Freitag, 28. November 2014

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Greater Augsburg

Notizen aus Stadt und Land

In Augsburg mischt sich Heimatgefühl mit Minarett und Hangul

In Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen stoßen sich die Entwicklungen manchmal hart im Raum. Auch in Greater Augsburg, wo sich traditionelle Heimatverbundenheit zunehmend mit den Herausforderungen von Migration und Internationalisierung mischt. Einige Beobachtungen der vergangenen Tage.

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Auch mehr als 40 Jahre nach der Landkreisreform haben viele Lokalpatrioten den Verlust ihrer kommunalen Autokennzeichen nicht verwunden. Friedberger wollen auf den Straßen wieder per "FDB" ausdrücken dass sie Herzogstädter sind und keine Aichacher. Schwabmünchner streben zu "SMÜ" zurück, weil sie sich trotz einem "A" am Auto nicht als Augsburger fühlen.

Man kann diesen Trend als "Kirchturm-Denken" belächeln. Er wirkt in Zeiten des Zusammenwachsens von größeren Lebensräumen, die heute international mit Freizeitangeboten und Arbeitsplätzen konkurrieren, auch anachronistisch. Man kann sich aber auch einfach ärgern, dass es offenbar nach Jahrzehnten nicht gelungen ist, ein Heimatgefühl in Greater Augsburg zu verankern. Die neuen, alten Kennzeichen bedienen die Lust auf lokale Tradition, dem Weg zum regionalen Schulterschluss wirken sie entgegen.

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Während auf dem Land die Lust auf Tradition anschwillt, übt sich die Stadt Augsburg in der Integration von Zuwanderern aus aller Herren Länder. Mehr als 40 Prozent der Augsburger sind Migranten, bei den Kindern sind es schon 60 Prozent. Mit lokaler Tradition haben die "Neu-Augsburger" wenig am Hut.

Stattdessen ist es wichtig für die Stadt, die vielen Migranten in den Bildungskreislauf zu integrieren. Bildung bedeutet Chancen auf ein gutes Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe. Der aktuelle Sozialbericht listet Brennpunkte in den Stadtteilen Oberhausen, Rechts der Wertach und Herrenbach auf. Dort haben sich überproportional viele Migranten angesiedelt.

Auch wenn die Zahl der Zugewanderten auf Gymnasien und Hochschulen langsam anwächst. Die Integration bleibt die vielleicht wichtigste Aufgabe der Stadtpolitik. Aus der traditionellen Fuggerstadt wird immer mehr "Augsburg International". Moderne politische Parteien platzieren diese Herausforderung in ihrem Wahlprogramm ganz oben.

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In der Stadt Bobingen planen zugewanderte Muslime den Bau einer Moschee mit einem 18 Meter hohen Minarett. Vor zwanzig Jahren führte ein ähnliches Ansinnen zu Ablehnung und bundesweiter Aufmerksamkeit. Heute werden in Bobingen nur noch baurechtliche Probleme diskutiert. Es ist nicht mehr aufregend, wenn Muslime auch in Greater Augsburg ihre Religion nach ihren islamischen Traditionen leben möchten. Das einst Fremde ist heute normal.

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Beim Fußball-Bundesligisten FC Augsburg stehen 16 Ausländer unter Vertrag. Neuerdings mit Ja-Cheol Koo und Dong-Won Ji auch zwei Südkoreaner. Wenn unsere Online-Redaktion in dem internationalen Social-Network Facebook über Neuigkeiten des Clubs berichtet, dann kommen viele Kommentare aus Südkorea. Die Schriftzeichen, die sie verwenden, nennt man Hangul. Wir können sie nicht entziffern. Aber wir gehen davon aus, dass sie sich darüber freuen, dass ihre Helden in einer bayerischen Stadt wie Augsburg spielen. Welches Kennzeichen die Kicker am Auto haben, ist ihnen vermutlich egal.

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