Dillingen Walter Bizarro baut Möbel auf. Der 42-Jährige zieht gerade in seine neue Wohnung. Noch sind die Wände weitgehend kahl, die Gartenmöbel stehen im Essbereich. Bizarro ist stolz auf seine Einrichtung: "Ich habe alle Möbel neu gekauft." Das Geld hat er in Las Vegas beim Pokern gewonnen. Bei einem Glücksspiel.


Es ist noch nicht lange her, da standen die Möbel noch im Einrichtungshaus und Bizarro fuhr zu einem Pokerturnier nach Bregenz. 300 Euro hatte der Dillinger dabei - so hoch war der Einsatz, den jeder Spieler bei diesem Turnier einbringen musste. Nach unzähligen Pokerrunden hatte Bizarro 10 000 Euro gewonnen. Und dann packte es ihn.
Er dachte an Las Vegas. An das größte Pokerturnier der Welt, das er bisher nur im Fernsehen gesehen hatte - die "World Series of Poker". Er dachte an die Gewinnsumme, die dort insgesamt ausgezahlt wird - 64 Millionen Dollar. An die über neun Millionen, die der Sieger erhält. "Ich hab damit immer geliebäugelt." Bizarro buchte einen Flug. Dann saß er in einer der großen Hallen. Um in herum versuchten etwa 1700 andere Spieler, ihre Gegner zu überlisten. Den Angstschweiß der anderen konnte er nicht riechen. Die Klimaanlage kühlte die Halle auf etwa 18 Grad. Die Augen der anderen konnte er nicht sehen. "Die meisten hatten ein Käppi und eine Sonnenbrille auf." Bizarro bezahlte 10 000 Dollar Startgeld. Die Wahrscheinlichkeit, dass er am Ende ohne einen Cent nach Hause fliegen könnte, war da.
Dann begann ein Pokermarathon. Zehn Stunden am Tag, sieben Tage lang. Der Dillinger versuchte, seine Gegner einzuschätzen. Spielte jemand eher auf Risiko? Dann musste man ihn ausspielen, anstacheln, zum Setzen großer Summen bewegen und am Ende doch überlisten. Spielte jemand sehr sicher? Dann ging der 42-Jährige nicht mit, wenn es um große Einsätze ging. Und wie spielte Bizarro selbst? "Mal aggressiv, mal piano - damit der Gegner nie wusste, ob ich gute oder schlechte Karten hatte."
Zehn Stunden am Tag den Gegner einschätzen. Zehn Stunden volle Konzentration. Und zehn Stunden Rechnen: Welche Karten liegen auf dem Tisch, welche könnten noch ausgegeben werden - was für ein Blatt haben die anderen Spieler? Viele der Profis seien vorher Schachspieler gewesen, sagt Bizarro. Andere waren Professor an einer Universität. Bizarro leitet eine Gerüstbaufirma in München.
Am Tag sieben flog Bizarro aus dem Turnier. Er belegte damit den 644. Platz von über 6000 Teilnehmern. Sein Gewinn: 21 230 Dollar. Bizarro nahm das Geld, stieg ins Flugzeug zurück nach Deutschland. Er fuhr in ein Möbelgeschäft und kaufte sich seine neue Einrichtung.
Eigentlich könnte die Geschichte über Walter Bizarro an dieser Stelle enden. Doch: Was ist das für ein Mensch, der mal eben nach Las Vegas zum Pokern fährt? In Deutschland ist dieses Glücksspiel unter bestimmten Voraussetzungen verboten (siehe nebenstehender Text). Bizarro hat die Berufe Schlosser, Krankenpfleger und Gerüstbauer gelernt. Er hat in seinem Leben auch schon mal einen festen Job gekündigt, um dann einen Telefonbuchverlag zu gründen. "Ich war immer schon risikofreudig." Und bereit, auch mal alles auf eine Karte zu setzen.
Eine Karte, mit der man alles verlieren könnte. Geld, noch mehr Geld, das ganze eigene Geld. Bizarro sagt von sich, dass er nicht süchtig sei. Und: "Ich spiele nicht mehr mit dem Geld, dass ich verdient habe, sondern nur noch mit dem, dass ich gewonnen habe." Seit drei Wochen hat Walter Bizarro nicht mehr gezockt. Wer umzieht und neue Möbel aufbaut, hat keine Zeit zum Pokern.
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