Mittwoch, 19. Juni 2013

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Nachtgedanken

Strom & Propheten

Alzheimer & Gashahn

„Endlich kam der Notarzt,“ lächelte Eura, als sei sie noch immer erstaunt. „Aber man verbot mir meinen Vater im Krankenhaus zu besuchen. Also schlich ich mich heimlich durch die Büsche. Denn sein Krankenzimmer lag im Parterre.
Dieses kleine, lieblose Zimmer musste mein Vater mit drei anderen Patienten teilen. Die Gitterstäbe seines Krankenbettes warfen lange Schatten und eine fassungslose Glühbirne hing  unter der Decke. Das weiß ich noch so, als wäre es gestern gewesen.
Auf meinen Pfiff hin wandte mein Vater langsam den Kopf und lächelte müde zum Fenster. Sein Gesicht war unrasiert und das dünne Haar klebte in seiner Stirn. Und seine Augenhöhlen waren schwarz umrandet.
Er trug einen gestreiften Schlafanzug. Blau-weiß, glaube ich. Die blauen Streifen allerdings waren hoffnungslos verschossen.
Mein Vater sah aus wie ein Häftling. Ihn so zu sehen war schrecklich.
Eines Tages allerdings -  inzwischen war er aus dem Krankenhaus entlassen worden - begann mein Vater sein Gedächnis zu verlieren. Dieser Zustand trat erst langsam ein. Und dann lebte er wie in einem Traum.
Natürlich hatten wir, vor allem meine Mutter, Angst, er könnte den Gashahn aufdrehen oder den Tauchsieder vergessen.
Dabei schien mein Vater plötzlich körperlich gesund zu sein, auch wenn ihn die Unruhe plagte. Dann saß er im Mantel am Fenster herum und behauptete verabredet zu sein.
Jeder, der ihn kannte, dachte anfangs, er sei nur etwas vergeßlich. Aber in Wirklichkeit verlor er Zug um Zug sein Gedächnis. Ihn hatte eine Krankheit befallen, die Geschichte hat.
Ab diesem Zeitpunkt umgab diese Krankheit meine Kindheit wie ein klebriger Faden. Wie ein Spinngewebe, das sich über unsere Familie legte.
Immer wieder versuchte ich einen Sinn in diesem Gewebe zu entdecken. Denn immerhin wollte ich den Anfang dieses Fadens finden. Und ich hoffte nur an diesem Faden ziehen zu müssen, um das verwirrende Gewebe  entwirren zu können.“
Eura leerte in einem Zug ihr Glas. Dabei warf sie nicht einmal ihren Kopf in den Nacken:
„Als mein Vater aber dann endlich starb, wurde alles noch schlimmer. Ich fühlte mich wie ein Kind, dem man kurz vor den Sommerferien sagte, dass die geplante Urlaubsreise ausfiel. Da war meine Jugend beendet. Wie der Frost, der die ersten Blüten erstarren ließ.
Damals fing ich an meine Biographie zu frisieren. Und plötzlich hatte ich einen Knäul von Halbwahrheiten in der Hand. Da war es doch nahe liegend, dass ich einen Silberfaden durch meinen Lebenslauf wob. Nur so konnte ich überleben.
Denn ab diesem Zeitpunkt hielt ich immer das Ende des Fadens fest in der Hand. Und das wird sich in meinem Leben nicht mehr ändern.“
Eura lächelte wie eine Kurzsichtige, die ihre Brille verlegt hatte und zuckte mit den Achseln:
„Und an diesem Faden spulte ich mein Leben ab. Dabei hatte ich immer das Gefühl in mir steckte eine verborgene Kraft, auf die ich eines Tages zurückgreifen mußte.
Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf. Aber sie hätten niemals heiraten dürfen. Zuerst mußte ich jahrelang die Tochter für einen kranken Vater sein. Und dann jahrelang die Mutter für unmündige Kinder. Das kostet Zeit.“ Eura schlug nervös die Asche ihrer Zigarette ab. „Niederlagen mußte ich schon früh einstecken, “ lachte sie unentschlossen. Ihr Blick blieb in seinen Augen hängen: „ Aber auch ich wollte glücklich sein. Dazu werden wir doch geboren. Oder?“

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