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Notizen aus der Online-Redaktion

Pofalla und der Postillon

Ronald "Ich erkläre die NSA-Abhöraffäre für beendet" Pofalla geht in den Vorstand der Deutschen Bahn. Heißt es. Bei den Kollegen einer renommierten Zeitung. Und bei Nachrichtenagenturen. Allerdings auch in einem Satire-Portal. Houston, wir haben ein Problem.

Donnerstagabend, 2. Januar. Der erste Arbeitstag nach Neujahr, irgendwie ein ziemlich nachrichtenarmer Brückentag. Wie schön, dass da um 14.34 Uhr eine spannende Agenturmeldung hereinflattert: "Bericht: Pofalla wechselt in Vorstand der Deutschen Bahn", meldet afp und beruft sich auf einen Bericht der Saarbrücker Zeitung, die sich wiederum auf "gut unterrichtete Kreise in Berlin" beruft.

So weit, so gut. Es war, es ist ein völlig normaler Vorgang, dass Journalisten von einer politischen oder wirtschaftlichen Personalie Wind bekommen und über diese berichten, ohne ihre Quelle zu nennen. Das gab es schon vor 50 Jahren. Einziger Unterschied zu heute ist vielleicht das Tempo, mit dem eine solche Meldung sich verbreitet.

Um 16.58 Uhr hat auch die Deutsche Presse Agentur,  die praktisch alle deutschen Medien versorgt, die Meldung selbst hinterfragt und berichtet: "Ronald Pofalla, bis vor kurzem noch Kanzleramtsminister, ist als Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn im Gespräch. Entsprechende Medieninformationen wurden der Nachrichtenagentur dpa im Grundsatz bestätigt." Die Meldung erscheint so in weitgehend allen deutschen Online-Newsportalen, auch bei uns.

Angetrieben von dieser Meldung dreht sich jetzt das übliche Nachrichtenkarussell. Zitierfähige Politiker und sonstige Menschen werden befragt, ihre Aussagen zur Personalie Pofalla wiederum dem Medienzirkus zur Verfügung gestellt. Die Kommentatoren und Leitartikler nehmen sich der Causa an. "Ein Hauch von Korruption" wird da verspürt, ein "Geschmäckle" gewittert. Bei Spiegel Online wird Pofalla zum Aufmacher, auch bei stern.de, focus.de und bei uns landet die Meldung auf der Startseite. 

Business as usual, möchte man sagen. Wäre da nicht der "Postillon". Auf dem Satire-Portal steht mit Datum  "Mittwoch, 1. Januar 2014" die Meldung "Exklusiv: Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla wechselt in den Vorstand der Deutschen Bahn". Und weiter: "Wie der Postillon am Mittwochmorgen erfuhr, wechselt der CDU-Politiker und frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn."

In den Blogs und Foren, bei Facebook und Twitter, ist das gefundenes Fressen. Hat der "Postillon" wieder einmal alle mit seiner Satire verladen und tut so, als sei er der Urheber einer verrückten Falschmeldung? Oder, noch schlimmer, ist es umgekehrt: Sind alle renommierten Medien, von der Süddeutschen über Spiegel, Focus und Zeit bis hin zur Saarbrücker Zeitung auf einen Fake hereingefallen, wie viele andere mutmaßen?

Allein die Tatsache, dass genau Letzteres an so vielen Stellen vermutet wurde, sollte uns Journalisten durchaus zu denken geben. Das Misstrauen gegenüber Medien ist groß. Das ist einerseits eine schlechte Nachricht, denn wir Journalisten leben vor allem von unserer Glaubwürdigkeit. Andererseits ist es aber auch eine gute Nachricht. Denn kritische Leser zwingen uns immer wieder zu sorgfältiger Arbeit, zu genauer Recherche.

Im aktuellen Fall gehe ich mal davon aus, dass wir demnächst von offizieller Stelle die Bestätigung bekommen werden, dass Herr Pofalla tatsächlich bei der Bahn im Gespräch ist. Und dass der Postillon mal wieder wunderbar verladen hat. Gleich doppelt verladen, sozusagen. Was ihm vergönnt ist.

Alles andere wäre ja auch arg ärgerlich gewesen.

Update 3. Januar, 10 Uhr: Auch die Kollegen der Ruhrnachrichten beleuchten die Postillon-Verlade und die Reaktionen in den sozialen Netzwerken.

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