Dillingen Als Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug" 1808 von Goethe im Weimarer Theater erstmals inszeniert wurde, hatte ein herzoglicher Beamter die Frechheit, das Stück auszupfeifen. Der Herzog beugte sich aus seiner Loge und rief: "Wer ist der freche Mensch, der sich untersteht, in Gegenwart meiner Gemahlin zu pfeifen?" Husaren nahmen den Übeltäter fest und sperrten ihn drei Tage ein.
Vertrackter Wortwitz
Bei der Gastspielaufführung des Stücks durch das Landestheater Dinkelsbühl im Dillinger Stadtsaal blieb alles ruhig. Fast zu ruhig. Denn es zeigte sich, dass Kleists vertrackter Wortwitz nicht mehr jenes Szenengelächter auslöst, das von großen Aufführungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts berichtet wird. Offenbar haben Comic-Serien des Fernsehens und verändertes Sprachverhalten dazu geführt, dass zeitgenössische Lachmuskeln stärkeren Tobak benötigen, um in Vibration zu geraten.
Denn witzig war die Inszenierung Frank Piotraschkes durchaus. Lobenswerterweise vertraute dieser Regisseur ganz auf die Bühnenwirksamkeit des Stücks und verzichtete auf die heute üblichen, zumeist aber blödsinnigen Umdeutungen im Sinne des Regietheaters. Wie Emil Jannings in der berühmten Verfilmung von 1937 bot Dorfrichter Adam dem Publikum beim ersten Auftritt seine Hinteransicht dar. Knut Fleischmann präsentierte in dieser Rolle die großartige Studie eines verschlampten Junggesellen, der seine Aufmerksamkeit nicht den Akten und Vorschriften, sondern den weiblichen Reizen zuwendet. Mit sprechender Mimik und differenzierter Gestikulation zeichnete der Darsteller diesen niederländischen Dorfrichter sehr viel besser als mit seinen Worten, weil seine Rede bei hoher Emotionalisierung gelegentlich in schwer verständliches Gurgeln überging.
Andreas Peteratzinger hieß nicht nur Licht, er war auch ein Schreiber, dem in dieser Geschichte von der Selbstüberführung eines schludrigen Juristen schon früh ein Licht aufging. Höchst amüsant demonstrierte der Schauspieler nicht nur seine Sprachkultur, sondern auch die Mischung von natürlicher Intelligenz und beamtenhafter Sehnsucht nach beruflichem Aufstieg in seiner Seele. Maike Frank zeichnete in der Rolle der Frau Marthe ein furioses Weibsbild, das sein Durchsetzungsvermögen dem ungehemmten Redeschwall verdankt. Schon ihre Frisur mit den zwei hörnerartigen Erhebungen signalisiert den Einwohnern von Huisum, dass mit dieser Person nicht gut Kirschen essen ist. Judith Mirjam Bopp hingegen gibt das brave, zurückhaltende Mädchen, das ohne eigene Schuld in den Dunstkreis einer Affäre geraten ist.
Einen großen Auftritt hat Felix von Frantzius als Ruprecht, weil er seine Zeugenaussage mit packender Vehemenz vorträgt und dabei seine Redlichkeit mit einer schönen Mischung aus Naivität und Rechthaberei charakterisiert. Astrid Polak war eine sehr überzeugende Frau Brigitte. In schwarze Kleidung verpackt, verkörperte sie jenen Menschentyp, der alle Voraussetzungen mitbringt, um in spiritistischen Zirkeln zu reüssieren.
In einem Atemzug
Die Uraufführung in Weimar guillotinierte das Stück, weil Theaterdirektor Goethe den Fluss der Komödie durch Einteilung in drei Akte zerbrach. Beim Dillinger Kulturring-Gastspiel wurde "Der zerbrochne Krug" nicht zerbrochen, sondern sozusagen in einem Atemzug durchgespielt. Die Zuhörer bedankten sich auch dafür mit herzlichem Beifall.
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