Montag, 29. Mai 2017

09. Mai 2017 08:09 Uhr

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Sascha Lobo bei re:publica: Redet mit rechts gegen rechts

Der Autor und Blogger Sascha Lobo plädiert dafür, das Gespräch mit vermeintlich politisch Rechten zu suchen, um die liberale Demokratie zu stärken. Von Jenny Tobien

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Der Autor Sascha Lobo auf der Internetkonferenz re:publica im labore:tory.
Foto: Britta Pedersen, dpa

Der Autor und Blogger Sascha Lobo plädiert dafür, das Gespräch mit vermeintlich politisch Rechten zu suchen, um die liberale Demokratie zu stärken. «Wir haben gesehen, dass Debatten eine Wirkmacht haben», sagte Lobo am Montagabend auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin. Er habe im Selbstversuch im  letzten Jahr die Diskussion mit rund 100 Menschen gesucht, die er zunächst als politisch rechts oder rechtsextrem eingestuft habe. Sie hätten sich dann aber oftmals als lediglich wütend, ängstlich oder irritiert herausgestellt, sagte der Blogger.

Gleichzeitig warnte Lobo davor, sich an rechtes Gedankengut in der Gesellschaft zu gewöhnen. «Mit Rechten reden bedeutet nicht, mit ihren Funktionären und Zentral-Organen zu reden», sagte er mit Blick auf ein umstrittenes Interview der Journalistin Dunja Hayali mit der Zeitung «Junge Freiheit». Das sei eine Falle.

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Viele Menschen hätten sich aber vom gesellschaftlichen Fortschritt abhängen lassen und seien in die Nähe autoritären Gedankenguts gerückt, ohne tatsächlich menschenfeindliche Ansichten zu vertreten. Es helfe, höfliche und sachliche Diskussion zu führen, Fragen zu stellen und Verständnis für die Begründungen zu zeigen. Einen Doku-Film über Lobos Selbstversuch mit dem Titel «Manipuliert» zeigt der Sender «ZDFneo» am 18. Mai (23.00 Uhr).

Ob Hate Speech oder Fake News: Die Internet-Community kann wohl selbst kaum glauben, wie sich die Kultur und der Umgang im Netz gewandelt haben. Der Ton ist rauer, mitunter unerträglich geworden. Gerüchte oder Falschmeldungen können sich in Windeseile verbreiten. Unter dem Motto «Love out Loud» treffen sich derzeit Tausende Besucher bei der Konferenz re:publica in Berlin - und suchen nach Wegen, das Netz wieder liebenswerter zu machen. 

«Ein kleiner, aber lautstarker Teil der Gesellschaft vergiftet unsere Diskursräume, zieht aber auch die Aufmerksamkeit auf sich», erklärt Mitorganisator Markus Beckedahl von Netzpolitik.org der dpa. Es gelte, sich zu solidarisieren gegen Hass und für Solidarität. Und Mitveranstalterin Tanja Haeussler erklärt: «Die Welt, auch die virtuelle, wollen wir noch immer nicht den Arschlöchern überlassen.» Um dann zum Kampf aufzurufen: «Let's love out loud!» 

"Wir müssen Solidarität im Netz zeigen"

Denn Aktivisten zu verbinden und andere Menschen zu inspirieren, auch das ist Aufgabe der elften re:publica. Die Stimmung auf der Internetkonferenz, die sich längst vom Klassentreffen der Blogger zum großen Branchentreffen gewandelt hat, ist harmonisch, bunt, quirlig. Überall hängen entsprechend dem Motto Herzen, dazu bunte Luftballons. In einer Ecke können sich die Besucher in den Armen einer großen Donald-Trump-Figur fotografieren lassen, daneben der Schriftzug #hugsnothate (Umarmungen nicht Hass).

Aber was kann der Einzelne konkret tun? Tatsächlich haben sich zuletzt mehrere Initiativen gebildet, die gegen Hass im Netz oder gegen die Verbreitung von Fake News angehen. Anfang 2016 startete in Leipzig «hoaxmap», eine digitale Landkarte, die Gerüchte und Falschmeldungen über Flüchtligen entlarvt. Bisher haben die Macher Karolin Schwarz und Lutz Helm mehr als 470 Fälle dokumentiert. 

Wie fallen die Reaktionen aus? «Man hält sich an den positiven Sachen fest», erklärt Schwarz am Rande der re:publica. Da seien die Mails von älteren Leuten, «die in Gesprächen am Gartenzaun auf unsere Daten als Argumentationsgrundlage zurückgreifen». Und: «Bei jedem einzelnen, den man da erreicht, hat sich die Arbeit gelohnt.» Aber auf der anderen Seite sind da auch die Anfeindungen im Netz: «Das sind die üblichen Sachen von Gewaltandrohungen bis hin zu Leuten, die mir Vergewaltigungen wünschen», erklärt die 31-Jährige. 

re:publica 2017 live und im Stream sehen

Ja, der Umgang Miteinander im Netz sei rauer geworden. Aber das sei nicht erst seit gestern so. «Es ist ein schleichender Prozess, den ich schon länger beobachte», sagt Schwarz. Eine kleine, laute Minderheit bekomme viel Aufmerksamkeit. «Und das führt dazu, dass sich viele Leute nicht mehr trauen, sich zu äußern.» Aber: «Ich glaube, dass man dem mit digitaler Zivilcourage begegnen kann.»

Die Statistik zeigt, das der Hass im Netz kein Randphänomen ist. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen aus dem vergangenen Sommer wurden 77 Prozent der 14- bis 59-Jährigen bereits mit Hate Speech konfrontiert. Und laut dem Barometer der EU-Kommission vom Herbst 2016 haben 72 Prozent Hass im Netz erlebt; die Hälfte der Befragten zögerte deshalb, sich in Online-Diskussionen einzubringen.

«Wir müssen Solidarität im Netz zeigen, dürfen nicht weiterscrollen und wegklicken», warnt Konferenz-Mitveranstalter Johnny Haeussler. Oft reiche ein Like, eine Nachricht an Betroffene, um zu zeigen, du bist nicht allein. Und Friedensbuchpreisträgerin Carolin Emcke sagt in ihrer «Reflexion über Liebe und Empathie, on- und offline» treffend: «Wer gedemütigt und verletzt wird, wer verachtet und angegriffen wird, soll sich nicht selbst wehren müssen.»

Viele Veranstaltungen der re:publica 2017 werden live im Stream gezeigt. Zur Seite geht es hier.

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