Landestheater Dinkelsbühl mit einer Schwejk-Inszenierung im Stadtsaal
Dillingen „Man soll nicht übertreiben.“ Diese Mahnung der Hauptfigur wäre für die Inszenierung der Komödie ein schönes Motto gewesen. Regisseur Frank Piotraschke vom Landestheater Dinkelsbühl stellte die „Abenteuer des braven Schwejk“ aber in einen grotesken Rahmen. Damit fehlte der ulkigen Geschichte vom naiven Pazifisten der tragische Hintergrund.
Deshalb ließ sich Haseks Erzählung von der Überlebenskunst eines naiven Pazifisten im Ersten Weltkrieg als eine oberflächliche Slapstick-Story missverstehen. Denn auf der Bühne des Stadtsaals wurden Schwejks Freunde und Gegenspieler zu Marionetten degradiert, die nach Art von Stummfilmfiguren über die Fläche wirbelten, auf Latrinen saßen und von ständiger Kopulationsbereitschaft angetrieben wurden. Damit erhielten Bürokratie, Militärapparat und staatliche Willkür einen so spaßigen Akzent, dass die Bedrohung des Individuums nur noch Unterhaltungswert hatte. Die Bühnenfassung von Haseks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ war in Wirklichkeit ein ernstes Problem für Diktaturen. Goebbels verkündete schon 1933, dass das Schwejk-Stück „unkünstlerisch und dekadent“ sei und „in der Zeit des Heroismus“ auf deutschen Bühnen nichts zu suchen habe.
Das Landestheater Dinkelsbühl präsentierte die Dramatisierung des Romans von Stanislav Mosa. Aus dem Roman übernommen wurden vor allem die Dialoge. Die 180 Geschichten, mit denen sich Schwejk im Originalwerk als psychologisch effektiver Schwadronierer profiliert, mussten gewaltig dezimiert werden. Dennoch blieb verständlich, weshalb dieser Schwejk zum Schutzpatron aller anarchisch-antimilitärischen Auflehnung werden konnte.
Die insgesamt problematische Inszenierung bot auch eindringliche Augenblicke. Eine Prügelszene, die quasi im Zeitlupentempo abrollte, die Demonstrationen der dummen Arroganz des Ranghöheren gegenüber dem Untergebenen, die Treuherzigkeit des Antihelden Schwejk in lebensgefährlichen Situationen - alles das wird den Besuchern in Erinnerung bleiben.
Boris Wagner gab der Hauptfigur jenes Profil, das in Tschechien inzwischen als Charakterisierung des Nationalcharakters verstanden wird. Der Schauspieler beherrschte weitgehend den böhmakelnden Slang, der in Verfilmungen auch der brechtschen Stückversion zum Gütesiegel dieses braven Soldaten wurde. Marina Kopp stattete mehrere Frauengestalten mit vitalem Paarungswillen aus, Julia Eckers war vor allem als wortkarges Dienstmädchen eine einprägsame Erscheinung, Andreas Peteratzinger, Thorsten Engels und Bernd Berlep konturierten die verschiedenen militärischen Gestalten als Deppen, Sadisten oder Wüstlinge.
In der Pause äußerten zahlreiche Besucher ihre Irritation angesichts des merkwürdigen Regiekonzepts. Aber dann wurde das Ensemble doch mit freundlichem Schlussapplaus verabschiedet. Vielleicht hatten die Kulturring-Freunde Mitleid mit den gejagten Marionetten und dachten das, was eine Bühnenfigur vorher gesagt hatte: „Mein Gott, ist das anstrengend.“ (E-U)
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