Sonntag, 21. Januar 2018

04. Februar 2016 16:37 Uhr

Lauingen/Augsburg

Familiengeschichte mit Soap-Charakter

Ein Buch über die Familie eines jüdischen Augsburger Journalisten, der seinen schwulen Sohn in Deutschland zurückließ

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Artur Lauinger (rechts) erhielt 1953 das Große Verdienstkreuz vom damaligen Ministerpräsidenten Hessens, Zinn (links), verliehen. In der Mitte ein FAZ-Herausgeber.

Der triste Einband des Buches wird seinem Inhalt nicht gerecht. Darauf zu sehen sind die Herren, die ihm seinen Titel gegeben haben: die Lauingers. Der alleinerziehende Vater Artur posiert 1938 mit ernster Miene neben Sohn Wolfgang. Der Untertitel verspricht dem Leser eine „Familiengeschichte aus Deutschland“. Doch wer das Buch nach den ersten trockenen Seiten noch nicht weggelegt hat, bekommt plötzlich den Eindruck, als lese er das Drehbuch einer spannenden historischen TV-Soap.

Und was gehört zu jeder Soap? Themen, die die Menschen umtreiben. Der Grüne Volker Beck hat sich im Vorwort eines davon vorgenommen: die Gleichberechtigung der Homosexuellen.

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Beck dankt Wolfgang Lauinger dafür, dass er die Leser am Schicksal eines Homosexuellen, der während des NS-Regimes und in der Nachkriegszeit lebte, mit teilhaben lässt. Und dieses Schicksal ist bewegend. Es geht um einen jüdischen Vater, der die Heimat 1939 einfach nicht verlassen will und doch muss. Und um seinen Sohn, der als „Mischling“ in Deutschland zurückbleibt und sich in einen Mann verliebt.

Autorin Bettina Leder skizziert dazu zunächst die Geschichte von Wolfgang Lauingers Ahnen aus Lauingen bei Dillingen und die seines Vaters Artur, der 1879 als Sohn eines jüdischen Hopfenhändlers in Augsburg geboren wurde. Wolfgang Lauinger, den sie über zwei Jahre zum Gespräch traf, hat ihr die Aufzeichnungen seines Vaters überlassen. Er sagte: „Vielleicht fällt Ihnen etwas ein, wie man sie veröffentlichen könnte.“ Und ob: Nach etwa 20 Seiten wechselt die gelernte Germanistin Leder in eine spannende Erzählform und lässt Vater, Sohn und enge Bekannte die Familiengeschichte in der Ich-Perspektive erzählen. Dabei stützt sie sich auf Aufzeichnungen und Erzählungen. Sie habe darauf geachtet, den Inhalt nicht zu sehr abzuändern, sagt sie. Leider ist es schwer nachvollziehbar, wie nah sie den Originalen ist.

Artur Lauingers Ehe mit Tilde ist zerbrochen, und er gesteht sich eine Mitschuld ein. Er war ein Arbeitstier, immer darauf aus, sich auf einen noch höheren Posten zu kämpfen. Schließlich machte er sich in Frankfurt einen Namen als Wirtschaftsjournalist. Er schrieb für die Frankfurter Zeitung und später auch für die FAZ. Sohn Wolfgang spricht von seiner Mutter Tilde in seinen Erzählungen auf eine so liebevolle Art, dass niemand auf die Idee käme, dass sich die beiden nicht gut kannten. Er habe sie in der Öffentlichkeit nicht „Mutter“ nennen dürfen, sagt er, das höre sich so alt an. Als er sie mal als eine „Bekannte“ bezeichnete, sei sie aber eingeschnappt gewesen.

Nach der Machtergreifung will der Vater unbedingt in der deutschen Heimat bleiben. Doch er wird ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und gezwungen, das Land zu verlassen. Er schreibt zum Abschied: „[Meine Söhne] werden mit mir auf eine Zukunft hoffen, die es ihnen gestattet im Rahmen der Gesetze Deutschland von ganzem Herzen zu dienen.“ Dann lässt er den 19-jährigen Wolfgang in Frankfurt zurück und geht nach Argentinien. Sohn Wolfgang allerdings kann keineswegs in Frieden leben. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg – so behauptet er – habe seiner Meinung nach das „Dritte Reich“ für Homosexuelle weiter angedauert. In Lauingers Umkreis wurden Menschen verhaftet, andere begingen Selbstmord. 1950 nahmen die Behörden dann auch ihn mit. Monatelang saß er in Haft – doch eine Anklage gab es nicht. Katrin Fischer

»Bettina Leder: „Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutsch- land“, 259 Seiten, Hentrich & Hentrich Verlag, 24,90 Euro

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