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Oft war unser Familienleben nur noch ein tragisches Krippenspiel, dachte Orf, während er die alten Fotos betrachtete. Und ich war der Esel.
Mich beschlich damals schon lange das nagende Gefühl, daß wir unsere Existenz verpfuscht hatten. Im Übrigen, Verbindungen aus Pech und Schwefel bringen selten Glück.
Da mußte ich mich sogar über den Kommissar wundern. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß er mich sogar verstand. Aber auch der machte nur seinen Job.
Eura und ich hätten uns voreinander retten müsse. Das dachte ich oft. Aber wir überlegten uns nie wie wir Freunde werden sollten. Das war ein Fehler. Denn im gleichen Augenblick wussten wir:
In unserer Leidenschaft waren wir unversöhnlich. Und ich wollte nie auf unsere Versöhnung verzichten. Aber die gelang mir nur, wen ich das vergaß, was mich an ihr störte.
So ging ich einfach davon aus, daß wir zusammenpassten.
Warum nahmen wir uns kein Beispiel an der Transplantationsmedizin? dachte Orf. Bis man den geeigneten Spender gefunden hat, dauert es oft lange. Und selbst nach der Transplantation wartet man noch Wochen, ob das fremde Organ angenommen wurde.
"Du hast mich immer nur abgestoßen. Und die Welt da draußen hat mich abgelehnt. Das war schon als Kind so," - lächelte damals Eura verhalten in das Objektiv:
"Wir kamen als Flüchtlinge in dieses Kaff. Schon als Kind konnte ich mich nicht mehr an meinen Geburtsort erinnern. Und ich bin mir sicher, meine Hebamme hatte auch keine Samthandschuhe.
Natürlich hatten die Eltern wenig Zeit. Auch sie mußten wieder bei Null anfangen. Damals war das so. Nicht nur bei uns...
Ich weiß nicht, ob ich mich als Kind verlassen fühlte. Und doch, als ich zur Schule kam, wurde mir plötzlich bewußt:
Die anderen Kinder hatten ein Schulbrot. Nur ich nicht.
Klar, jeder Mensch braucht Menschen, denen er vertrauen kann. Aber ich war oft allein. Und ich fühlte mich oft verlassen.
In dieser Zeit entdeckte ich, daß ich fromm war. Ich war davon überzeugt:
Gott war auch auf mich neugierig. Er sah und hörte alles. Und selbst meine geheimsten Gedanken konnte er lesen.
Aber manchmal dachte ich, wenn er, der Gott, schon im Himmel wohnt, mußte er sich da auch noch in unser Leben einmischen? Ihm konnte es doch egal sein, was wir Menschen machten. Aber trotzdem beruhigte es mich, daß es Gott gab.
Unser Religionslehrer jedenfalls behauptete:
„Gott steht hinter euch wie Vater und Mutter.“
Dabei waren meine Eltern nur selten da. Und zum Lügen und Stehlen hatte ich sowieso keine Lust. Aber ich wollte mir auch nichts vorschreiben lassen. Schon als Kind hasste ich Normen.
Aber gleichzeitig war ich wütend auf mich selbst, wenn ich zu sehr um Gottes Lob buhlte. Denn nur brav sein wollte ich schon gar nicht. Selbst dann nicht, wenn überall die Verdammnis lauerte.
Als Kind liebte ich die derbe Sprache der Bibel. Schon allein der Klang der Worte `huren` oder `Ehe brechen` erregten mich. Und von dem Kapitel Hesekiel kam ich zeitweise gar nicht mehr los.
Wenn Gott also erbarmungslos zusah, wenn ich Unzüchtiges trieb, konnte er mich ja gleich bestrafen. Was konnte ich dafür, daß er so kleinlich war? Obwohl, er mußte wissen, auch meine Sympathie kannte ihre Grenzen. Aber meine Schuldgefühle verlor ich nie.
Dabei hätte ich Gott so gern eine Freude gemacht. Ich wollte von ihm geliebt werden. Und ich wollte das Gefühl haben von ihm allein auserwählt zu sein. Vielleicht konnte ich so der Verdammnis entkommen.
Ich mußte also vor Gott auf die Knie fallen, damit er mich vor der Hölle bewahrte.
Nicht, daß man mich religiös erzogen hätte. Denn mein Vater lächelte nur und sagte:
„Gottlos werden wir von allein…“
Und meine Mutter antwortete dann:
„Gott muß die einfachen Menschen sehr lieben, sonst hätte er nicht soviele davon gemacht.“
Bis Heute weiß ich nicht, ob sie es ironisch meinte.-
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