Sonntag, 23. November 2014

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Greater Augsburg

Notizen aus Stadt und Land

Reiches Augsburg, armes Augsburg

Die alte Reichsstadt Augsburg erfreut sich eines wunderbaren Erbes: der historischen Bausubstanz. Weil Augsburg in früheren Jahrhunderten eine reiche Handels- und Produktionsstadt war, genießen wir viele Prachtbauten. Vom Stadttheater, über das Rathaus mit seinem goldenen Saal bis zu zahlreichen Museen und Fabrikdenkmälern.

Das Dumme ist nur: Heute leidet Augsburg wie ein verarmter Prinz, der den Unterhalt für sein Schloss nicht mehr zahlen kann. Das Volk zahlt weniger Steuern, die Schulden drücken. Deshalb überfordern die bröselnden Altbauten das Stadtsäckel. Aktuell müssen das Römische Museum, das Theater und das alte Bibliotheksgebäude saniert werden. Alleine kann Augsburg den Erhalt nicht schultern. Deswegen ist es gut, dass die Stadt beim Freistaat ein Stein im Brett hat. München hilft bei der Theatersanierung und übernimmt die Staats- und Stadtbibliothek gleich ganz.

Auch im Falle des Römischen Museums könnte eine staatliche Lösung helfen. Die Darstellung der römischen Geschichte in der ältesten Stadt Bayerns muss auch ein bayerisches Anliegen sein. Auf jeden Fall darf es kein Dauerzustand bleiben, dass Schulklassen das Gebäude wegen Einsturzgefahr nicht betreten dürfen.
                                                               ***

Wer dieser Tage von den vielen Unglücken in asiatischen Textilfabriken liest, der fühlt sich ebenfalls an die Geschichte Augsburgs erinnert. Im 19. und 20. Jahrhundert waren wir eine bedeutende Textilstadt. Das Museum tim arbeitet diese Epoche beeindruckend auf. In zahlreichen Fabriken arbeiteten Weber und Hilfskräfte, produzierten hochwertige Stoffe. Dann verlagerte sich das Geschäft in asiatische Billigfabriken. Aus den lokalen Textilarbeitern wurden städtische Arbeitslose.

Die Produktion in Augsburg war wegen hoher Löhne und Sicherheitsstandards zu teuer geworden. Das Theater Augsburg hat den Niedergang dieser Industrie in dem Schauspiel “Die Weber von Augsburg” vor zwei Jahren beeindruckend aufgearbeitet. Jetzt sterben asiatische Textilarbeiter in brennenden Fabriken ohne Brand- und Arbeitsschutz. Daran sollte man sich erinnern, wenn heute Discounter T-Shirts für drei Euro anbieten. Die Hemden aus Augsburg waren deutlich teurer.
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Der heute hohe Migrantenanteil in der Stadt ist auch eine Folge der einst blühenden Textilindustrie. Mehr als 40 Prozent der Augsburger stammen aus aller Herren Länder. Viele kamen als Gastarbeiter, als in den Fabriken noch Stoffe gewoben und gefärbt wurden.

Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass immer mehr Migranten einen Job finden. Laut OECD ist die Beschäftigungsquote von Zuwanderern in Deutschland innerhalb von zehn Jahren von 57 Prozent auf 64 Prozent gestiegen. Die Agentur für Arbeit kann diesen Trend für Greater Augsburg bestätigen. Auch wenn man in die Augsburger Gymnasien und die Hochschule schaut, ist durchaus zu erkennen, dass die Zahl bildungshungriger und leistungsbereiter Zuwanderer wächst.

Die Integration der Migranten ins Arbeits- und Stadtleben ist für die alte Reichsstadt also mindestens genauso wichtig wie der Erhalt der historischen Bausubstanz. Und hier schließt sich der Augsburger Kreis zwischen reicher Vergangenheit und der Aufgabe, trotz leerer Kassen die Zukunft zu gestalten.

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