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Notizen aus Stadt und Land

Warum Weltbild trotz Insolvenz eine Zukunft hat

Wir schreiben das Jahr 2011. Im Juli berichtet der Augsburger Versandhändler Weltbild von seinem Rekordjahr. Der Umsatz klettert auf 1,66 Milliarden Euro. Das Internet-Geschäft wächst um 21 Prozent. Und der Jahresgewinn wird auf eine mittlere zweistellige Millionensumme taxiert. Die über 6000 Mitarbeiter sind stolz. Ihr Unternehmen ist nach Amazon und Otto die Nummer drei im deutschen eCommerce-Markt. Die Arbeitsplätze scheinen sicher.

Das ist gerade mal 30 Monate her. Und nun soll Weltbild nur noch ein Auslaufmodell sein? Ein zahlungsunfähiger Wirtschafts-Dinosaurier ohne Zukunftsperspektive, mit tausenden Mitarbeitern aus dem Großraum Augsburg, denen Arbeitslosigkeit droht? Nein, da kann etwas nicht stimmen.

Um die Zukunftschancen eines der größten Unternehmen im südwestlichen Bayern zu beurteilen , muss man zunächst analysieren, was seit 2011 falsch gelaufen ist.

Vor allem hat der Versandhändler unter seinen katholischen Eigentümern gelitten. Die deutschen Bischöfe stritten verbissen darüber, ob Weltbild erotische Literatur verkaufen darf. In der Debatte kämpften Hardliner gegen liberale Kirchenfürsten. Es ging um Macht und Weltanschauung. Nur um eine Weiterentwicklung des Geschäftsmodells und die Sicherheit der Arbeitsplätze ging es nicht.

Die Folge war, dass die Marke Weltbild Schaden nahm. Wer endlos über ein Unternehmen diskutiert, lähmt nach Außen das Geschäft und nach Innen die Mitarbeiter. Die Bischöfe haben zum Niedergang ihres eigenen Verlags erheblich beigetragen.

Natürlich spielt auch der harte Wettbewerb eine Rolle. Konkurrent Amazon debattierte nicht. Die Amerikaner expandierten und optimierten ihr Online-Geschäft. Bei Weltbild geriet dagegen der digitale Wandel ins Stocken. Und dann kann es im margenschwachen Handel sehr schnell gehen. Wenn der Umsatz lahmt, galoppieren die roten Zahlen.

Doch es ist falsch, nach diesen wenigen schlechten Jahren, den Weltbild-Verlag als Ganzes in Frage zu stellen. Denn es kursieren bereits Sanierungskonzepte, die eine Chance verdient haben. Nach allem was man hört, geht es darum, den Versandhändler konsequenter digital auszurichten. Zuletzt soll sich bereits der Weltbild-eReader „Tolino“ am Markt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Amazons „Kindle“ geliefert haben.

Im deutschen eCommerce ist Amazon zwar Marktführer. Doch es gibt noch genügend Platz für Unternehmen wie Weltbild, lukrative Geschäfte zu machen. Der Insolvenzverwalter wird ein Konzept zur Fortführung vorlegen. Und es gibt gute Gründe für die bayerische Staatsregierung, die Pläne - wie sie am Wochenende durchblicken ließ - zu unterstützen. Dabei geht es um die Sicherung möglichst vieler Arbeitsplätze und um Industriepolitik: Wollen wir es kampflos zulassen, dass ein US-Konzern wie Amazon den deutschen Markt beherrscht?

Mit dem richtigen Konzept hat Weltbild eine Zukunft. Dazu gehört aber auch eine neue Eigentümerstruktur. Die Bischöfe haben das Unternehmen und seine Mitarbeiter in die Krise geführt und insolvent gehen lassen. Jetzt ist es an der Zeit, Buße zu tun.

Das kann nur heißen: Die katholischen Eigentümer sollten das Unternehmen mit Unterstützung der Gläubiger entschulden, es finanziell für einen Neuanfang ausstatten, um dann für immer die Finger von dem Verlag zu lassen. Der Neuanfang bei dem Handelsunternehmen kann nur gelingen ohne die Kirche. Sie hat andere Stärken, als Kommerz zu betreiben.

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