Mittwoch, 28. Juni 2017

21. März 2017 00:39 Uhr

Serie

Die Abschiebung ist für ihn wie ein Todesurteil

Ein 19-Jähriger, der in Unterthürheim lebt, soll zurück nach Afghanistan. Doch dort steht Habiburahaman Pupal auf der Todesliste der Taliban Von Larissa Torres de Medeiros

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Sein Großvater sei von den Taliban entführt worden, an den Folgen sei er schließlich gestorben. Auch sein Vater musste sein Leben lassen und wurde von Talibankämpfern mitten auf der Straße erschossen, erzählt der Afghane Habiburahaman Pupal. „Ich bin vielleicht der nächste auf ihrer Liste“, drückt der 19-Jährige seine Angst aus. Er hat seit dem 10. Januar Angst, zurückkehren zu müssen in sein Heimatland, das er selbst als unsicher empfindet. Habiburahaman Pupal soll abgeschoben werden. Seit dem offiziellen Ablehnungsbescheid kann er nicht mehr ruhig schlafen und sich kaum mehr auf das Lernen konzentrieren, sagt er.

Seine Freunde und Mitbewohner nennen ihn Habib. Niemand von ihnen ahnt, welcher Nervenkrieg sich derzeit in seinem Kopf abspielt. In seinem vorübergehenden Zuhause lebt Habib mit Landsleuten zusammen. Hier macht vor allem eine Zahl die Runde: Über 12500 Afghanen sollen nach dem Willen des Bundesinnenministeriums in ihr Heimatland abgeschoben werden. Demnach müssten fünf Prozent der knapp 250000 in Deutschland lebenden Afghanen mit einer Abschiebung rechnen, hieß es vor wenigen Monaten. So wie Habib haben auch einige Bundesländer offenkundig Zweifel an der Einschätzung der Sicherheitslage am Hindukusch.

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Habib sitzt nachdenklich auf seinem Sofa. Sein Zimmer ist mit einem älteren Fernseher und einem kleinen Kühlschrank ordentlich eingerichtet. Auf dem Schrank sind tagsüber Schlafmatratze und Bücher deponiert. „Seit der Ablehnungsbescheid kam, habe ich keinen Kopf mehr für die Bücher. Ich weiß, ich sollte lernen, aber es fällt mir im Moment sehr schwer.“

Abgesehen vom Krieg in Afghanistans war Habibs Leben in der südafghanischen Stadt Kandahar verhältnismäßig komfortabel, erzählt er: Sein Vater besaß eine Speditionsfirma und arbeitete mit den Amerikanern zusammen. Er transportierte für die Soldaten Materialien vom Flughafen zu ihrem Lager – eine privilegierte Situation, die Habibs Vater der Familie verschaffte. Allein die Taliban hielten wenig von diesem Unternehmergeist, erinnert sich er 19-Jährige. Nach Drohbriefen und aggressiven Telefonaten mit der Forderung, die Zusammenarbeit mit den US-Soldaten einzustellen, erschossen sie schließlich den Vater auf offener Straße trotz Eskorte zweier Bodyguards. Bald danach habe die Familie weitere Drohbriefe erhalten.

Darin habe gestanden, dass sie Habib nicht mehr zur Schule schicken sollten. „Ich durfte irgendwann nicht einmal mehr das Haus verlassen, um mich mit meinen Freunden zum Cricket zu treffen“, berichtet er. Als Ältester von elf Kindern schickte der Onkel schließlich den damals 17-jährigen Habib nach Europa. Nach vierwöchiger Flucht kam Habib im Juni 2015 in Deutschland an. In Unterthürheim fiel es ihm anfangs schwer, Kontakte zu knüpfen. „Die Kultur hier in Deutschland unterscheidet sich sehr von unserer afghanischen“, blickt Habib auf die Anfangsschwierigkeiten zurück. Besonders wegen sprachlicher Barrieren konnte er kaum auf andere Menschen zugehen.

Mit den Sprachkursen klappte endlich die Kommunikation besser. Mittlerweile geht der 19-Jährige regelmäßig zum Volleyball, und er spielt Fußball im Verein. „Ich kenne jetzt viele Leute und habe auch einige deutsche Freunde gefunden“, freut er sich über die positiven Kontakte. Während es die meisten seiner Landsleute nach München oder in eine andere große Stadt zieht, favorisiert Habib das ländliche Leben. „Mir gefällt es hier sehr gut. Ich möchte eigentlich nicht mehr weg aus Unterthürheim“, sagt er.

Seit Oktober vergangenen Jahres arbeitet er neben der Höchstädter Berufsschule als Praktikant in einem Autohaus. Bisher trieb ihn die Aussicht auf eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker an. Sein Arbeitgeber hat gute Erfahrungen mit dem jungen Afghanen gemacht. Deshalb würde er ihn sehr gerne ausbilden. Habib stelle sich sehr gut an, er sei pünktlich, und alles klappe hervorragend, heißt es im Autohaus. Jetzt müsste nur noch der Papierkrieg geregelt werden. Dann könnte er im September mit der Ausbildung beginnen.

Habibs Werdegang könnte eine Erfolgsgeschichte werden. Doch seit der Ablehnungsbescheid ins Haus geflattert ist, steht alles auf der Kippe. Er verstehe zwar, dass nicht alle Flüchtlinge in Deutschland bleiben können. „Aber ich wäre nicht geflohen, wenn die Lage in Afghanistan sicher gewesen wäre.“ Von der Politik und den Problemen in seinem Heimatland verstehe er wenig. Er weiß nur, dass ihn die Angst lähmt, hier wie dort. Nun muss er dem Gericht glaubhaft machen, dass er zu Hause bedroht ist. Seine Betreuerin und ein Anwalt stehen ihm dabei zur Seite. (mit bäs)

Bei der Übersetzung half Katharina Hillenbrand aus Buttenwiesen.

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