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Vielleicht ist das Leben wirklich nur eine Imitation des Kinos, dachte Orf und rutschte noch tiefer in seinen Kinosessel. Und wenn schon, mich kann das nur trösten. Ich liebe diesen Zauber von Nähe und Distanz. Nur so kann ich mich an meine Träume verlieren.
Im Traum aber ist alles möglich. Da nimmt man den falschen Zug und kommt in eine unbekannte Stadt. Man bucht das falsche Flugzeug und landet in einem fremden Land. Und plötzlich klären sich unerwartet und auf wundersame Weise alle Rätsel auf. So finden oft aussergewöhnliche Ereignisse auf gewöhnliche Weise ihr Ende.
Warum also konnten wir unser Leben nie wie einen Film betrachten?
„Ich träume von einer anderen Welt,“ lächelte Simone, meine Lieblingsschauspielerin. Offenbar gefiel ihr die musikalische Untermalung der Filmsequenz. Denn ihre Augen waren wie von einer Glasur überzogen. Aber schon nahm sie Jean in den Arm und vermutlich dachte er:
Habe ich mich nur aus Schwäche in sie verliebt? Oder hatte sie am Ende nur alle Schwächen in sich vereint?
„Woher sollte ich nur wissen, daß du mich brauchtst?“ lachte Simone, um nicht zu heulen. „Das hast du mir nie gesagt. Bei dir kam ich mir immer vor wie ein Gebrauchsgegenstand. Beliebig austauschbar. Ich musste immer nur funktionieren…“
Jean nahm wortlos ihr Gesicht in die Hände und betrachtete sie zärtlich, als wollte er sagen:
Warum bist du nur so kompliziert, um es einfach auszudrücken?
Vielleicht war aber auch nur eine Tonspule defekt, während Simone nachdenklich ihr Glas betrachtete. Obwohl, auf sein Schweigen antwortete Simone nüchtern, sofern man dieses Wort auf sie anwenden konnte:
„Nachts, wenn du schläfst, sitze ich in diesem Raum und fühle mich verlassen. Ich war immer bereit alles auf eine Karte zu setzen. Aber du bist alt geworden. Und je älter du wirst, umso banaler bist du. Nichts mehr von dem Sternenstaub wie früher. Irgendwo unterwegs habe ich Dich verloren.“
Simone legte den Bademantel um ihr Knie wie ein geschlitztes Kleid:
„Daß ich noch lebe, wird man erst durch meine Todesanzeige erfahren. Mein Leben hier ist nicht einmal ein Schattendasein. Denn zum Schatten gehört das Licht. Aber das kann ich hier nicht sehen. Ich gehe ein wie eine Pflanze, um die sich niemand kümmert…,“ Simone lächelte verkrampft, aber in ihren Augen lauerte jetzt eine Bereitschaft hinter einer Maske zahlreiche Gesichter hervorzuholen. Und doch war dieses Gesicht von Widersprüchen zerstört.
Jean schwieg. So hatte er sie noch nie gesehen. Denn in diesem Gesicht passte nichts mehr zusammen. Sie aber hatte keine Lust mehr ihre Ratlosigkeit zu überspielen:
„Je länger ich mit dir zusammen bin, desto kümmerlicher werden meine Sehnsüchte,“ sah ihn Eura kalt an und hantierte mit der Zigarettenschachtel. „Aber meinen Stolz brichst du nicht mehr...“
Ich kann sie nur noch vertrösten, dachte Jean. Aber trösten konnten wir uns schon lange nicht mehr.
„Wer behauptet denn, daß du mich lieben mußt?“ schrie ihn plötzlich Simone an, als die Filmspule riß.
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