich fragte, welches Mittel sie wohl genommen hatte, um attraktiv zu bleiben.
Wann fühlte ich eigentlich selbst das erste Mal, daß ich älter wurde? dachte Orf. Und wann werde ich endgültig die Schwelle übertreten, die mir den Rückweg in eine jüngere Vergangenheit für immer versperren wird?
Für mich war das Alter bisher nur eine numerische Angelegenheit. Als ich aber das letzte Mal meine Mutter sah, durchfuhr mich die Gewissheit:
Dem Verfall entkommt keiner!
Damals erinnerte mich ihr Gesicht an einen eingelegten Apfel. Aber im Profil war sie der geschminkte Tod. Nur ohne ihre Perücke und dem Make-up war sie das, was sie  inzwischen geworden war: eine Greisin. Und ich fragte mich, ob schon der Tod über ihr Gesicht hinweggegangen war?
Aber meine Mutter lächelte mich nur an und sagte:
„Ach, Liebchen…“
Schon als Jugendlicher rebellierte ich gegen diese infantilen Endsilben, dieses Diminutiv, das meine Mutter ständig im Mund führte.
Wurde ihr aber meine Art mit ihr zu sprechen zu unbequem, sah sie mich nur freundlich an und sagte:
„Ach, Kindchen…,“
um dann einfach  das Thema zu wechseln.

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