Sonntag, 19. November 2017

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Nachtgedanken

Strom & Propheten

An dem Tag, als ich erschossen wurde

„Natürlich beschäftigt mich der Gedanke an den Tod. Dafür lebe ich lange genug allein, um zu wissen, dass mich keiner betrauern wird.“ Frau Koch sah mich müde an, rieb ihre Stirn, als müsse sie ihre Gedanken festhalten, um dann doch irgendwie zu lächeln. „Aber ich hatte ja auch nie den Wunsch Kinder zu bekommen. Da darf ich mich jetzt nicht beschweren. Und wie das mit Kindern ist, wissen Sie ja auch... Aber trotzdem wartet man auf irgendetwas, wenn man alleine lebt,“ sagte Frau Koch. „Und dieses ständige Warten macht müde. Aber immer nur zu warten, tut weh. Das gräbt sich ein. Wissen Sie, es gibt solche und solche Falten.
Und wenn ich in den Spiegel sehe, erkenne ich mich gar nicht wieder. Dabei war ich einmal eine hübsche Frau. Sehen Sie mal, hier, das Bild in meiner Brieftasche…Ja, das war ich….aber wenn man alt wird,“ sagte Frau Koch, „geht der Alltag irgendwie auf Distanz.
Und plötzlich hat man selbst nur noch das Gefühl unangenehm zu riechen. Irgendwie nach Urin, Kot und Desinfektionsmittel.
Nein, da müssen Sie gar nicht den Kopf schütteln. Das ist so. Und bei jedem Stuhlgang hat man das Gefühl sich von Innen her aufzulösen.
Deshalb möchte ich verbrand werden. Es gibt sowieso niemanden mehr, der die Grabpflege übernehmen könnte.
Obwohl, als Kind besuchte ich oft meine Großmutter. Die konnte einfach Geschichten erzählen… Aber wie soll ich mich zur Oma eignen, wenn ich schon „vergaß“ Kinder zu bekommen?
Nicht, dass ich Kinder nicht liebe …und ich habe auch ein Klavier, auf denen ich ihnen etwas vorspielen könnte. Aber die Jahre vergingen im Flug… da konnte ich mich gar nicht auf meine neue Rolle einstelle…aber warum erzähle ich ihnen das…?!“ sagte Frau Koch und sah mich plötzlich prüfend an, als stellte sie ihre eigenen Diagnosen.
Und schon sah sie auf ihre Armbanduhr, als hänge davon meine Antwort ab. Sie war keine Frau, der man die Hand auf die Schulter legte.
Und schon stand sie auf und lächelte in einer Art, die nicht zur Situation passte. Sie war jünger, als ihr Geburtsdatum.
Ich reagierte mit einem festen Händedruck, als liessen sich so Antworten ersetzen. Frau Koch aber drehte sich im Türrahmen noch einmal um.
Ich nickte ihr zu und griff zum Telephon, als sei ich sehr beschäftigt.
Frau Koch aber schleuderte wie ein aufsässiges Kind zwei Finger in meine Richtung und zischte gnadenlos:
Bufff…!
Als sie mich erschossen hatte, verließ sie den Raum und knallte mit der Tür.

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