Dienstag, 21. November 2017

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Notizen aus der Online-Redaktion

Wenn Leserkommentare plötzlich etwas kosten

In deutschen Blogs – aber auch in einigen Medienhäusern – ist eine neue (oder alte?) Debatte entbrannt. Es geht um die Qualität der Leserkommentare. Dabei gibt es auch eine ungewöhnliche Idee.

Auslöser der Debatte war ein Beitrag von Markus Beckedahl in netzpolitik.org, einem der populärsten Blogs Deutschlands. Beckedahl beschwerte sich darin in durchaus harschen Worten über die vorherrschende Kommentar-Kultur in deutschen Blogs und Foren:

„Ich hab keine Lust mehr. Ich hab keine Lust mehr auf eine Kommentarkultur, wo sich die Hälfte aller Kommentatoren nicht im Ton beherrschen können und ständig einfach irgendwas oder irgend wen bashen – in der Regel mit Beleidigungen und/oder Unterstellungen, die gerne auch mal falsche Tatsachenbehauptungen sind“, so Beckedahl. Und weiter: „Ich hab keinen Bock mehr, wenn ich Beleidigungen und anderes mittlerweile einfach lösche, weitere Kommentare auch zu löschen, die einem Zensur vorwerfen. Informiert Euch mal, was Zensur ist. Macht Euer eigenes Blog auf und kommentiert da alles, was ihr wollt. Seid selbst für Eure Beleidigungen rechtlich verantwortlich.“

Beckedahl traf damit offensichtlich einen Nerv. Denn gleich mehrere Blogs und Medien griffen den Beitrag dankend auf. „Jedes Blog, egal, ob bekannt oder klein, kennt die Dauerbesserwisser, die “ist-ja-sowieso-alles-Sch*”-Finder, die Randalettis, die einfach-nur-mal-ein-bisschen-rumnerven-Woller, die Spinner und die Allesdurchblicker. Sie vergraulen auf die Dauer diejenigen, die bereit sind, in der Sache zu diskutieren und tatsächlich nach Problemlösungen zu suchen“, stellte Vera Bunse auf carta.info fest. „ Den Meisten wird erst bewusst, wie nervig das ist, wenn sie ein eigenes Blog aufmachen und dadurch selbst diese Probleme haben.

Kai Bierman auf zeit.de kam zum Schluss, dass Kommentare im Netz ein „noch lange nicht beendetes Experiment“ seien. „ Jede Seite, jeder Anbieter muss für sich entscheiden, wie viele und welche er wie zulassen will. Sie abzuschalten ist keine Lösung, denn damit hat niemand gewonnen.

 Selbst der Deutsche Journalistenverband meldete sich zu Wort. „Je mehr kommentiert wird, desto größer ist der Bedarf an Diskussion. Sie sollte von den Medien aktiv gestaltet werden“, schrieb der DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Leserkommentare sollten von den Redaktionen ernst genommen und professionell moderiert werden. Dazu gehöre " selbstverständlich auch das Recht von Redaktionen und Forenbetreibern, in Einzelfällen Kommentare zu löschen, die zu strafbaren Handlungen aufrufen oder Personen beleidigen".

Der Tenor ist letztlich immer der gleiche: Viele Autoren und Redaktionen - so auch wir - schätzen Leserkommentare. Sie sind Feedback-Kanal,  Ergänzung unserer Arbeit, Ideengeber, Korrektiv.  Und doch suchen wir alle auch einen Weg, die Trolle und Störer, die Randalierer und Provozierer, die  jedes Forum mit sich bringt, besser auszubremsen - und damit denen eine Stimme zu geben, die an einem konstruktiven Dialog interessiert sind.

 Eine auf den ersten Blick sehr überaschende Idee dazu kommt aus Osteuropa. In der Slowakei, in Slowenien und in Polen haben die großen Verlage ihre Online-Portale mit einer Paywall zugesperrt. Wer die online veröffentlichten Inhalte lesen will, muss dafür zahlen. Es ist ein Schritt, den auch in Deutschland immer mehr Nachrichten-Portale gehen oder gehen werden.

 Zahlen müssen die Nutzer in diesen Ländern aber nicht nur für das Lesen, sondern auch für das Kommentieren von Artikeln. So etwa beim Portal der Tageszeitung SME. Dort können nur noch drei Kommentare kostenlos veröffentlicht werden. Wer mehr diskutieren will, muss dafür zahlen. Die Folge: «Mit der Paywall hat sich die Qualität der Kommentare schlagartig verbessert», zitiert die Medienwoche Radoslav Augustin, den Projektmanager von sme.sk. Die Zahl der täglichen Lesermitteilungen sei zwar von 9000 auf 5000 zurückgegangen. Die Bilanz sei dennoch positiv: "Weniger Kommentare mit eine verbesserte Qualität sind ein Gewinn für Redaktion und Leser", schreibt die Medienwoche.

 Die einen lassen also bezahlen, um Trolle aus ihren Foren fern zu halten. Andere setzen auf Sichtung und individuelle Freischaltung jedes einzelnen Kommentars (was das Haftungsrisiko in der Abmahn-Republik Deutschland deutlich erhöht). Wieder andere erlauben nur noch Kommentare unter Klarnamen - Facebook lässt grüßen. Und dann gibt es auch diejenigen, die auf die Selbstheilung der Community hoffen: Nutzer bewerten ihre Mitschreiber, vergeben untereinander Noten - und entscheiden so selbst darüber, wer öffentlich als "lesenswert" gekennzeichnet wird und wer nicht.

 Ich selbst verfolge die Diskussion jedenfalls mit großem Interesse. Denn auch unsere Community kennt die Probleme. Die Pöbler und Trolle. Die Provokateure und Miesmacher. Die "Zensur!"-Rufer und Stimmungsmacher, für die vor allem die böse Moderatoren grundsätzlich an allem schuld sind. Aber eben auch die klugen Köpfe und Kommentatoren, die interessierten Leser und Fachleute auf ihrem Gebiet, die Kreativen und Hilfreichen - die allerdings nicht selten im Lärm der wenigen Lauten untergehen.

 Ein echtes Patentrezept im Kampf gegen Pöbeleien und Provokationen hat  noch niemand gefunden. Die Debatte wird damit vorerst weitergehen. Und die Leser und Nutzer werden sich dabei mit ihren Kommentaren mit einbringen.

Wie gut.

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