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09. April 2009 04:54 Uhr

Für Autist Gerald drückt Zivi Michael noch mal die Schulbank

Gundelfingen Gerald sitzt in der ersten Reihe, genau vor dem Pult der Lehrerin. Er sitzt alleine. Das will er so. Er leidet am Asperger-Autismus. Dank des Zivildienstleistenden Michael Brodbeck fährt er Tag für Tag mit dem Schulbus zur Gundelfinger Hauptschule. Seit September kümmert er sich um Gerald. Holt ihn zu Hause im Bachtal ab und geht mit ihm zusammen zur Bushaltestelle. "Im Bus hat er seinen eigenen Platz. Er sitzt ganz vorne, dann bekommt er den ganzen Trubel nicht so mit", berichtet seine Mitschülerin Jamina. Von Miriam Zißler

Für Autist Gerald drückt Zivi Michael noch mal die Schulbank
Foto: ALFA

Lärm mag er nicht, Sport auch nicht. Das sind eigentlich die beiden einzigen Punkte, die Gerald von den anderen Jugendlichen unterscheidet. Und er hat noch eine weitere Sonderregelung. "In den Pausen darf er im Klassenzimmer bleiben", sagt seine Lehrerin Ingrid Kling. Das nehme er aber nur bei schlechtem Wetter in Anspruch, fügt Gerald hinzu. "Im Sommer gehe ich schon auch raus", sagt er und lächelt. Seit der siebten Klasse besucht er in Gundelfingen den M-Zweig. "In der Grundschule ist er oft gehänselt worden. Dann ist er ausgeflippt und hat zum Schreien angefangen", erzählt Mario, der ihn seit der ersten Klasse kennt. In Gundelfingen wurde vieles besser.

Der rücksichtsvolle Umgang bekommt ihm gut. Durch sein großes Wissen hat er sich Anerkennung bei seinen Mitschülern erworben. "Er ist unheimlich gut in Mathe, Erdkunde, hat ein großes Allgemeinwissen", sagt Fabian. "Er ist ein Computerass. Manch ein Lehrer holt sich auch bei ihm Rat", ergänzt Jamina. Er würde sehr konzentriert und schnell arbeiten, bestätigt seine Lehrerin. Auch seine ehemalige Klassenleiterin, Elke Seifried, erinnert sich gut an seine besonderen Fähigkeiten. "Er hat einen Routenplaner im Kopf, er kann einen Weg mit allen geologischen Begebenheiten genau voraussagen. In der siebten Klasse konnte er alle Formel-1-Strecken der Welt auswendig auf ein Blatt Papier malen."

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Dass das Miteinander so gut funktioniert, war ein langer Prozess. Anfangs wussten die Mitschüler nicht viel über ihn, seine Krankheit und warum er immer von einem Zivi begleitet werde, sagt Eva. "Aber das hat sich geändert. Mit der Zeit haben wir herausgefunden, wie er tickt", erzählt sie. "Mit Kritik kann er beispielsweise nicht besonders gut umgehen", wirft Jamina ein. "Die Lehrer wurden von einem Betreuer darüber aufgeklärt, was die Krankheit für Auswirkungen auf sein Leben hat und was zu tun ist, wenn er ausflippt. Aber im Großen und Ganzen ist gar kein Unterschied zu den anderen Schülern feststellbar", sagt Ingrid Kling.

Im vergangenen Jahr ist Gerald auf die Abschlussfahrt an den Gardasee mitgefahren - ohne Eltern und ohne Zivildienstleistenden. "Wir waren mit ihm zusammen in einem Caravan. Man musste Rücksicht nehmen, aber dann ging es schon", sagt Bobby. Nach langen Ausflügen sei er schon manchmal geschlaucht gewesen, sagt Elke Seifried, aber dann müsse man einfach mit ihm sprechen und ihn wieder runterholen. Zivi Michael Brodbeck hat da sein eigenes Geheimrezept. "Ich frage ihn einfach etwas ganz anderes und hole ihn so aus der Situation heraus. Das lenkt ihn ab." Etwa über sein Lieblings-Computerspiel "Sim City". Darin kann der Spieler seine eigene Stadt schaffen, mit Häusern, Wasserkanälen und allen anderen Einrichtungen, die für eine Kommune benötigt werden. "Er kann das auswendig", sagt Michael Brodbeck.

Für den Kicklinger endet an Ostern seine Zeit als Zivi bei den Dillinger Maltesern. "Für mich war das schon eine hilfreiche Erfahrung. Ich habe gelernt, wie man vollkommen normal mit einem Behinderten umgeht. Er ist integriert, hat sich positiv entwickelt - das ist doch toll", betont er.

Auch die anderen Schüler empfanden die gemeinsamen Jahre als Positiv. "Für mich ist es eine Bereicherung fürs Leben", sagt Bobby. Bald werden sich die Wege der Schüler trennen. In einigen Wochen stehen die Abschlussprüfungen an. Gerald wollte danach eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen, erhielt aber nur Absagen. Jetzt will er im Anschluss das Wirtschaftsgymnasium in Heidenheim besuchen und danach vielleicht studieren.

Michael Brodbeck: "Es ist toll, dass er an allem teilhaben kann. Im Umgang mit ihm ist es wichtig, dass man ihm zuhört. Wenn man ihm Respekt entgegenbringt, dann respektiert er einen auch."

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